Drohender Ärztemangel: „So kann und darf es nicht sein“

Erstellt am 07. Juni 2022 | 04:43
Lesezeit: 4 Min
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Die drohende ärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum wird ein immer größeres Problem. Fast jede Gemeinde versucht, eine Nachfolge für leerstehende Arztpraxen zu finden. Das Unabhängige Gemeindevertreterforum UGVF hat daher eine Klausur zum Thema „Maßnahmen gegen die ärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum“ veranstaltet. Dr. Josef Hochwarter, selbst parteifreier Gemeinderat in Jennersdorf und stimmberechtigtes Mitglied im BURGEF (Burgenländisches Gesundheitsforum) hat dazu ein Positionspapier erarbeitet. Ihm zur Seite standen die beiden Ärzte Andrea und Nikolaus Leontaridis. Gemeinsam mit Christian Schaberl, dem Sprecher des UGVF präsentierte man die erarbeiteten Maßnahmen.
Foto: Carina Fenz
Drei Ärzte aus Jennersdorf wollen angesichts einer drohenden medizinischen Unterversorgung wachrütteln. Fürs Land gab es Lob, der Bund wird in die Pflicht genommen, aber auch selbst entwickelte man eine Therapie, um das System nicht weiter verhungern zu lassen. Ansetzen will man bei einem freien Zugang zu Unis, einer Anhebung des Kassentarifs und dem Abbau von bürokratischen Hürden.
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Sie alle haben Medizin studiert und waren oder sind noch als Ärzte tätig: Die Rede ist von Josef Hochwarter, Andrea und Nikolaus Leontaridis, die allesamt aus Jennersdorf kommen, sie sagen: „So kann und darf es nicht sein“. Die aktuelle Entwicklung des Gesundheitswesens beschert den Medizinern schon lange Zeit Kopfzerbrechen.

Bei einer Klausur zum Thema „Maßnahmen gegen die ärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum“, zu der das Unabhängige Gemeindevertreterforum UGVF eingeladen hat, wollte man selbst aktiv werden und vor allem aufzeigen, dass es Maßnahmen braucht, um eine drohende Unterversorgung zu verhindern.

Das beste Beispiel dazu biete die Stadt Jennersdorf: „Vor vielen Jahren ist die Stadtgemeinde bereits in die Bresche gesprungen und hat einem Mediziner finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um seine Ansiedelung im Stadtgebiet zu ermöglichen. Aktuell sucht man seit zwei Jahren vergeblich einen praktischen Arzt, einen Facharzt für Gynäkologie und einen Kinderarzt“, schildert Andrea Leontaridis.

Für das Mediziner-Trio steht aber fest: „Die medizinische Versorgung der Bevölkerung am Land darf weder der ÖGK, der Bundespolitik noch der Ärztekammer egal sein. Land und Gemeinden reagieren aktuell schneller und gehen bereits in Vorleistungen, zu denen sie eigentlich nicht verpflichtet sind“, sprechen die Ärzte von „Fehlentwicklungen.“

Land betreibt Schadensbegrenzung

Dem Land Burgenland hingegen zollt man für das Engagement Respekt. „Da geht es um Schadensbegrenzung und was bleibt dem Land anderes übrig, als selbst aktiv zu werden, in dem Studienplätze für Mediziner finanziert werden und man so versucht, die Ärzte auch ans Land zu binden“, erklärt Hochwarter, der den Auftrag in der Bekämpfung des Ärztemangels allerdings klar beim Bund sieht. Besonders brenzlich wird es, so Hochwarter, wenn die Pensionierungswelle der „Boomergeneration“ dann tatsächlich eintritt und „bis dahin dauert es nicht mehr lang.“

Als „Therapiemaßname“ schlägt das Trio die Abschaffung von Aufnahmetests für das Medizinstudium vor. „Vielmehr sollte ein beurteiltes Sozialsemester und eine Verpflichtungserklärung für unterversorgte Gebiete am Land als Aufnahmekriterium gelten“, würde sich Hochwarter wünschen.

Freier Zugang zu Unis wie zu Kreiskys Zeiten

Wie in Zeiten von Bruno Kreisky will man sich auch einen freien Zugang zu Universitäten und die Aufstockung von Ausbildungsplätzen für Mediziner. Besonders dringend sei aber, so Hochwarter, die Kassentarife österreichweit zu vereinheitlichen und anzuheben. „Für eine Ohrspülung bekommt ein Kassenarzt beispielsweise 2,40 Euro. Dafür bekommt man nicht einmal einen weißen Spritzer“, rechnet Hochwarter schmunzelnd vor, „auch wenn uns das Lachen schon längst vergangen ist“.

Nikolaus Leontaridis würde sich auch einen Abbau der „extrem gewachsenen bürokratischen Hürden“ wünschen und hat ebenfalls ein Beispiel zur Stelle. „Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie einen Covid-Beauftragten und ein Covid-Konzept von einem niedergelassenen Arzt zu verlangen, kann nur ein Witz sein, aber aktuell ist man genau mit solchen Irrsinnigkeiten in einer Ordination befasst.“ „Das alles geht auf Kosten der Patienten, für die immer weniger Zeit bleibt“, sieht Leontaridis dringenden Handlungsbedarf.

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