Eva Steindl: „Die Leute verlieren ihre berufliche Identität“

Erstellt am 05. Mai 2022 | 06:08
Lesezeit: 5 Min
Ängste, mangelndes Selbstbewusstsein, fehlendes Selbstwertgefühl – die Gründe, warum ein Jobeinstieg oder Wiedereinstieg nicht gelingt, sind vielfältig. Unterstützung geben die „Koryphäen“. Geschäftsführerin Eva Steindl verrät, wie.

Die „Koryphäen“ sind ein sozialökonomischer Betrieb in Neusiedl am See, der neben wirtschaftlichen auch soziale Aufgaben übernimmt. Vorrangig geht es darum, (oft über eine längere Zeit) Erwerbslosen den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern. Hinter dem Betrieb steht der gleichnamige Verein. Die BVZ sprach mit Geschäftsführerin Eva Steindl über Herausforderungen beim Wiedereinstieg in den Job, aber auch über Chancen einer Kreislaufwirtschaft.

Wie unterscheiden sich die Koryphäen von anderen Betrieben?
Eva Steindl: Wir versuchen, erwerbslose Menschen wieder im Arbeitsmarkt zu integrieren: über flexible Arbeitszeitmodelle, betriebliche Sozialarbeit, Maßnahmen zur Förderung der persönlichen und beruflichen Kompetenzen und betriebliche Gesundheitsförderung. Das macht unseren Betrieb so besonders. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können aber nur maximal ein Jahr bei uns beschäftigt sein. Im Idealfall können wir sie weitervermitteln. Wir sprechen von Transitmitarbeitern.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Erwerbslosen zu kämpfen?
Eva Steindl: Wenn die Leute länger nur zu Hause sind, verlieren sie ihre berufliche Identität. Sie definieren sich zum Beispiel nur mehr als Hausfrau und Mutter. Wir beobachten, dass sie ihren beruflichen Selbstwert und ihr Selbstbewusstsein verlieren. Wer länger ohne Job ist, kann sich oft gar nicht vorstellen, dass er von einem Arbeitgeber noch aufgenommen wird. Die Angst, abgelehnt zu werden, ist groß. Es gehört zu unseren Hauptaufgaben, die Menschen zu stärken.

Wer wird bei den Koryphäen eingestellt? Wie funktioniert die Vermittlung?
Eva Steindl: Wir arbeiten sehr eng mit dem AMS Neusiedl am See zusammen, über das wir Mitarbeiter vermittelt bekommen. Wir führen dann sehr ausführliche Aufnahmegespräche, weit über das Maß eines normalen Dienstnehmers hinaus, die auch persönliche Aspekte betreffen. Eine Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn eine Vertrauensbasis besteht. In unserer Arbeit geht es ja zum Teil auch um Abbau von Ängsten und Unsicherheiten.

Und wie sieht die Zielgruppe aus?
Eva Steindl: Wir beschäftigen Jugendliche genauso wie 60-Jährige, die keinen beruflichen Abschluss haben oder längere Zeit erwerbslos waren. Wir bieten Lehrabschlüsse im Einzelhandel und im Büro, in Einzelfällen auch in der Schneiderei. Beschäftigt sind unsere Mitarbeiter in unserem Secondhandshop, in der Schneiderei, dem Re Use-Shop „Tandlerei“, in unserer Werkstatt und in der Haus- und Gartenbetreuung.

Wie haben sich die Anforderungen an die„Koryphäen“ seit der Gründung 1995 verändert?
Eva Steindl: Begonnen haben wir nur mit einem Secondhandshop und einer Schneiderei. Es hat sich aber gezeigt, dass man unterschiedliche Arbeitsangebote braucht, um möglichst viele Leute unterbringen zu können. 2014 haben wir über das Sonderprogramm 50+ der Bundesregierung eine Werkstatt eröffnet. 2016 folgte ein Flohmarkt, 2018 die Haus- und Gartenbetreuung, 2021 wurde dann die „Tandlerei“ eröffnet. Erst seit der Eröffnung der Werkstatt sind bei uns auch Männer beschäftigt. Angefangen haben wir mit zwölf Arbeitsplätzen, mittlerweile haben wir 23,8 Vollzeitplätze. Im Durchschnitt sind 30 Leute bei uns beschäftigt.

