WHO schärft Empfehlungen für Luftschadstoffe nach

Die Luftverschmutzung ist eine der größten Umweltbedrohungen, jährlich sterben deswegen Millionen Menschen frühzeitig. Die WHO schärft nun ihre Empfehlungen für die Belastungen mit den sechs Luftschadstoffen Feinstaub PM2,5 und PM10, Stickstoffdioxid, Ozon, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid nach. Ausschlaggebend für die Überarbeitung der vor 15 Jahren festgelegten Werte ist die inzwischen eindeutige Evidenz der negativen Auswirkungen auch bei geringeren Konzentrationen.

APA / BVZ.at Erstellt am 22. September 2021 | 16:04
Grenzwerte für Stickstoffdioxid & Co. nun deutlich geringer
Grenzwerte für Stickstoffdioxid & Co. nun deutlich geringer
Foto: APA/dpa

Zum ersten Mal formuliert die WHO auch Empfehlungen für Langzeitbelastung mit Ozon sowie für die Tagesbelastungen mit Stickstoffdioxid (NO2) und Kohlenmonoxid. Die Belastung mit Stickstoffdioxid, das in Ballungsräumen vor allem aus Diesel-Autos kommt, soll statt wie bisher höchstens 40 künftig nur noch zehn Mikrogramm pro Kubikmeter betragen. Die EU erlaubt zurzeit 40. Das österreichische Umweltbundesamt wies am Mittwoch darauf hin, dass die Rechtsvorschriften der EU zur Luftqualität derzeit aktualisiert werden. Der EU-Grenzwert für Feinstaub mit Partikelgröße 2,5 Mikrometer (PM 2,5) liegt bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die WHO empfahl bisher zehn und halbierte nun auf fünf Mikrogramm.

Ein erster Vergleich mit den Messwerten des Jahres 2020 in Österreich zeige, dass der Jahres- und Tagesmittelwert für Feinstaub PM2.5 an so gut wie allen Messstellen in Österreich höher liegt als die neuen Richtwerte. Der neue Richtwert für Ozon für die warme Jahreszeit wird an allen Messstellen überschritten. An drei von vier der Messstellen wird ein höherer Jahresmittelwert gemessen als der neue NO2-Richtwert, an über 80 Prozent der Messstellen liegt der Tagesmittelwert über dem neuen Richtwert. So gut wie keine Überschreitungen sind bei Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid zu erwarten, schrieb das Umweltbundesamt.

"Ich bin überhaupt nicht überrascht, dass die meisten Richtwerte der betrachteten Luftschadstoffe beziehungsweise Luftverunreinigungen abgesenkt wurden. Das konnte man aus der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen Jahre, mit der wir uns ständig auseinandersetzen, ableiten. Das Ausmaß, speziell was den NO2-Langzeitmittelwert betrifft, wird allerdings viele überraschen, manche entsetzen. Wir haben jedenfalls seit Jahren eine Absenkung des NO2-Jahresmittelwerts gefordert", sagte Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien zur neuen WHO-Empfehlung.

Handlungsbedarf herrscht: Jedes Jahr sterben nach WHO-Schätzungen weltweit sieben Millionen Menschen frühzeitig infolge von Luftverschmutzung. Millionen Menschen würden gesunde Lebensjahre geraubt. Bei Kindern könne das Wachstum der Lungen gestört werden und es könnten verstärkt Asthma-Symptome auftreten. Bei Erwachsenen könne Luftverschmutzung Herzkrankheiten und Schlaganfälle begünstigen. Auch der im Vorjahr publizierte Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) unterstreicht die Notwendigkeit einer Schadstoffreduktion, denn demnach sterben allein in der EU über 400.000 Menschen jährlich vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung. Laut EEA bedeuten diese Zahlen einen deutlichen Rückgang, denn 1990 habe die Zahl der vorzeitigen Todesfälle noch bei einer Million gelegen. Trotzdem: In Europa stellt die Luftverschmutzung nach wie vor die größte Umweltbedrohung für die Gesundheit dar.

Mit der WHO-Empfehlung bei Feinstaub PM2.5 auf fünf Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ist der aktuell gültige EU-Grenzwert mit 25 Mikrogramm fünfmal höher angesetzt. "Bei den Vorgaben der EU handelt es sich um politische Entscheidungen, wie viele zusätzliche Todes- und Krankheitsfälle man als Gesetzgeber toleriert - vor allem aus ökonomischen Gründen. Was man nun gut anhand der neuen Richtwerte erkennen kann, ist die immer größere Diskrepanz zwischen medizinisch fundierten Empfehlungen und der gesellschaftspolitischen Realität. Diese Schere geht immer weiter auf", stellte Hutter in diesem Zusammenhang mit den Unterschieden bei WHO und EU fest.

Der Vergleich des bisherigen WHO-Grenzwerts bei PM2.5-Feinstaub mit jenem der EU zeigt, dass mit diesem acht Prozent der städtischen Bevölkerung in der EU Belastungen ausgesetzt sind, aber 77 Prozent mit dem bisherigen WHO-Richtwert als Maßstab. Die WHO-Grenze überschreiten die meisten der europäischen Staaten, wie aus dem gestern, Dienstag, publizierten EEA-Report hervorgeht: So schaffen es zwar bis auf Polen, Tschechien, Italien und Kroatien die meisten Länder die EU-Grenzwerte einzuhalten, aber bei den zehn Mikrogramm der WHO scheitern 28 von 35 europäischen Staaten, nur Albanien, Estland und den skandinavischen Staaten bleiben darunter.

Die WHO betont aber gerade den Effekt der besonders gesundheitsgefährdenden, weil noch feineren Partikel PM 2,5, also der Teilchen mit weniger als 2,5 Mikrometer Durchmesser: Würden die WHO-Richtwerte hier eingehalten werden, könnten rund 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden vorzeitigen Todesfälle vermieden werden. Beim Feinstaub PM10 ist die Änderung auf 15 statt bisher 20 Mikrogramm weniger stark ausgefallen, der EU-Grenzwert liegt hier bei 40 Mikrogramm. Jedoch sind die WHO-Leitlinien nicht verbindlich, sondern gelten als Richtschnur für Länder und Staatenverbünde wie die EU. "Luftverschmutzung trifft am stärksten die Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen", sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

(S E R V I C E - WHO allgemein zu Luftqualitätsrichtlinien: http://dpaq.de/62f2B, WHO zu Luftverschmutzung: http://dpaq.de/mlEOB, EEA-Bericht Luftqualität in Europa: https://www.eea.europa.eu/, Umweltbundesamt - Emissionstrends Österreich: http://go.apa.at/bFcnx9KN)