"Gefallener Gigant": Deutschland erlebt nächstes WM-Trauma

Erstellt am 02. Dezember 2022 | 10:42
Lesezeit: 4 Min
Lange Gesichter bei den Deutschen
Lange Gesichter bei den Deutschen
Foto: APA/dpa
Nach dem schockierenden Aus bei der WM in Katar herrscht im deutschen Fußball-Kosmos nahezu Weltuntergangsstimmung. "Böses Ende einer großen Fußballnation", titelte etwa die "FAZ". Trotz eines turbulenten 4:2-Sieges am Donnerstag gegen Costa Rica reichte es in der Gruppe E nur zu Platz drei, weil Spanien gegen Japan (1:2) verlor. Wie schon bei der WM 2018 in Russland treten die Deutschen verfrüht die Heimreise an, vom Glanz des WM-Titels von vor acht Jahren ist wenig übrig.
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Im Gegenteil, die DFB-Auswahl muss sich wieder in den Spiegel schauen, alles hinterfragen. Auch Bundestrainer Hansi Flick, der nach dem WM-Debakel vor vier Jahren als damaliger Bayern-Erfolgstrainer den Turnaround schaffen sollte. Die BBC sprach von einem "gefallenen Giganten des Weltfußballs", die Häme war den Deutschen vor allem in britischen Medien gewiss. Englands Fußball-Legende Gary Lineker twitterte: "Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten einen Ball und am Ende gewinnen immer die Deutschen. Wenn sie es durch die Gruppenphase schaffen."

Kai Havertz, Doppel-Torschütze gegen Costa Rica, brachte die Misslage auf den Punkt: "Das könnte auch ein Horrorfilm sein." Flick will jedenfalls das ausgerufene und weit verfehlte Ziel Titelgewinn sowie die klar verpasste Rückkehr in die Weltspitze "sehr, sehr schnell" aufarbeiten, sagte er. "Ich bin immer einer, der sehr kritisch ist, und das wird auch in die Analyse mit einfließen." Diese werde sehr zeitnah erfolgen. Er und DFB-Direktor Oliver Bierhoff, beide im Zentrum der Kritik, hatten noch im Schockzustand des nächsten Turnier-Desasters in Al Khor deutlich gemacht, dass sie ihre Arbeit fortsetzen wollen, die Heim-EM 2024 ihr nächstes Ziel sein soll.

"Mir macht es Spaß. Wir haben eine gute Mannschaft", sagte Flick. Diese durfte aber am Freitag direkt nach dem letzten Gruppenspiel den Heimflug antreten. Weit nach Mitternacht verließ der riesige DFB-Tross eskortiert von der katarischen Polizei mit zwei großen Teambussen und Begleitfahrzeugen den nächsten Schreckensort des deutschen Fußballs. WM-Vorrunden-Aus 2018, EM-Achtelfinal-Aus 2021, WM-Vorrunden-Aus 2022 - die so stolze Fußball-Nation Deutschland, dekoriert mit vier WM-Titeln und drei EM-Titeln, hat das Gütesiegel Turniermannschaft endgültig verloren.

Auch Flick konnte das Potenzial des 26-köpfigen WM-Kaders nicht heben. Er fand im Turnier nach dem Fehlstart gegen Japan (1:2) nie seine Wunschelf, in der Personalauswahl vercoachte er sich gleich mehrfach - besonders das Festhalten an Thomas Müller wirkte fatal. Flick lieferte zahlreiche Angriffspunkte. "Wir haben alle einen sehr großen Teil dazu beigetragen, dass wir nach Hause fahren", sagte Flick, der wie Bierhoff beim DFB noch eine Vertragslaufzeit bis 2024 hat. DFB-Präsident Bernd Neuendorf schloss einen Schnellschuss aus. "Wir dürfen den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen", sagte er. Für nächste Woche kündigte er eine Krisensitzung mit Bierhoff, Flick und DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke an.

Mittelfeldmotor Joshua Kimmich kämpfte gar mit den Tränen. "Wir fahren wieder nach Hause. Dementsprechend habe ich ein bisschen Angst davor, echt in ein Loch zu fallen", sagte der 27-jährige Bayern-Profi nach dem nächsten WM-Trauma. "Für mich ist es echt, würde ich sagen, der schwierigste Tag meiner Karriere." Er werde persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht, deshalb sei das für ihn "nicht so einfach" zu verkraften. "Ich bin 2016 dazugekommen, davor war Deutschland immer im Halbfinale. Dann kommt man dazu und scheidet zweimal in der Vorrunde aus, im letzten Jahr im Achtelfinale. Das ist nichts, wofür man stehen möchte", ergänzte Kimmich.

Müller hielt unterdessen Worte an die Nation, die nach Abschied klangen. "Wir haben unglaubliche Momente miteinander gehabt", sagte der 33-Jährige in der ARD an die Fans gerichtet. "Ich habe in jedem Spiel versucht, mein Herz auf dem Platz zu lassen. Allen Einsatz geliefert. Manchmal gab es einen neuen Trend durch meine Aktionen, manchmal hatten auch die Zuschauer Schmerzen im Gesicht, weil Aktionen nicht gelungen sind. Ich habe es mit Liebe getan. Da könnt ihr euch sicher sein. Und alles Weitere muss ich erst mal sehen."

Antonio Rüdiger versuchte eine Erklärung in der Mentalität der Mannschaft zu finden. "Die letzte Gier, dieses etwas Dreckige - das fehlt uns", sagte der Verteidiger von Real Madrid. "Viel Talent, alles schön und gut. Aber da gehört mehr dazu als einfach nur Talent, da spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Da müssen wir uns verbessern, ansonsten kommen wir nicht weiter."