Flora Schmudermayer: „Jugendliche sollen gern in die Schule gehen“

Erstellt am 05. Oktober 2022 | 04:40
Lesezeit: 7 Min
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An der Spitze der Schülerschaft: Die 18-jährige Flora Schmudermayer will dafür sorgen, dass die Handschrift der Schülerinnen und Schüler bei politischen Entscheidungen so groß wie möglich ist.
Foto: Lisa Röhrer
Die Tullnerin Flora Schmudermayer ist heuer das Sprachrohr der österreichischen Schülerinnen und Schüler. Mit der NÖN sprach sie über die ideale Schule und darüber, was dort statt theoretischem Wissen vermittelt werden sollte.
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NÖN: Sie vertreten heuer die 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler Österreichs. Das ist eine Riesen-Verantwortung. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Flora Schmudermayer: Es ist eine große Verantwortung. Ich hab’ mir die Entscheidung zu kandidieren deshalb auch nicht leicht gemacht. Ich bin jetzt aber schon das dritte Jahr in der Bundesschülervertretung. Da habe ich gemerkt, dass ich etwas verändern kann, wenn ich mich einbringe. Deshalb ist es auch eine schöne Aufgabe.

Welche Eigenschaften braucht man für diese Aufgabe?
Schmudermayer: Ich glaube, man muss drei Dinge mitbringen: Einfühlungsvermögen für die Anliegen der Schülerinnen und Schüler. Dann braucht man Kompromissbereitschaft, denn im Endeffekt geht es darum, eine Durchschnittsmeinung der Schüler zu finden und bei Verhandlungen mit der Politik dafür zu sorgen, dass die Handschrift der Schüler bei Entscheidungen so groß wie möglich ist. Das dritte ist Durchhaltevermögen. Denn manchmal zerrt die Aufgabe schon an einem.

Inwiefern?
Schmudermayer: Meine Vorgängerin hat mir gesagt: „Flora, du setzt dich für die Bildung von 1,1 Millionen Schülern ein und vernachlässigst gewissermaßen deine eigene.“ Ich denke, sie hatte recht. Man verpasst immer wieder den Unterricht und muss immer wieder auf einige Stunden Schlaf verzichten, um nachzulernen.

Dafür verhandelt man mit Politikern oder spricht bei Podiumsdiskussionen. Lernt man dabei nicht auch etwas?
Schmudermayer: Ich werde viel für mein Leben lernen – vom Zeit- über Projektmanagement bis hin zu Diskussionsskills.

Wir wollen keine 60-Stunden-Woche für Schülerinnen und Schüler. 

Wie sieht für Sie die perfekte Schule aus?
Schmudermayer: Für mich geht es bei der idealen Schule vor allem um ein Gefühl. Nämlich das Gefühl, in die Schule reinzugehen und etwas lernen zu wollen. Und zwar nur Dinge, die einen interessieren und die man braucht. In der idealen Schule sitzt man nicht und schaut auf die Uhr, ob die Zeit verstreicht. Man sitzt in der Klasse, um an Ideen zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln.

Was braucht es dazu?
Schmudermayer: Schüler, die wirklich etwas lernen wollen und bereit sind, etwas dafür zu tun. Lehrpersonen, die Schüler auch abseits des Lehrplans auf das Leben vorbereiten. Wenn diese zwei Faktoren funktionieren, kann man überspitzt gesagt auch in einem alten, dunklen Raum sitzen. Dann wird Schule funktionieren. Das dritte ist das Umfeld, an dem wir als Schülervertretung arbeiten.

Es kommt also stark auf die Lehrperson an.
Schmudermayer: Ja, im Fach Geschichte und Politische Bildung merkt man zum Beispiel, dass es ganz unterschiedlich ist, was Lehrpersonen daraus machen. Es gibt die coole, engagierte Lehrperson und die andere, die zum fünften Mal das gleiche unterrichtet. Und den Fachkräftemangel im Lehrberuf merken auch wir Schülerinnen und Schüler, weil wir spüren, dass viele Lehrpersonen überlastet sind. Es liegt nicht in unserer Kompetenz, das zu ändern oder das Lehramtsstudium zu verbessern. Aber wir machen darauf aufmerksam, dass wir uns die beste Lehrerausbildung wünschen, damit wir viel von den Lehrern lernen können.