Welche besonderen Herausforderungen brachten die beiden vergangenen Pandemie-Jahre?
Eva Steindl: Die Betriebe sind natürlich vorsichtig bei Einstellungen geworden. Im Vorjahr konnte wir nur eine Frau in den Handel vermittelt, obwohl die Vermittlungsquote 2021 insgesamt mit 48 Prozent im Durchschnitt lag. Aber die Geschäfte hatten natürlich zu. Andererseits sehen wir Fälle, wo Betriebe schließen mussten und Mitarbeiter nach 30 Jahren ihren Job verloren haben. Manche haben den Wiedereinstieg ins Berufsleben nicht geschafft und brauchen Unterstützung.

Wie viele Personen konnten bis dato durch die Koryphäen unterstützt werden?
Eva Steindl: Seit 1995 haben wir 925 Leute beschäftigt. Die Vermittlungsquote lag in den vergangenen Jahren zwischen 45 und 50 Prozent, früher lag sie auch schon bei 70 Prozent.

Die Koryphäen stehen nicht nur für die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben, sondern auch für eine gelebte Kreislaufwirtschaft...
Eva Steindl: Ja, eigentlich von Anfang an, da wir ja mit dem Secondhandshop begonnen haben. Jeder kann gebrauchte Kleidungsstücke zu uns bringen, in der Schneiderei können Ausbesserungsarbeiten erledigt werden und im Secondhandshop werden die Teile wieder verkauft. Seit einigen Jahren sind wir aber auch Mitglied des „Re Use Netzwerk Burgenland“. Wir sind „Re Use“-Partner des Burgenländischen Müllverbandes, mit dem wir immer wieder „Re Use“-Tage veranstalten.

„Wer länger ohne Job ist, kann sich oft gar nicht vorstellen, dass er von einem Arbeitgeber noch aufgenommen wird.“

Wiederverwenden ist eine der wirksamsten Maßnahmen für Klimaschutz, Ressourcenschonung, Abfallvermeidung und lokale Wertschöpfung. Wir übernehmen neben Textilien auch Hausrat, Kinder-, Spiel- und Freizeitartikel, Deko, Geschirr, Sportartikel und Kleinmöbel. Seit 2021 nehmen wir auch Elektroaltgeräte als Spende. Nach Möglichkeit werden diese im BUZ Neutal überprüft, repariert und mit Gewährleistung bei uns wieder verkauft.

2016 gab es ja sogar den Burgenländischen Umweltpreis. Wofür wurde dieser verliehen?
Eva Steindl: Für die Verarbeitung alter Paletten zu Möbel und Flaschenverpackungen.

Was macht die Arbeit bei den Koryphäen für Sie so interessant?
Eva Steindl: Ich bin seit der Stunde null dabei. Nach der Gründung der Frauenberatungsstelle Lichtblick habe ich die Projektvorbereitung für die Koryphäen gemacht und bin hier hängengeblieben (lacht). Ich habe schon immer gerne mit Leuten gearbeitet und hier sieht man Entwicklungen, die sind genial. Wir haben die Möglichkeit, den Menschen viel zu geben. Es ist schön, wenn man die Leute später trifft und sieht, dass es ihnen gut geht. Das macht diese Jobs aus. Die erste Transitmitarbeiterin kommt jedes Jahr ein, zwei Mal auf Besuch. Manche kommen als Kunden immer wieder in den Secondhand-Laden. Viele bleiben in Kontakt, weil die Koryphäen auch die Chance bieten, ein Netzwerk zu knüpfen und Freundschaften aufzubauen.