"Zauberflöte" gewinnt im Director's Cut

Erstellt am 31. Juli 2022 | 05:00
Lesezeit: 5 Min
Bunt geht es bei der Salzburger "Zauberflöte" auch 2022 zu
Bunt geht es bei der Salzburger "Zauberflöte" auch 2022 zu
Foto: APA/BARBARA GINDL
Schluss mit dem Zirkus! 2018 sorgte Lydia Steier mit ihrer Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen für veritablen Widerspruch, nicht zuletzt dank einer überfrachteten zirzensischen Ästhetik. Erst vier Jahre ist dies her - und erscheint doch wie aus einer anderen Welt, vor Krieg, vor Pandemie. Nun hat Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser Steier die Chance gegeben, ihre Regie zu überarbeiten. Und seit Samstagabend ist klar: Es hat sich gelohnt.
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Steier gelingt ein Kondensat ihrer teils überbordenden Arbeit aus 2018, in dem sie fokussiert, Showeffekte weglässt und damit insgesamt konziser wird. Einen wesentlichen Anteil daran hat der Umzug vom Großen Festspielhaus auf die Bühne des wesentlich kleineren Haus für Mozart - und das funktioniert nomen est omen hervorragend.

Dabei behält Steier bei der Neueinstudierung ihr Grundkonzept bei, das legendär disparate Libretto der Mozart/Schikaneder-Oper in eine Rahmenhandlung zu kleiden. Das Geschehen wird vom Großvater (Roland Koch) einer großbürgerlichen Familie seinen drei Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Das hat den wohltuenden Nebeneffekt, dass er als Erzähler die Mehrzahl der Sprechpassagen übernimmt - wofür man als Publikum angesichts oftmals auf Krippenspielniveau sprechender Sängerinnen und Sänger nur dankbar sein kann.

Die gesamte "Zauberflöten"-Welt entspringt also in der sich über zwei Ebenen erstreckenden bourgeoisen Villa der kindlichen Fantasie, welche die eigene, hysterische Mutter mit der Königin der Nacht gleichsetzt, Tamino als Zinnsoldaten erscheinen und den Fleischersohn zu Papageno werden lässt. Auch die Kuscheltiere der Buben werden im Verlauf einen überdimensionierten Auftritt bekommen.

Dieses Konzept ist ebenso schlüssig, wie es die Vielschichtigkeit der "Zauberflöte" glattbürstet. Stringenz um den Preis der Tiefe. Es verleiht dem Werk jenen stringenten Bogen, den es aus sich heraus eigentlich nicht hat, und macht es über weite Passagen zu dem, wofür Mozarts vorletztes Bühnenwerk traditionell von Eltern verwendet wird: Eine Kinderoper, mit der man den Musiknachwuchs anfixen kann.

Und doch gelingt der 1978 in den USA geborenen, mittlerweile in Europa lebenden Steier, im Director's Cut dieses Mal besser, die philosophischen Fragen des Werks nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen. Das misogyne Frauenbild der Oper wird ebenso adressiert, wie die dem Männerbündlerischen innewohnende Kriegslust. Und zum etwas arg heteronormativen "Nichts Edlers sei, als Weib und Mann. Mann und Weib, und Weib und Mann, reichen an die Gottheit an" gibt es sogar ein lesbisches Küsschen.

Dennoch wird aus dieser Salzburger "Zauberflöte" keine hochphilosophische, transzendente, sie bleibt eine, die das Volkstheatrale betont, auch derbe Gags nicht scheut. Die Zirkuselemente, die 2018 die Arbeit noch überfrachteten, sind aber gewichen, es gibt Effekte und ein ausgeklügelten Drehbühnensystem (Bühnenbild erneut Katharina Schlipf), aber kein Spektakel mehr.

Dem Spektakel durchaus nicht abhold ist indes Shootingstar Joana Mallwitz als Dirigentin der Philharmoniker. Sie beginnt beinahe provozierend langsam - doch die Andeutung eines langen Abends führt in die Irre. Teils aberwitzige Tempi geht die 1986 geborene Maestra, jedoch nie zum Selbstzweck. Selten wird am Pult so vollends in Abstimmung und Widerspiegelung des Bühnengeschehens agiert, stets hat die Deutsche die Bühne im Blick und stellt die Musik in deren Dienst.

Nicht einhellig positiv fällt hingegen die Frage der Besetzungen aus. Regula Mühlemann ist eine klangschöne, feinintonierende Pamina, Michael Nagl ein charmanter, sämiger Papageno und auch der Umstand, dass Tareq Nazmi im Vergleich zu 2018 von der Nebenrolle zum bassstarken Sarastro aufgerückt ist, findet sich auf der Habenseite.

Die andere Gruppe führt indes der junge Schweizer Mauro Peter als Tamino an, der auch bei der Rückkehr leider nicht die Höhe für die Partie besitzt, die bei ihm forciert und wackelnd daherkommt. Und Brenda Rae hat als Königin der Nacht zwar das Glück, dass sie anders als ihre Vorgängerin 2018 keinen Hörnchenhelm tragen muss, was ihr aber dennoch nicht zu einem eleganten Bewältigen der halsbrecherischen Partie verhilft. Dagegen gestalten die drei Wiener Sängerknaben ihre deutlich aufgewerteten Partien der drei Knaben souverän - ganz ohne Zirkusluft zu schnuppern.

(S E R V I C E: "Die Zauberflöte", Neueinstudierung bei den Salzburger Festspielen, Haus für Mozart; Musikalische Leitung der Wiener Philharmoniker: Joana Mallwitz, Regie: Lydia Steier, Bühne: Katharina Schlipf, Kostüme: Ursula Kudrna, Licht: Olaf Freese. Mit: Tareq Nazmi - Sarastro, Mauro Peter - Tamino, Brenda Rae/Jasmin Delfs - Königin der Nacht, Regula Mühlemann - Pamina, Ilse Eerens - Erste Dame, Sophie Rennert - Zweite Dame, Noa Beinart - Dritte Dame, Michael Nagl - Papageno, Maria Nazarova - Papagena, Peter Tantsits - Monostatos, Henning von Schulman - Sprecher/Erster Priester/Zweiter geharnischter Mann, Simon Bode - Zweiter Priester/Erster geharnischter Mann, Roland Koch - Großvater, Wiener Sängerknaben - Drei Knaben). Weitere Aufführungen am 3., 6., 10., 17., 20., 24. und 27. August. www.salzburgerfestspiele.at/p/die-zauberfloete)