Als Bundesschülervertretung haben Sie angekündigt, sich von anderen Ländern etwas für das Schulsystem abschauen zu wollen. Was könnte das sein?
Schmudermayer: In Skandinavien gibt es ein ganz anderes Mindset. Und wenn man in die USA schaut, merkt man, dass die Schüler dort gerne in der Schule sind. Das wollen wir auch bei uns: Kinder und Jugendliche sollen wieder gern in die Schule gehen. Es ist wichtig, in einem positiven Lernumfeld zu lernen.

Bei dem Satz, dass man nur lernen sollte, was einen interessiert, würden viele widersprechen und meinen, dass Wissen auch an sich wichtig ist. Was sollte in der Schule aus Ihrer Sicht vermittelt werden?
Schmudermayer: Ich finde, es müsste viel mehr an Skills mitgegeben werden. Theoretisches Wissen kann man sich bis zu einem gewissen Grad selber lernen. Bei mir im Gestaltungsberuf geht es zum Beispiel viel ums Auge, ums Gespür. Das gilt auch für Physik-Wissen und Ähnliches. Dinge wie „Wie bilde ich mir eine Meinung?“ – sowas sollte man in der Schule lernen. Und man sollte lernen, welches Wissen man braucht und wie man es später erweitern kann. Dafür ist natürlich ein gewisses Grundwissen nötig.

Das Wahlrecht ab 16 feiert heuer 15-jähriges Jubiläum. In dem Jahr fordern Sie das Fach Demokratiebildung an Schulen. Warum ist das nötig?
Schmudermayer: Wenn man sich in Österreichs Klassen umhört, wer bei der Bundespräsidentenwahl antritt, und wofür es das Amt braucht, kriegt man wohl nicht die Antwort, die man gerne hätte. Deshalb muss man da ansetzen. Junge Menschen sollen nach der Wahl wissen, warum sie wen gewählt haben und was ihre Stimme bedeutet.

Der Jugend wird oft vorgeworfen, dass sie sich nicht für Politik interessiert und zu wenig einbringt. Stimmt das?
Schmudermayer: Ich bin im ersten Jahr an der Schule gefragt worden, ob ich mich für Politik interessiere, und habe sofort „Nein“ geantwortet. Dann habe ich mich wochenlang gefragt, warum ich mich nicht dafür interessiere. Das war für mich ein Schlüsselmoment. Da habe ich gemerkt, dass es bei Politik um mich, um meine Zukunft und die Gestaltung meines Umfelds geht. Dafür muss ich mich interessieren. Ich glaube auch, dass bei Gleichaltrigen Interesse da ist, auch wenn sie sagen, dass sie sich nicht dafür interessieren. Da ist die Hemmschwelle groß. Politik ist ein großes Wort.

Und fühlen Sie sich als junger Mensch von der Politik ernstgenommen?
Schmudermayer: Teils teils. Ich glaube, in den vergangenen Jahren ist der Fokus schon auf die Jugend gerückt. Aber es gibt sicher noch Potenzial.

Apropos Politik: Es heißt oft, dass die Schülervertreter die Politiker von morgen sind. Bei Claudia Plakolm oder Werner Amon war das etwa der Fall. Trifft das auch auf Sie zu?
Schmudermayer: Ich werde mich immer für Bildungspolitik interessieren. Aber Politikerin werde ich keine. Ich mache meine Ausbildung fertig, dann studiere ich Landschaftsbau und dann werde ich das machen, was mir neben der Bildungspolitik viel Freude bereitet: Garten- und Landschaftsgestalterin sein.

Neben Demokratiebildung fordern Sie ein neues Fach für Wirtschafts- und Finanzbildung. Man hatte zuletzt auch den Eindruck, dass die Last für Schüler ohnehin groß ist. Soll hier bei anderen Fächern gespart werden oder schaffen Schüler das zusätzlich?
Schmudermayer: Unsere langfristigen Ziele sind visionär. Da wollen wir eine Richtung anstoßen. Natürlich wollen wir keine 60-Stunden-Woche für Schüler. Das schafft kein positives Lernumfeld und keinen Platz für Kreativität.

Und wie geht es den Jugendlichen zurzeit generell? Mit Corona, dem Krieg, der Energie-Knappheit haben Schülerinnen und Schüler heute schon viele Krisen miterlebt. Hat das zu Zukunftssorgen geführt?
Schmudermayer: Wir sind wirklich durch viele Krisen gegangen. Deshalb ist die Sicherheit der Zukunft ein großes Thema, über das schon viel gesprochen wird. Persönlich lässt mich das natürlich nicht kalt. Was mir aber Hoffnung macht, ist, dass es sehr viele Hilfsprojekte von Schülern gibt. Da merkt man, dass Schülern ihre Mitmenschen und ihre Zukunft wichtig sind.