Spanien wegen Coronavirus unter Quarantäne gestellt. Im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus stellt die Regierung in Spanien das Land fast vollständig unter Quarantäne. Nur Wege zur Arbeit und für wirklich notwendige Besorgungen sind den Bürgern noch erlaubt, wie Regierungschef Pedro Sánchez am Samstagabend mitteilte. Spanien ist mit über 6.000 Fällen eines der am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Länder der Welt.

. Erstellt am 14. März 2020 (22:41)
Fast menschenleere Einkaufsstraße in Barcelona
APA/ag./dpa

Zur wirksameren Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie hatte Spanien einen zweiwöchigen sogenannten Alarmzustand verhängt, der auf die Einschränkung der Bewegungsfreiheit im ganzen Land hinausläuft. Der Ministerrat der Links-Regierung erließ dazu am Samstag in Madrid ein entsprechendes Dekret, wie Sánchez am späten Abend bekanntgab.

Das Dekret tritt am Montag um 8.00 Uhr Früh in Kraft. Sánchez sprach von "drastischen Maßnahmen". Der Alarmzustand sei für die längstmögliche Dauer von 15 Tagen ausgerufen worden, sagte der sozialistische Politiker. Eine Verlängerung müsste vom Parlament in Madrid genehmigt werden.

Die Spanier dürften während des "Alarmzustands" nur in Ausnahmefällen aus dem Haus gehen. Erlaubt bleiben nach dem Dekret Fahrten zur Arbeit, zum Arzt sowie zum Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten. Die Bürger dürfen das Haus auch verlassen, um Kinder, Ältere und Hilfsbedürftige zu betreuen. Urlauber und andere Menschen dürfen zudem zu ihrem Hauptwohnsitz zurückzukehren. Vom Verbot ausgenommen sind auch Situationen von "höherer Gewalt". Die Einhaltung der Anordnungen werden gemäß Dekret die Sicherheitskräfte überwachen.

Nach Italien ist Spanien das von der Krise am stärksten betroffene Land Europas. Die Zahl der Coronavirus-Fälle steigt seit Tagen sprunghaft an - Bilanz des Gesundheitsministeriums vom Samstagabend: mehr als 6.000 Infektionen und über 190 Todesfälle.

In Italien gilt bereits eine Ausgangssperre. Dennoch wuchs die Sorge wegen der zunehmenden Zahl von infizierten Ärzten und Krankenpflegern. Die Zahl der Todesfälle stieg in Italien auf 1.441, teilte der Zivilschutz am Samstag in Rom mit. Die Infektionen kletterten um 2.795 auf 17.750 Fälle. Die Lombardei ist mit 966 Todesopfern die am stärkste betroffen Region.

"Wir laufen gegen die Zeit, um mehr Plätze auf der Intensivstation zu schaffen. Jeder Tag wird schwieriger"", sagte der lombardische Gesundheitsbeauftragter Giulio Gallera. Es gebe keine Rettungswagen mehr, um Patienten in Krankenhäuser der Nachbarregionen zu bringen.

Circa 2.000 Sanitäter sind entweder infiziert worden, oder unter Quarantäne zu Hause, schätzte der italienische Ärzteverband. Laut Gallera sind zwölf Prozent aller Infizierten in Italien Sanitäter. Die meisten von ihnen sind in norditalienischen Krankenhäusern im Einsatz. Wegen des zunehmenden Bedarfs an Medizinern, wurden auch pensionierte Ärzte reaktiviert.

Italiens Hauptstadt Rom ergriff weitere rigorose Maßnahmen, um Menschenansammlungen zu vermeiden. So beschloss die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi am Freitagabend die sofortige Schließung von Parks und Spielplätzen. Die Maßnahme ist bis 25. März in Kraft. Auch andere Städte und Regionen haben die Schließung ihrer Grünflächen angekündigt. Damit sollen die Italiener gezwungen werden, zu Hause zu bleiben.

Italien stellte unterdessen Sardinien unter kompletter Quarantäne. Die italienische Regierung beschloss die weitgehende Einstellung der Flug- und Fährenverbindungen zwischen der Insel und dem Festland. Auch sonst wurde der öffentliche Verkehr in Italien stark heruntergefahren. Auf der Nord-Süd-Achse werden keine Züge mehr verkehren, teilte das italienische Verkehrsministerium am Samstag mit. Hunderte Menschen stürmten danach die Züge von Mailand in Richtung Süden. Italien hat diese Woche ein Reiseverbot verhängt.

Frankreich schränkt den Einzelhandel und die Gastronomie massiv ein. Restaurants, Bars, Cafés, Diskotheken und Kinos sollen schließen, wie Premierminister Edouard Philippe am Samstag in Paris verkündete. Auch die meisten Geschäfte werden dicht gemacht. Philippe rief die Franzosen zu "mehr Disziplin" angesichts der rasanten Ausbreitung des neuartigen Coronavirus auf. Die bisherigen Maßnahmen seien offensichtlich nicht ausreichend gewesen.

