Kurzarbeit ab März möglich. Im voestalpine-Tubulars-Werk im obersteirischen Kindberg will man bis zu 950 von 1.100 Mitarbeitern ab März zur Kurzarbeit anmelden. Dies teilte das Unternehmen am Freitag mit.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 07. Februar 2020 (10:55)
Bis zu 950 Mitarbeiter könnten betroffen sein
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Bei Kurzarbeit reduzieren Unternehmen die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten - eine Maßnahme, die in Österreich auf wirtschaftliche Krisenzeiten, etwa einen Auftragseinbruch, und zunächst auf eine Dauer von sechs Monaten beschränkt ist. Danach könnte bei Bedarf um ein halbes Jahr verlängert werden. Der aliquote Lohnverlust kann durch Förderungen durch das Arbeitsmarktservice (AMS) teilweise aufgefangen werden.

voestalpine Tubulars - ein Joint Venture zwischen der voestalpine und dem amerikanischen Konzern NOV Grant Prideco - stellt im obersteirischen Mürztal höchstbelastbare Nahtlosrohre für die weltweite Öl- und Gasindustrie her. Das Problem der US-Zölle auf europäische Stahl- und Aluminiumimporte in Höhe von 25 Prozent konnte den Konzernangaben zufolge bisher nicht durch die Erlangung von Ausnahmegenehmigungen gelöst werden. Darüber hinaus macht der niedrige Gas- und Ölpreis der vergangenen Monate zu schaffen, was zu einem starken Rückgang des Bedarfs an Rohren für Öl- und Gasfelder in Nordamerika geführt habe. Die Marktsituation haben sich "nochmals deutlich verschlechtert". Das Unternehmen hat eine Exportquote von mehr als 95 Prozent. Der wichtigste Absatzmarkt sind die USA.

Infolge der US-Strafzölle wurde die Produktion in Kindberg bereits gegen Ende des vergangenen Sommers von Vier- auf Dreischichtbetrieb umgestellt, also von Maximalauslastung auf Normalkapazität angepasst.

"Während wir den äußerst schwierigen Rahmenbedingungen in unserem wichtigsten Markt, den USA, bislang durch Kostensenkungsprogramme sowie der forcierten Diversifizierung unseres Produktportfolios entgegenwirken konnten, zwingt uns die aktuelle Marktentwicklung, weitere Maßnahmen am Standort Kindberg zu ergreifen", erklärte voestalpine-Vorstand und Leiter der Metal Engineering Division Franz Kainersdorfer am Freitag.

Man wolle die dritte Schicht des Unternehmens weiterführen und die Mitarbeiter langfristig halten, deshalb werde man in den nächsten zwei Wochen Gespräche mit Betriebsrat, Sozialpartnern und AMS zur Vereinbarung der Möglichkeit von Kurzarbeit führen. Diese soll ab März für maximal 950 Arbeitnehmer "zeitweise zur Anwendung kommen".

"Ziel ist es, uns für die kommenden sechs Monate, in denen wir mit einem weiterhin sehr volatilen Marktumfeld rechnen, mehr Flexibilität zu verschaffen", so Kainersdorfer. Bereits 2016 habe eine ähnliche Kurzarbeitsregelung sehr geholfen, eine konjunkturell schwierige Phase gut zu überstehen und Arbeitsplätze abzusichern. Um nicht mehr so vom US-Markt abhängig zu sein, wolle man den Fokus auch auf andere Weltregionen legen.

voestalpine Tubulars erzielte im Wirtschaftsjahr 2018/19 einen Umsatz von 534 Mio. Euro. Die voestalpine hat in den vergangenen fünf Jahren über 120 Mio. Euro in Qualitätssteigerung und Weiterverarbeitung der Hightech-Nahtlosrohre in Kindberg investiert.

Kurzarbeit ist im voestalpine-Konzern auch anderen Standorten möglich. "Wenn es zu Auftragsausfällen oder Verschlechterungen kommt, würden wir als nächsten Schritt auf die Möglichkeit der Kurzarbeit in Österreich zurückgreifen", räumte CEO Herbert Eibensteiner vergangene Woche in einem Interview mit der APA ein.

Am Standort Kapfenberg habe diese Maßnahme "zuletzt gerade noch verhindert werden" können, berichtet die "Kleine Zeitung" in ihrer Freitagsausgabe. Die voestalpine Böhler Edelstahl beliefert den US-Flugzeugbauer Boeing mit Komponenten für den Unglücksflieger Typ 737 Max, der zwar nach zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten seit März 2019 Flugverbot hat, aber bis zum Jahresende in vollem Umfang weitergebaut wurde. Erst jetzt im Jänner stoppte Boeing die Produktion. "Die 737 Max wird uns daher im nächsten Geschäftsjahr Schwierigkeiten machen", erklärte Eibensteiner am Donnerstag.

Generell stehen bei der voestalpine weiterhin Überstundenabbau, Reduktion von Leasingpersonal und Nicht-Nachbesetzen von freiwerdenden Stellen im Fokus, um mit dem für den Konzern herausfordernden Umfeld fertig zu werden.

Die anvisierte Kurzarbeit in Kindberg wird die Kurzarbeit-Zahlen voraussichtlich massiv steigen lassen. Per Ende Jänner waren in Österreich 1.744 Beschäftigte in Kurzarbeit, wie es vom Arbeitsmarktservice (AMS) am Freitag auf APA-Anfrage hieß. Zum Vergleich: Ende Oktober waren es noch 1.229 Personen.

Bei Kurzarbeit reduzieren Arbeitgeber die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten - etwa bei einem Auftragseinbruch - und der aliquote Lohnverlust kann durch Förderungen des Arbeitsmarktservice (AMS) teilweise aufgefangen werden. Im Krisenjahr 2009 erhielten 66.500 Beschäftigte in Österreich Kurzarbeitsbeihilfe, im Jahr 2010 waren es 23.700. Die Kurzarbeit kostete den Staat 2009 rund 114 Mio. Euro und 2010 rund 55 Mio. Euro. Damit konnten aber größere Entlassungswellen in der Wirtschaftskrise verhindert werden.