Niederösterreicher nach Eissturz in den Dolomiten wohlauf

Aktualisiert am 04. Juli 2022 | 17:34
Lesezeit: 5 Min
Zwei Seilschaften bei Gletscherabbruch verschüttet
Zwei Seilschaften bei Gletscherabbruch verschüttet
Foto: APA/NATIONALE ALPINE RETTUNGSEINKEIT
Ein nach dem Gletscherbruch an der Marmolata (Marmolada) in den italienischen Dolomiten als vermisst gemeldeter Niederösterreicher ist nach Angaben des Außenministeriums in Wien wohlauf.
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Ursprünglich war der 63-jährige Niederösterreicher am Montagnachmittag als einer von 15 Vermissten angesehen worden, die Rettung hatte ihn demnach zu den ausländischen Gesuchten gezählt, die Mehrzahl sind Italiener. Kurze Zeit später gab das Außenministerium Entwarnung.

Bereits zuvor hatte die APA aus diplomatischen Kreisen in Rom und vom Außenministerium in Wien erfahren, dass vermutet wurde, der Österreicher sei nicht an der Unglücksstelle unterwegs gewesen. Bisher (Stand später Montagnachmittag, 4.7.2022) sind acht Leichen geborgen. Wir berichten laufend:

"Wir haben keinen Anhaltspunkt, dass sich die Person zum Unglückszeitpunkt in dem Gebiet aufgehalten hat", sagte Außenministeriumssprecherin Antonia Praun zunächst auf APA-Anfrage. Kurze Zeit später hatte sie Gewissheit, dass der gesuchte Niederösterreicher wohlauf ist.

Neben den bisher acht geborgenen Toten wurden weitere acht Personen bei dem Unglück am Sonntag verletzt, zwei Deutsche schweben auf der Intensivstation des Krankenhauses von Belluno in Lebensgefahr, hieß es am Montagnachmittag. Bis Montagfrüh waren vier Opfer identifiziert worden. Dabei handelt es sich um drei Italiener, darunter zwei Bergführer aus der Region Venetien, und einen Tschechen.

Die Chance, Überlebende zu finden, ist laut den Rettungseinheiten sehr gering. Das gesamte Gebiet rund um den Gletscher wurde für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Suche nach den Vermissten wurde am Montag mit Drohnen und einigen Rettungseinheiten fortgesetzt, jedoch am Nachmittag wegen schlechten Wetters wieder unterbrochen.

Die Identifizierung der Todesopfer könnte länger dauern, Obduktionen dürften notwendig werden. Die geborgenen Leichen sind von Eis, Steinen und Geröll entstellt, daher ist es vorerst schwierig, die genaue Zahl der Todesopfer zu eruieren. Aus diesem Grund sind DNA-Tests vorgesehen: Die genetischen Daten werden mit denen von Familienmitgliedern und Verwandten abgeglichen.

Kontrollen auf den Straßen des Fedaia-Passes und auf den Parkplätzen rund um den Fedaia-See, von wo aus die Wanderwege zur Marmolata beginnen, ergaben, dass bei mehreren Fahrzeugen die Besitzer noch nicht erreicht werden konnten. Somit versuchen die Carabinieri und die Rettungskräfte, die vermissten Bergsteiger zu identifizieren, indem sie die Nummernschilder mit den Buchungen der Unterkünfte in der Gegend abgleichen. Auch auf der Seite des Berges in der Provinz Belluno werden Kontrollen durchgeführt, da möglicherweise auch von diesem Hang Personen aufgestiegen sind.

Der Präsident der italienischen Bergrettung, Maurizio Dellantonio, glaubt laut dpa, dass es Wochen oder sogar noch länger dauern könnte, bis alle Toten am Hang des Marmolata-Massivs gefunden und geborgen werden. Er erklärte, dass nach dem Gletscherbruch riesige Mengen an Eis und Gestein in Fels- und Gletscherspalten gerutscht seien. Die Felsspalten sollten noch im Sommer freigelegt werden, auch dank des schmelzenden Eises, sagte er voraus.

"Falls aber jemand im oberen Bereich des Berges in Gletscherspalten gestürzt ist, dann wird es schwierig", sagte Dellantonio. "Es ist aktuell nicht möglich, zu graben, weil die Masse an Eis sich schon so festgesetzt hat und hart geworden ist", sagte er. "Das ginge nur mit mechanischem Gerät, aber das können wir nicht hoch bringen."

Weil die Gefahr besteht, dass sich weitere Eisbrocken lösen und abstürzen, dürfen vorerst keine Retter mehr die Flanke des Berges betreten. Mit Drohnen wird nach Leichen und Material gesucht. Das Eis sei teilweise bis zu zehn Meter dick, sagte der Bergretter. Deshalb sei die Lokalisierung und Bergung der Leichen so schwierig.

Die vom Marmolata-Gletscher abgelöste Masse stürzte mindestens 500 Meter mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde auf zwei Seilschaften von Bergsteigern, berichteten die Experten der Alpinen Rettung. Die abgelöste Masse erstreckt sich über eine zwei Kilometer lange Front auf einer Seehöhe von etwa 2.800 Metern.

Die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen könnten für das Unglück verantwortlich sein, vermuten Experten. Am Sonntag wurde bei einer Messstation auf 2.606 Meter Höhe in der Marmolata-Gruppe eine Höchsttemperatur von 16,8 Grad gemeldet. Am 20. Juni waren sogar 17,7 Grad registriert worden. Am Samstag war auf der Marmolata ein Temperaturrekord von zehn Grad am Gipfel gemessen worden, die Durchschnittstemperatur der vergangenen Jahre lag etwa bei sieben. Der Marmolata-Gletscher ist der größte in den Dolomiten und befindet sich auf der Nordseite der Marmolata-Gruppe. Diese liegt in den Provinzen Trient und Belluno.

Der italienische Premierminister Mario Draghi traf Montagvormittag in der Ortschaft Canazei ein, wo sich die Einsatzzentrale befindet. Draghi, der sich persönlich über die Suche nach den Vermissten erkundigen will, traf den italienischen Zivilschutzchef Fabrizio Curcio und den Präsidenten der Region Venetien, Luca Zaia. Er besuchte die Halle in Canazei, in der sich die Leichen der Unglücksopfer befinden. Der italienische Staatschef Sergio Mattarella telefonierte mit dem Trentiner Landeshauptmann Fugatti und kondolierte den Familienangehörigen der Opfer.

Draghi sah laut dpa Handlungsbedarf, um ein solches Unglück in Zukunft zu vermeiden. "Die Regierung muss darüber nachdenken, was passiert ist und Maßnahmen ergreifen", sagte er. Der Abgang der Lawine habe sicherlich etwas mit Umweltschäden und der Lage des Klimas zu tun, erklärte der Parteilose weiter. "Heute weint Italien um die Opfer", sagte Draghi.

Auch Papst Franziskus trauert um die Opfer des Unglücks und betet für ihre Familien. "Die Tragödien, die wir wegen des Klimawandels erleben, müssen uns dazu bewegen, dringend neue Wege zu finden, Menschen und Natur respektieren", twitterte der Heilige Vater. Der frühere Extrembergsteiger Reinhold Messner sieht in dem Gletschersturz eine deutliche Folge des Klimawandels und der Erderwärmung. "Diese fressen die Gletscher weg", sagte der 77-Jährige nach dem Unglück. Die österreichische Gletscherforscherin Andrea Fischer ortet eine reelle Gefahr, "dass solche Prozesse in den österreichischen Alpen im heurigen Sommer passieren".