Erdogan warnt vor Ethno-Krieg. Angesichts des Unabhängigkeitsreferendums der Kurden im Nordirak hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag vor der Gefahr eines "ethnischen und konfessionellen" Krieges gewarnt. Zugleich drohte er erneut mit einem Öl-Boykott. Die irakischen Kurden würden hungern, sollte die Türkei die Grenze für Lastwagen und Öltransporte schließen, sagte Erdogan.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 26. September 2017 (15:20)
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Nach dem Referendum feierten die Kurden ausgelassen auf den Straßen
APA/dpa/ag.

Sollten der irakische Kurdenführer Massoud Barzani und die kurdische Autonomieregierung nicht sehr rasch ihren Fehler einsehen, "werden sie mit der Schande in die Geschichte eingehen, unsere Region in einen ethnischen und konfessionellen Krieg gestürzt zu haben", meinte Erdogan in einer Fernsehansprache am Tag nach dem umstrittenen Referendum im Nordirak.

Alle militärischen und wirtschaftlichen Optionen längen auf dem Tisch. "Sie werden in der Patsche sitzen, wenn wir unsere Sanktionen starten", warnte Erdogan. "Wenn wir die Ölhähne zudrehen, werden alle ihre Einnahmen verschwinden".

Erdogan beschuldigte Barzani wegen des Unabhängigkeitsreferendums des "Verrats", weil er die Abstimmung ohne Konsultationen mit anderen angesetzt habe. Bis zuletzt habe er nicht erwartet, dass Barzani solch einen Fehler mache, meinte der türkische Präsident. "Offenbar haben wir uns geirrt".

Auch der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi will das kurdische Unabhängigkeitsreferendum nicht anerkennen. Er werde sich mit dem Ergebnis nicht beschäftigen, sagte Al-Abadi am späten Montagabend. Beim Referendum zeichnete sich eine klare Mehrheit für eine Abspaltung vom Rest des Landes ab. Al-Abadi kündigte an, er wolle die Maßnahmen gegen diejenigen verschärfen, die für "dieses Chaos und diese Zwietracht" verantwortlich seien.

Die ersten Auszählungen deuteten darauf hin, dass mehr als 90 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit gestimmt haben. Die vorläufige Wahlbeteiligung lag bei mehr als 72 Prozent, wie die Kommission am Montagabend weiter mitteilte. Wegen des großen Andrangs blieben die Wahlbüros eine Stunde länger, bis 18.00 Uhr MESZ, offen.

Das endgültige Ergebnis soll innerhalb von drei Tagen verkündet werden, eine überwältigende Zustimmung gilt als sicher. Nach dem Referendum feierten die Kurden ausgelassen auf den Straßen. Durch die kurdische Hauptstadt Erbil fuhren hupende Autos, teilweise brach der Verkehr zusammen. Menschen tanzten auf den Gehsteigen und schwenkten rot-weiß-grüne kurdische Fahnen. Immer wieder stieg Feuerwerk auf, Freudenschüsse waren zu hören.

Auch im Iran gingen tausende Kurden auf die Straße gegangen, um ihre Unterstützung für das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im benachbarten Irak zum Ausdruck zu bringen. Sie ließen sich auch nicht durch Kampfflugzeuge einschüchtern, die Teheran als Machtdemonstration über ihre Wohngebiete fliegen ließ.

Von den insgesamt 30 Millionen ethnischen Kurden in der Region, die keinen eigenen Staat haben, leben zwischen acht und zehn Millionen im Iran. Angesichts des Referendums im Nordirak fürchtet Teheran einen wachsenden Druck dieser ethnischen Minderheit, die im Iran schon lange um mehr Rechte kämpft.