Menschen mit Behinderung öfter von Gewalt betroffen. Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung sind in Österreich im Vergleich zu Menschen ohne Behinderung überdurchschnittlich oft von Gewalt betroffen. Das zeigen die am Donnerstag veröffentlichten Ergebnisse einer Studie unter Leitung des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS). Personalmangel sowie starke strukturelle Einschränkungen erhöhen das Risiko für Gewalterfahrungen.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 12. Dezember 2019 (13:13)
Acht von zehn Befragten widerfuhr laut Studie Gewalt
APA (AFP)

"Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es sowohl hinsichtlich sexueller, als auch körperlicher und psychischer Gewalt durchwegs hohe Zahlen an Gewaltfällen bei Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung gibt und das in allen Lebenslagen", sagte die Studienleiterin Hemma Mayrhofer bei einer Pressekonferenz in Wien. Um an die in dieser Form erstmalig in Österreich vorhandenen annähernd repräsentativen Daten zu gelangen, wurden insgesamt 376 Personen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung sowie 86 Betreuer von 2017 bis Mitte 2019 befragt.

Mehr als acht von zehn der Befragten gaben an, dass sie bereits psychische Gewalt erfahren hätten. Sechs von zehn Befragten traf schwere psychische Gewalt wie hartnäckige Belästigung oder gefährliche Drohung. 80 Prozent der Studienteilnehmer berichteten von körperlichen Gewalterfahrungen. 40 Prozent der Befragten erlitten schwere körperliche Gewalt. Stark betroffen sind hiervon vor allem jene Personen, die auf Hilfe bei der Körperpflege angewiesen sind. Von sexueller Gewalt ist jede zweite Person mit Behinderung in Österreich betroffen. Jeder dritte Befragte war schwerer sexueller Gewalt mit direktem Körperkontakt bis hin zur Vergewaltigung ausgesetzt.

"Im Vergleich zu Personen ohne Behinderung zeigt sich, dass Menschen mit Behinderung etwa dreimal so oft wiederholt hartnäckig verfolgt oder belästigt werden", sagte Mayrhofer, wobei sie eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung aus dem Jahr 2011 als Vergleich heranzog. Auch würden die Befragten in etwa doppelt so oft getreten oder gestoßen und drei- bis viermal so häufig mit einer Waffe bedroht werden.

Die Familie ist vor allem dann ein gefährlicher Ort für die Befragten, wenn die Angehörigen mit der Betreuung überfordert sind. Aber auch in diversen Betreuungseinrichtungen, in der Schule und im öffentlichen Raum kommt es häufig zu Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung.

Das Risiko von Gewalt jeglicher Art betroffen zu sein ist besonders bei Befragten, die in lieblosen Familienkonstellationen aufwachsen mussten und Personen mit psychischer Erkrankung erhöht. "In vielen Einrichtungen sind die Befragten aber auch unverhältnismäßig starken strukturellen Einschränkungen ausgesetzt", nannte Sabine Mandl vom Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte einen weiteren Risikofaktor. "Starre Strukturen fördern Gewalt, indem sie die Unzufriedenheit steigern", erklärte Mandl und nannte Beispiele wie nicht verschließbare Sanitäranlagen oder fixe Waschzeiten.

Zudem ist Personalmangel in Betreuungseinrichtungen ein Problem. Aufgrund des daraus resultierenden Stresses kann vom Personal schlechter auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen eingegangen werden. Auch Konflikte unter den Betreuten können dadurch seltener gehandhabt werden.

Um der Gewalt an Menschen mit Behinderungen entgegenzuwirken, braucht es laut Anna Schachner, Mitarbeiterin des "Querraums für Kultur- und Sozialforschung", neben mehr personellen Ressourcen auch eine Aufstockung an lebensnah aufbereiteten Unterstützungsangeboten. "Es zeigte sich, dass viele Befragte Unterstützung bei der Kommunikation brauchen, um gewisse Gewaltformen überhaupt benennen zu können. Nur rund die Hälfte der Befragten war sexuell aufgeklärt", sagte Schachner. Die Anzahl der von Gewalt Betroffenen Menschen mit Behinderung liegt somit höchstwahrscheinlich noch höher. Auch empfahl Schachner einen Rückzugsort und eine Vertrauensperson innerhalb und außerhalb der Betreuungseinrichtungen, um die Anzahl der Gewalterfahrungen senken zu können.