Rendi-Wagner will Maßnahmen gegen drohenden Ärztemangel. Österreich droht ein Ärztemangel - und zwar bei den Hausärzten. Die Politik müsste dringend Maßnahmen setzen, "damit wir nicht in eine gefährliche Versorgungslücke schlittern". Aber die Regierung zeige wenig Willen dazu, kritisierte SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner Dienstag in einem Hintergrundgespräch mit Experten.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 23. Januar 2019 (12:01)
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Eine Versorgungslücke soll verhindert werden

Deshalb wird sich die SPÖ dem Thema nicht nur bei der Klubklausur widmen, sondern auch eine Sondersitzung des Nationalrates beantragen. Nächste oder übernächste Woche will Rendi-Wagner an ihre Nachfolgerin als Gesundheitsministerin, Beate Hartinger-Klein (FPÖ), eine Dringliche Anfrage stellen. Denn der Regierung sei das Problem des drohenden Ärztemangels offensichtlich nicht bewusst, vermisste die SPÖ-Chefin etwa Nachdruck beim Ausbau der von ihr 2017 initiierten Primärversorgungszentren.

Dabei zeichne sich der Ärztemangel ab: Von den 18.287 niedergelassenen Ärzten erreichen in zehn Jahren 48 Prozent das Pensionsalter, von den 7.099 Ärzten mit Kassenvertrag sogar 55 Prozent. 39 Prozent aller Hausärzte sind älter als 60 Jahre, nur acht Prozent unter 45. Schon jetzt gibt es einige Gemeinden ohne Hausarzt, lange Wartezeiten beim Arzt oder auf einen Facharzttermin.

"Wir fahren auf eine Versorgungslücke zu", in der Allgemeinmedizin drohe ein "extremer Mangel", wenn nicht gegengesteuert wird, warnte Leo Chini, Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe an der WU Wien. Derzeit sei Österreich mit 30.000 Ärzte-Vollzeitäquivalenten ganz gut ausgestattet - aber bis 2030 werde man 30 bis 40 Prozent durch die Pensionierungswelle verlieren. In manchen Fachbereichen, etwa der Kinderheilkunde, gebe es keinen Nachwuchs - während die Bevölkerung wächst und älter wird, der Bedarf also steigt.

"Die Scheune brennt jetzt", verwies Florian Stigler von der Meduni Graz darauf, dass die Zahl der unbesetzten Hausarzt-Stellen - nach dem früheren Überangebot - bereits steigt, aktuell sind es 87. Das sind zwar nur 2,3 Prozent, aber es bedeutet, dass 200.000 Personen eigentlich unversorgt sind.  

Was es bedeutet, wenn eine Hausarztstelle nicht nachbesetzt werden kann, schilderte die Bürgermeisterin von St. Valentin, Kerstin Suchan-Mayr (SPÖ): Jetzt hat ein Arzt in der Gemeinde 3.200 statt früher 2.300 Patienten zu betreuen, pro Tag bis zu 120 - und gelegentlich müssen Patienten auf der Straße warten, weil die Praxis zu klein ist. Für gemeindeärztliche Tätigkeiten (Schularzt, Totenbeschau) finde sich kaum jemand mehr, und es können nicht alle Wochenenddienste besetzt werden. 

Die Lösung liegt, waren sich alle einig, nicht nur darin, mehr Ärzte auszubilden - etwa die Quote für die Medizinstudien zu erhöhen. Darüber könne man reden, meinte Rendi-Wagner, aber das reiche nicht.

Denn eigentlich gibt es genügend Ärzte - derzeit fast 45.000. Aber keine 4.000 davon sind Hausärzte, und deren Zahl ist anders als die Gesamtzahl (die seit 1970 um 262 Prozent stieg) seit den 60er-Jahren ziemlich gleich geblieben. Dabei sei der Hausarzt die wichtige erste Anlaufstelle und "Drehscheibe", die viel an Ambulanz- oder unnötigen Facharztbesuchen sparen könne.

Also müsste der Beruf des Hausarztes attraktiver werden - mit mehr Praxisnähe in der Ausbildung, Unterstützung bei der Praxisgründung, Entlastung z.B. durch die Möglichkeit, mit Pflegekräften zusammenzuarbeiten und besseren Arbeitsbedingungen. Die wären in Teams, Gesundheitszentren und Gruppenpraxen gegeben, die familienfreundlichere Arbeitszeiten, Vernetzung und Austauschmöglichkeit bringen. Auch eine Digitalisierungsoffensive wäre nötig - man müsse, so Rendi-Wagner, "an vielen Schrauben drehen".