Die erste Runde der Kommunalwahlen am Sonntag soll aber stattfinden, allerdings soll dem Regierungschef zufolge Abstand gehalten und älteren Menschen soll Vorrang eingeräumt werden. Landesweit sind fast 48 Millionen Wähler aufgerufen, neue Stadt- und Gemeinderäte zu bestimmen. Frankreich ist eines der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Ländern der Welt. Zuletzt wurden am Samstag 4.500 Infektionen gezählt. Die Zahl der Toten stieg von Freitag auf Samstag um 12 auf 91.

Trotz der Warnung vor großen Menschenansammlungen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gingen am Samstag in Paris Hunderte "Gelbwesten" auf die Straße. Der Chef der größten französischen Polizeigewerkschaft, Frédéric Lagache, sagte, er verabscheue die Protestteilnehmer zutiefst, die trotz der Gefahren einer Verbreitung des neuartigen Coronavirus auf die Straßen geströmt seien. Die französische Regierung hatte Versammlungen mit mehr als hundert Menschen am Freitag untersagt.

In Deutschland sind bis zum Samstagnachmittag nach Zählungen des Robert Koch-Instituts (RKI) 3.795 laborbestätigte Covid-19-Fälle registriert worden - 733 mehr als am Vortag. Acht Menschen seien bisher an der Krankheit gestorben, teilte das RKI am Abend auf seiner Internetseite mit. Die meisten Fälle (1.154) meldete weiterhin Nordrhein-Westfalen, wo vor allem der Landkreis Heinsberg betroffen ist.

Tschechien hat wie geplant um Mitternacht in der Nacht auf Samstag die festen Grenzkontrollen zu Österreich und Deutschland wiedereingeführt. Grund ist die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus. Österreicher, Deutsche, Schweizer und Bürger weiterer zwölf Risikostaaten dürfen nicht mehr in den EU-Mitgliedstaat einreisen und werden abgewiesen. Tschechen dürfen nicht nach Österreich und Deutschland ausreisen. Ausländer, die in Tschechien ständigen Aufenthalt haben, dürfen einreisen, nicht aber ausreisen. Ausnahmen gelten auch für Pendler, die bis zu 50 Kilometer von der Grenze entfernt zur Arbeit fahren, sowie für Lkw-Fahrer, Busfahrer, Piloten oder Angehörige der Rettungsdienste, hieß es.

Regierungschef Andrej Babis von der populistischen Partei ANO hatte am Donnerstag für zunächst 30 Tage den Ausnahmezustand in seinem Land ausgerufen. Veranstaltungen mit mehr als 30 Teilnehmern wurden verboten. In Tschechien gibt es derzeit 141 bestätigte Fälle einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus.

In Belgien sind seit Samstag drastische Beschränkungen des öffentlichen Lebens in Kraft, um die Corona-Ausbreitung zu bremsen. Alle Cafes, Restaurants und Diskotheken bleiben mindestens bis 3. April geschlossen ebenso wie die Schulen. Alle Sport- und Kulturveranstaltungen sind abgesagt. Lebensmittelgeschäfte und Apotheken bleiben aber zu üblichen Zeiten offen.

In Großbritannien erhöhte sich die Zahl der Todesfälle durch die Covid-19-Pandemie binnen 24 Stunden von 11 auf 20. Alle neuen Fälle gehörten Risikogruppen an, sagte am Samstag der Mediziner Chris Whitty, der die Regierung berät. Die Opfer litten unter Vorerkrankungen und waren älter als 60 Jahre.

Bis Samstagmorgen wurden insgesamt 1.140 Infektionen registriert - einen Tag zuvor waren es nach Angaben des britischen Gesundheitsministeriums noch 798. Doch die Dunkelziffer ist hoch: Gesundheitsexperten gingen am Freitag von 5000 bis 10 000 Menschen aus, die sich bereits in Großbritannien angesteckt haben. Viele Betroffene haben keine oder nur leichte Symptome.

Zu den Infizierten gehören auch ein Neugeborenes und dessen Mutter, wie das North Middlesex University Hospital in London mitteilte. Die Ärzte wollten versuchen herauszufinden, ob die Ansteckung während oder vor der Geburt passiert ist. Es ist nicht die erste weltweite Infektion eines Babys mit dem neuartigen Erreger.

In Dänemark starb am Samstag erstmals ein Patient im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie. Der 81-Jährige sei zunächst wegen anderer Krankheiten in eine Klinik gebracht worden, meldete die Kopenhagener Regionalregierung am Samstag. Dort wurde das Virus festgestellt und der Mann entsprechend isoliert. Um eine Ausbreitung des Coronavirus in dem Land zu verhindern, hat Dänemark indes seine Grenzen für Reisende aus anderen Ländern geschlossen.

Lettland schließt ab Dienstag seine Grenzen für Ausländer. Das teilte die Regierung am Samstag mit. Zudem werden alle öffentlichen Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern verboten.

In Rumänien rief Staatspräsident Klaus Johannis am Samstag den Notstand aus, der ab Montag gelten soll. Bis Samstagabend stieg die Zahl der nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierten auf 109 - um sieben Fälle mehr als am Samstagmorgen. Der Notstand gibt den Behörden die rechtliche Grundlage für Maßnahmen, die Grundrechte beschränken, wie etwa temporäre Schließung der Grenzen, Fahrverbote, Einschränkung der Pressefreiheit. Konkrete Pläne hierzu wurden bisher nicht bekannt.