Tarnung ist alles. Jetzt im Frühjahr ist für viele unserer heimischen Wildarten Brut- oder Setzzeit. Die Jungtiere sind mit ihrem Federkleid oder Fell gut vor der Witterung aber auch vor möglichen Fressfeinden geschützt – oberstes Ziel dabei: nicht entdeckt zu werden!

Erstellt am 01. April 2021 (12:38)
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Jungtiere haben in den ersten Lebensmonaten viele Feinde. Je nach Größe können ihnen Wolf, Luchs, Fuchs, Marder und die verschiedensten Greifvögel wie zum Beispiel Uhu, Adler oder Bussard gefährlich werden. Die meisten Räuber gehen primär vom Reiz der Bewegung aus, sie „scannen“ ihr Umfeld und sobald eine Bewegung registriert wird, kommen die anderen Sinne zur Identifizierung und zur Erfassen der Beute (Geruchssinn, Sehsinn) zum Einsatz. Damit ist die Strategie für das Jungwild einfach: nicht auffallen und mit der Umgebung verschmelzen – Tarnung ist alles.

Rehkitze werden zwischen Mai und Juni mit weißen Punkten auf Rücken und Seite geboren. Sie können zwar unmittelbar nach der Geburt laufen und sehen, bleiben aber in den ersten Lebenswochen stundenlang alleine im Gras liegen. Die Gais legt die Kitze ab und sucht saftiges Grün, um entsprechend Milch zu produzieren. Die unregelmäßig angeordneten Flecken auf dem braunen Fell helfen den Kitzen, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Dabei ist es eigentlich unerheblich, ob sie am Waldrand oder in der Wiese abgelegt werden. Die Punkte imitieren einerseits Blüten der Wiese bzw. Brache oder Sonnenflecken am Waldboden und führen dazu, dass die Konturen verschwimmen. Kitze verharren regungslos am Boden und die Tarnung ist perfekt. Zusätzlich sind die Kitze geruchlos und somit schwer auszumachen. Mit zunehmendem Alter verblassen die Punkte und sind spätestens beim Haarwechsel im Herbst komplett verschwunden.

Junge Wildschweine, die sogenannten Frischlinge, können nicht stillsitzen. Auch sie kommen behaart und sehend zu Welt. Nachdem sie die ersten 10 Lebenstage im Wurfkessel verbracht haben, um zu Kräften zu kommen, gibt es kein Halten mehr. Die Umwelt muss erkundet werden, und das am besten in der Rotte, wie der Familienverband auch genannt wird. Das Wildschwein oder auch Schwarzwild ist ein soziales Tier. Die Rotte ist wichtig und so erkunden bereits die Frischlinge gemeinsam, teilweise sogar mit Frischlingen anderer Mütter die Welt. Ihr Fell hat ein Muster aus hellen und dunklen Streifen. Punkte machen bei ihnen keinen Sinn, denn damit wird die Bewegung auffälliger. Streifen hingegen lassen die Kontur des Wildkörpers effektiv auch in der Bewegung verschwimmen, die „Lokalisation“ für den Räuber wird schwieriger. Im Alter von rund 6 Monaten verschwinden die Streifen allmählich und der einstige Frischling wird zu einem wehrhaften Wildschwein.

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Der Feldhase ist ein typischer Bewohner der offenen und halboffenen Landschaft. Die Jungen werden in einer kleinen Mulde am Feld oder Wiesenrand geboren. Auch sie kommen vollkommen behaart und sehend auf die Welt. Die Häsin säugt die 1 bis 3 Jungen nur ein- oder zweimal am Tag. Die Junghasen verharren in den ersten Wochen fast regungslos am Boden. Ihr Fell ist daher in Brauntönen gehalten, um mit dem braunen Erdboden zu verschmelzen. Zusätzlich „drücken“ sich die Hasen bei Gefahr auf den Boden. Mit den seitlich sitzenden Augen haben sie einen guten Rundumblick, um bei unmittelbarer Gefahr in der bekannten und typischen Art und Weise zu flüchten.

Diese Taktik der Tarnung mittels Erdfarben und -tönen der Jungtiere verfolgen auch viele Bodenbrüter wie der Fasan, das Rebhuhn oder die Ente. Die Küken sind meist in Braun-Tönen mit unterschiedlichen Farbmustern (schwarze oder helle Streifen, dunkle Sprenkel) gehalten. Die Küken werden von ihrer Mutter geführt und sind ständig in Bewegung. Durch die Muster wird der gleiche Effekt wie bei den Frischlingen erzielt: die Konturen verschwimmen. Sobald die Küken stehen bleiben, verschmelzen sie durch das Muster mit dem Untergrund.

Warum sehen wir Jungtiere so gut?

Es stellt sich nun die berechtigte Frage, warum wir die Wildtiere bzw. die Jungtiere oftmals so gut sehen, wenn sie doch von Mutter Natur mit einer effektiven Tarnung ausgestattet wurden?
Die Antwort ist dabei relativ einfach: der Sehsinn der Wildtiere unterscheidet sich wesentlich von dem des Menschen. Menschen können durch die im Auge vorhandenen Zapfen-Typen die Farben „Rot“, „Grün“ und „Blau“ sehen. Unsere Säugetiere haben nur die Zapfenzellen für „Grün“ und „Blau“, es fehlt ihnen die Fähigkeit, Rottöne wahrzunehmen, diese werden eher als verschiedene Grau-Töne wahrgenommen.

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Dafür haben unsere heimischen Wildtiere andere Sinnesleistungen, auch beim Sehsinn, entwickelt und sich an ihre Umwelt angepasst. Es ist bekannt, dass z, B. Greifvögel die Fähigkeit haben, im Ultraviolett-Bereich sehen zu können. Damit erkennen sie die Urin-Spur einer Maus, da diese im UV-Bereich besonders strahlt. Oder denken wir nur an die bekannt gute Sehleistung der heimischen Eulen in der Nacht.

In den ersten Lebensmonaten ist die Tarnung der Jungtiere ihre einzige Schutzstrategie. Mobilität, Schnelligkeit oder Wehrhaftigkeit entwickeln sich erst mit zunehmendem Alter. Bitte denken sie daher beim Spaziergang daran: Hunde an die Leine und vermeintlich allein gelassene Jungtiere nicht berühren!

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Wildtiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können, ist daher ein besonderes Erlebnis. Unser Sehsinn ist dafür völlig ausreichend.