Adolf Hitlers Wurzeln in Niederösterreich. Von der Sommerfrische zum Sperrgebiet: Adolf Hitlers Beziehung zum Waldviertel war ambivalent.

Von Daniel Lohninger und Michaela Fleck. Erstellt am 03. März 2020 (03:01)
16 war der junge Adolf, als ihn ein Klassenkamerad „nach der Natur“ zeichnete. Den Sommer verbrachte er damals im Waldviertel.
Sammlung Rauc

Adolf Hitlers Jugendjahre waren geprägt von seiner Zeit in Oberösterreich und Wien. Das ist bekannt und Thema der aktuellen Ausstellung „Der junge Hitler – Prägende Jahre eines Diktators“ im Haus der Geschichte in St. Pölten. Weniger bekannt ist, dass sie auch geprägt waren von der Heimat seiner Eltern – dem Waldviertel. Denn Adolf Hitlers Mutter Klara, eine Magd aus einfachen Verhältnissen, stammte aus Spital bei Weitra, sein Vater Alois, der uneheliche Sohn von Maria Anna Schicklgruber, aus Döllersheim.

Vor allem in der Heimat seiner Mutter verbrachte der junge Adolf Hitler viel Zeit. Mit 14, der Vater war gerade erst verstorben, weilte er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern auf „Sommerfrische“ auf dem Bauernhof von Klaras Schwester. Mit 16 kurierte er sich ebendort aus, hielt sich aber von der Feldarbeit fern. Mit 19 wollte er zwar im Sommer gar nicht „hinauffahren“, schrieb an seinen Freund „Gustl“ Kubizek in Wien dann doch eine Ansichtskarte aus dem Waldviertel.

„Ein Bauernhof in sehr fruchtbarer Lage im Waldviertel [...]“ Verkaufsanzeige von „Herrn Alois Hitler“ in der Neuen Warte am Inn vom 11. Oktober 1890

Im Laufe der 1920er-Jahre versuchte Adolf Hitler allerdings zunehmend, seine Waldviertler Wurzeln zu verschweigen. Und die Heimat seines Vaters überhaupt auszuradieren. Nur Monate nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich ließ Hitler Döllersheim und die Nachbardörfer zum militärischen Sperrgebiet erklären, das Ehrengrab der Großmutter zerstören und die mehr als 7.000 Einwohner der Region zwangsumsiedeln. 1942 entstand hier der Truppenübungsplatz Allentsteig.

Einziges Zeugnis seiner Ahnen in Döllersheim sind die Taufakten. Das Taufbuch seines Vaters Alois ist jetzt im Rahmen der Ausstellung in St. Pölten zu sehen. Die Berichte über seine „Sommerfrische“, die Verwandtschaft und den „Bauernhof in fruchtbarer Lage“ sind dagegen im pünktlich zur Ausstellung erschienenen Band „Hitler – Prägende Jahre“ von Hannes Leidinger und Christian Rapp nachzulesen.

In Spital bei Weitra – anders als in Döllersheim – konnte oder wollte Adolf Hitler seine Spuren nicht auslöschen. So ist dort auch dokumentiert, dass er während seiner Ferien als Jugendlicher in der nahen Bezirkshauptstadt Gmünd regelmäßigen Kontakt zum Gmünder Stadtpfarrer Franz Oelzelt suchte. Oelzelt saß ab 1923 als christlich-sozialer Abgeordneter im Nationalrat, war später auch federführend bei der Rekrutierung junger Waldviertler für die Vaterländische Front. Mit Hitlers Machtergreifung wurde Oelzelt aber zum „System-Feind“ und in den Ruhestand geschickt.

Adolf Hitler agitierte bereits 1920 in Gmünd

Adolf Hitler machte auch als politischer Agitator seine ersten Schritte im Waldviertel. So dokumentiert der Historiker Friedrich Polleroß, dass der damals 31-Jährige am 10. Oktober 1920 eine seiner ersten Reden (in Österreich) in Gmünd hielt: Nur wenige Monate nach Gründung der NSDAP agitierte er vor der Nationalratswahl gegen die bevorstehende Abtretung von Gmünder Vororten an die neu gegründete Tschechoslowakei.

So sehr sich Hitler von seiner Waldviertler Verwandtschaft distanzierte, so sehr litt diese nach Kriegsende unter seinem Namen. Das dokumentierte der Weitraer Heimatforscher Franz Romeder detailreich. Johann Schmidt, der 2003 verstorbene Cousin Hitlers aus Spital, wurde nur Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verhaftet und landete für zehn Jahre in russischer Gefangenschaft. Der Grund: Er war ein Verwandter Hitlers.

Seine Eltern starben in einem russischen Lager. Ähnlich erging es den Eltern von Adolf Koppensteiner aus Langfeld, dem Sohn einer Cousine Hitlers. Er wuchs ab dem fünften Lebensjahr mit seinen Schwestern als Vollwaise auf. Erst nach Öffnung russischer Akten in den 90er-Jahren wurde klar, warum: Seine Eltern waren in ein russisches Lager deportiert worden und starben dort um 1950.