Ein Teilchenbeschleuniger für die NÖ-Krebsbehandlung. Mit dem Teilchenbeschleuniger "Zyklotron" in Wiener Neustadt will das Land in die Herstellung von Radionukliden investieren. Speziell NÖ-Patientinnen und Patienten mit Krebs, Alzheimer, Parkinson oder Herzgefäß-Erkrankungen sollen davon profitieren: Zielgerichtete, schnellere Diagnostik und effektivere Therapien werden versprochen. Und weniger Leid.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 04. Mai 2021 (13:51)

Es klingt eher wie eine Staubsauger-Marke oder wie etwas Futuristisches aus einem Science Fiction-Film: Ein Zyklotron. Das ist ein Teilchenbeschleuniger (siehe Symbolfoto), mit dem neben Therapiestrahlung auch Radionuklide, also radioaktive Isotope, für diagnostische Zwecke erzeugt werden können. Diese werden in der Onkologie in Schnittbilduntersuchungen wie der PET (Positronen-Emissions-Tomographie) gebraucht, um beispielsweise Krebsgewebe zu identifizieren und von gesundem Gewebe zu unterscheiden. "Mit einer PET-Untersuchung kann man vielen Menschen eine Chemotherapie unter Umständen ersparen. Das spart auch Geld und viel Leid", sagt Konrad Weiss, Oberarzt und Nuklearmediziner am LK Wiener Neustadt. 

"Ein Meilenstein in der Diagnostik"

"Wir setzen einen Meilenstein in der Diagnostik, mit der wir vielen Menschen helfen können. Krebspatienten werden so rascher, besser und effektiver behandelt werden können", sagt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bei der Präsentation des "Gesundheitsprojekts Zyklotron". Das Teilchenbeschleuniger-Projekt basiere auf den drei Säulen "Forschung", "Eigenproduktion von Radionukliden für unsere Landesklinken" und "Produktion und Vertrieb von Radionukliden an Dritte", sagt Mikl-Leitner. Mittelfristig soll sich das Projekt selbst finanzieren.

Als Träger des Forschungsprojekts, für das eine eigene Landesgesellschaft gegründet wird, fungieren die Landesgesundheitsagentur (LGA), das Krebsforschungs- und Therapiezentrums MedAustron und die FH Wiener Neustadt. 16 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Das Land NÖ übernimmt dabei eine maximale Haftung über 13,3 Millionen Euro. "80 Prozent deckt das Land mit Haftungen, drei Millionen werden von den drei teilhabenden Gesellschaften gedeckt", erklärt Klaus Schneeberger in der Rolle des Aufsichtsrats der MedAustron und FH Wiener Neustadt.  Ab 2022 soll mit der Errichtung des Zyklotron in der Nachbarschaft des MedAustron Zentrums begonnen werden, 2025 soll dann die Produktion von Radionukliden für Diagnostik und Therapie starten.

"9.000 Menschen bekommen in Niederösterreich im Jahr die niederschmetternde Diagnose Krebs", sagt Schneeberger. Mit dem Zyklotron könne die Diagnose zieltreffender und die Behandlung dieser Menschen effizienter sein. Je besser die Diagnose sei, desto effizienter kann die Behandlung sein. Mit der FH Wiener Neustadt, MedAustron und dem Neubau des Klinikums Wiener Neustadt sei in Wiener Neustadt alles einen Steinwurf voneinander entfernt - "wie ein Kleeblatt der Forschung aneinander gereiht", sagt Schneeberger. Das brächte viele Synergieeffekte zum Vorteil der Patientinnen und Patienten.

Tumorerkennung mit radioaktivem Traubenzucker

In der Nuklearmedizin werden derzeit radioaktive Isotope (Radionuklide) wie radioaktiver Traubenzucker (Fluor-18) als Marker und Tracer eingesetzt. "Wir wissen alle, dass Tumorpatienten im Tumor einen hohen Stoffwechsel haben. Dieser Tumor braucht viel Glukose und der Traubenzucker geht zum großen Teil in den Tumor. Mit Hilfe der PET-Diagnostik können wir Lungenkarzinome feststellen und unterscheiden, ob es ein bösartiger oder nicht bösartiger Tumor ist", erklärt Konrad Weiss, Oberarzt und Nuklearmediziner am LK Wiener Neustadt. 

Radioaktiver Traubenzucker funktioniere nicht bei allen Tumoren. In Zukunft werde es neue Marker und Tracer geben, mit denen auch neurologische Patienten, die Diagnostik von Morbus-Alzheimer und Parkinson möglich sein wird. "Diese Krankheiten spielen auch ökonomisch eine wesentliche Rolle. Mit einer frühen Therapie verbessern sich auch die Heilungschancen", sagt Weiss.

Das Problem mit der Halbwertszeit

Die Herausforderung sei jedenfalls, dass Radionuklide eine Halbwertszeit von zwei Minuten bis zu 12 Stunden haben. Dementsprechend schnell zerfallen sie und sind dann nicht mehr für Diagnostik oder auch Therapie geeignet. Ein Zyklotron sei daher nicht nur für die Isotope-Herstellung nützlich. "Niederösterreich könnte auch damit in der nuklearmedizinischen Therapie an vorderster Front mitspielen", glaubt Weiss.

Mit dem Gesundheitsprojekt Zyklotron erwarte Weiss sich jedenfalls eine "wunderbare Korrelation zwischen Forschung, klinischer Anwendung und Versorgungssicherheit für Niederösterreich." In Zukunft werde man nämlich wesentlich häufiger Radionuklide und die PET-Diagnostik brauchen. "Wenn sie früher bestimmte metastierende Tumore gehabt haben, dann wars das. Die Schmerzen konnten wir lindern, eine Heilung war aber nicht möglich. Heute gibt es aber Therapien, mit der sie auch heilen können."

Die Kooperation zwischen MedAustron, der Fachhochschule Wiener Neustadt und Landesklinikum sei für Weiss ein "sehr gutes Alleinstellungsmerkmal" für das Projekt, weltweit gesehen.