Ehemalige Apothekerin feierte 100. Geburtstag. Ernestine Mihellyes feierte unlängst ihren einhundertsten Ehrentag. Bis ins hohe Alter von 85 half sie in ihrer Apotheke weiter aus. Fit hielt sie die Leidenschaft zum Sport.

Von David Marousek. Erstellt am 26. Juli 2020 (06:12)
Drei Generationen. Enkel Matthias, Sohn Siegmund, Schwiegertochter Susanne (hinten v. links), sowie Geburtstagskind Ernestine mit Enkel Thomas feierten den 100. Geburtstag der Seniorchefin.
David Marousek

Wie so vieles im Leben, hatte auch Ernestine Mihellyes eigentlich andere Pläne. In ihrer Jugend wollte die mittlerweile über 100 Jahre alte Jennersdorferin immer Sport studieren. „Das ging aber leider als die Nazis da waren nicht. Deshalb bin ich in den Mittagspausen immer mit dem Rad gefahren. Es hat ja nichts anderes gegeben“, erklärte die Senior-Chefin der Stadtapotheke in Jennersdorf. Die Leidenschaft zur Bewegung begleitete sie bis ins hohe Alter, was sich auch an ihrer Fitness bis zum heutigen Tage zeigt.

Ernestine Mihellyes hatte gerade maturiert, als die Nationalsozialisten kamen. „Ich wurde gerade fertig, als der Hitler einmarschierte. Mein Bruder hat dann zwei Jahre später die Matura gemacht, dem wurde sie praktisch nachgeschmissen, damit er schneller einberufen werden kann“, erinnerte sie sich. Während der russischen Besatzungszeit sei auch ein angeblich hochrangiger russischer Soldat im Haus einquartiert worden. Das hätte Sicherheit gegeben, dass nichts passieren würde.

Sportstudium geplant, aber nicht erlaubt

Statt Sport begann die gebürtige Mariazellerin ein Chemiestudium in Graz. Bis sie dort ihren zukünftigen Ehemann, einen Pharmaziestudenten, kennenlernte. Sie wechselte ihr Studienfach auf Pharmazie und 1950 zog sie mit ihrem Mann nach Jennersdorf, um dort in der Apotheke zu arbeiten. „Ich habe meinen Job immer geliebt. Bis circa 85 stand ich jeden Tag in der Apotheke und habe gearbeitet“, erinnerte sich Frau Mihellyes zurück.

An ihrem Job schätzte sie vor allem den Umgang mit den Kunden: „Es ist ein sehr sozialer Beruf, man kann den Leuten sehr viel helfen. Es geht nicht immer nur ums Geschäft.“

„In den Mittagspausen bin ich immer mit dem Rad gefahren. Es hat ja nichts anderes gegeben.“ Ernestine Mihellyes, ehemalige Apothekerin und Geburtstagskind aus Jennersdorf.

Die Apotheke ist übrigens noch ein ganzes Stück älter, als Frau Mihellyes. 1888 wurde sie damals von Alexander Weinberger im damaligen Gyanafalva (heute Jennersdorf) errichtet. Nach dessen Tod, suchte Siegmund Mihellyes (Senior) um die Konzession zum Betrieb an. Ab 1905 wurde sie dann Teil des Familienbesitzes. Bis heute führt die Familie Mihellyes die Jennersdorfer Stadtapotheke. 1988 feierte sie dann ihr hundertjähriges Bestehen. Seit 1989 hat der heutige Besitzer, Siegmund Mihellyes Junior, die Geschäftsleitung über.

Neben der Arbeit in der Apotheke und dem Sport, war Ernestine Mihellyes auch in der Frauenbewegung der Kirche aktiv und half außerdem im heimischen Altersheim mit.

„Mit dem Computer hat sich alles verändert“

Natürlich hat sich seit ihrem Arbeitsbeginn auch vieles verändert. Früher wurden nur kleine Kisten mit wertvollen Zutaten geliefert und diese dann erst in der Apotheke zu Medikamenten verarbeitet. Mittlerweile fahren täglich Transporter und bringen die fix-fertigen Medikamente zum Verkauf. „Vor allem mit dem Computer hat sich alles verändert“, erklärte Mihellyes. „Es ist alles komplizierter geworden“, lachte sie kurz darauf. Im Einkauf, wo sie hauptsächlich tätig war, wurde nun alles elektronisch. Die früher benötigten Handwaagen, um die Inhaltsstoffe zu wiegen, wurden nun ebenfalls obsolet.

Betrieb wuchs vonNull auf 18 Angestellte

Der Großteil des Jennersdorfer Kundenstammes bestand damals aus den Bauern, sowie deren Pflegekindern und Arbeitern. „Damals gab es aber keine Gebietskrankenkasse“, erklärte Frau Mihellyes. Alles wurde in Bar gezahlt.

In den Anfangsjahren arbeiteten sie und ihr Mann Siegmund (Sen.) nur zu zweit in der Apotheke. Mittlerweile sind es gleich 18 Angestellte in der Jennersdorfer Stadtapotheke. „Am Anfang hatten wir gar keine Angestellten. Wir mussten alles mit der Hand machen. Heute ist der Apothekerjob eher eine geistige Arbeit, früher war es auch körperlich fordernd“, erklärte die Senior-Chefin.

Ihr Sohn Siegmund, der nun mit seiner Frau Susanne die Apotheke leitet, glaubt übrigens nicht, dass er auch über 100 Jahre alt werden wird. „Ich glaube nicht, dass ich 100 werde. Diesen konsequenten Lebensstil meiner Mutter, den hatte ich nicht. Jeden Tag machte sie ihre Turnübungen“, erinnerte er sich zurück.

Zur ihrem Geburtstag bekam Ernestine Mihellyes übrigens zahlreiche Blumen von Freunden. Das erinnerte sie an eine Aussage, des mittlerweile verstorbenen Stadtpfarrers Monsignore Alois Luisser: „Er hat immer gesagt, gebt mir die Blumen lieber nach und nach, dann freut man sich viele Tage nacheinander.“