Architekt Gustav Peichl mit 91 Jahren verstorben. Er gehörte zu den prägenden Architekten Österreichs der Nachkriegszeit und als "Ironimus" zu den prominentesten Karikaturisten: Nun ist Gustav Peichl am Sonntag (17. November) im Alter von 91 Jahren nach kurzer Krankheit in seinem Haus in Wien-Grinzing gestorben, wo er seit 1962 lebte. Dies teilte die Familie der APA mit. Die Architekturwelt verliert einen ihrer kreativsten Proponenten.

Von APA, Redaktion und Redaktion noen.at. Update am 18. November 2019 (15:49)
Stararchitekt und Zeichner Gustav Peichl
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Seine Bauten sind in Österreich bekannt, als "Ironimus" war aber noch breitenwirksamer erfolgreich: Der Architekt Gustav Peichl kommentierte als Karikaturist fast 70 Jahre lang vor allem das politische Geschehen. Mehr als 12.000 Karikaturen, 30 Bücher und 100 Ausstellungen umfasst sein umfangreiches Werk. Am vergangenen Sonntag verstarb der "zeichnende Journalist" im Alter von 91 Jahren.

Sein Markenzeichen war die runde Brille. Daran erkannte ihn jeder. Beim Zeichnen war es der feine, leicht zittrige Tuschestrich, ohne Kolorierung, ohne große Gesten, präzise auf die Pointe konzentriert. Für "Ironimus" gab es kein Tabu. Was er aber ausschloss, war das Ordinäre, nie ging er mit seinen Karikaturen unter die Gürtellinie. Sein Credo lautete: "Mit Humor etwas ausdrücken und versuchen, lustig zu sein, aber nicht geschmacklos."

"Ich zeichne, seit ich denken kann", machte der am 18. März 1928 in Wien geborene Peichl einmal seine Obsession deutlich. Nur 20 Prozent seiner Zeit habe er aber mit Karikaturen verbracht. Er begann damit, um sein Architekturstudium zu finanzieren, zunächst als "Pei", ab 1949 unter dem Pseudonym "Ironimus". Das Pseudonym brauchte Peichl, um gegen eventuelle Repressalien der russischen Besatzungsmacht abgesichert zu sein. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Hobby aber ein Zweitberuf.

Bruno Kreisky war ein "großartiges Opfer" für Peichl

Seine erste politische "Ironimus"-Karikatur erschien am 9. Oktober 1949 im "neuen Kurier", rund sieben Jahrzehnte lang begleitete er mit spitzer Zeichenfeder die Geschichte Österreichs und das Weltgeschehen so kontinuierlich wie kein anderer. Mit seinen politischen Zeichnungen in "Die Presse", in der "Süddeutschen Zeitung" und im "Express" wurde er höchst populär, mit vielen Sammelbänden, die heute zeitgeschichtliche Fundgruben sind, und legendären TV-Sendungen ("Die Karikatur der Woche", "Der Jahresrückblick in der Karikatur") auch selbst zum Medienstar.

Elf Bundeskanzler hat Peichl gezeichnet, einen liebte er besonders: Bundeskanzler Bruno Kreisky war ein "großartiges Opfer", für ihn hegte er - der als konservativ Eingestufte - tiefe Bewunderung. "Wenn die politische Karikatur noch nicht erfunden wäre, für ihn müsste man sie erfinden", sagte Peichl alias "Ironimus" einst und wusste auch zahlreiche Anekdoten über den "Ausnahmekanzler" zu berichten: "Einmal rief er mich an und sagte mit ironischem Unterton: 'Wie Sie mich heute wieder gezeichnet haben, die Nase, die geschlossenen Augen, die Haare, wirklich großartig.' Dann nach einer Pause: 'In der Sache aber grundfalsch.' Das war Kreisky." Er sei dankbar gewesen für jede Karikatur. "Egal, ob sie gut oder schlecht war. Er wusste mit seiner Intelligenz, dass sie ihm nützt", so Peichl.

Kreiskys Nachfolger Fred Sinowatz zählte ebenfalls wie auch der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl zu seinen Lieblingen. "Sinowatz war zwar kein guter Politiker, aber ein interessanter Mann und sehr gebildet", urteilte Peichl. Mit ihm wurde Peichl immer wieder verwechselt. Einmal im ORF-Landesstudio seien sie nebeneinandergestanden und hätten Autogramme gegeben. Peichl kritzelte "Sinowatz" und Sinowatz schrieb "Ironimus", so die Erzählung Peichls. Für den "Meilenstein der österreichischen Karikatur", wie ihn Kollege Gerhard Haderer titulierte, war ein guter Politiker einer, "der ein Gesicht hat". "Dem (Helmut, Anm.) Zilk etwa ist die Dynamik geradezu aus den Augen herausgeschossen. Eine Meisterin der Damenklasse war die Hertha Firnberg."

"Es ist schlimm von Ironimus karikiert zu werden"

Beschwert haben sich bei Peichl nur wenige Politiker. Einige wie Bruno Pittermann (SPÖ-Vizekanzler) oder Franz Olah (SPÖ-Innenminister) klagten. Grundsätzlich kursierte unter Politikern aber eher der Satz: "Es ist schlimm von Ironimus karikiert zu werden, aber es nicht zu werden, ist noch schlimmer."

Sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen, fiel Peichl, der in den 1940er-Jahren bereits Stalin karikierte, nicht schwer. "Die Karikatur ist ein Ventil für mich. Sie erspart mir sozusagen den Psychiater", erklärte er einmal. Und schließlich kämen ja auch von der Politik immer wieder ungeahnte Höhen und Tiefen. Wenn sich auch vieles wiederholte, wie er einmal feststellte. "Manchmal, wenn ich etwas zeichne, holt eine meiner Mitarbeiterinnen etwas ganz Ähnliches aus dem Archiv. Das kann fünf, zehn, zwanzig oder auch dreißig Jahre alt sein". Nerven ließ er sich von solchen Wiederholungen aber nicht. "Natürlich macht es mich wahnsinnig, aber was würde ich machen, wenn ich nicht wahnsinnig wäre? Das ist ja etwas Schönes!"

Weil seine Sehkraft aufgrund eines Augenleidens immer stärker nachließ, ging Peichl 2015 als Karikaturist und als Architekt offiziell in Pension. Untätig blieb der Umtriebige aber auch danach nicht: Unter anderem brachte er erst im vergangenen August im Amalthea-Verlag das Buch "offene Geheimnisse" mit späten Zeichnungen und Collagen heraus. Und im Olaf Gulbransson Museum im bayerischen Tegernsee wurde im September die Einzelausstellung "Ironimus / Cartoons von 1948 bis 2018" eröffnet. Das wirkliche Denkmal hatte sich "Ironimus" aber bereits selbst 2001 mit dem von ihm entworfenen Karikaturmuseum Krems gesetzt.