„Hochburg zuerst geteilt und dann gesprengt“

Erstellt am 06. Oktober 2022 | 04:55
Lesezeit: 4 Min
Die Liste JES sorgt für die Sensation im südlichsten Bezirksvorort des Landes. Reinhard Deutsch setzt sich mit fast 65 Prozent klar bei der Bürgermeisterwahl durch und verdoppelt auch die Mandate im Gemeinderat. Die Aufholjagd der SPÖ wird mit einem Stimmenzuwachs belohnt. ÖVP und FPÖ stürzen ab.
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„Ich bin unglaublich stolz auf mein Team. Wir haben 2017 nicht damit gerechnet und auch 2022 nicht. Nach fünf Jahren Dauerwahlkampf wissen wir jetzt aber, dass wir die Hochburg zuerst geteilt haben und dann gesprengt“, kann der alte und neue Bürgermeister Reinhard Deutsch wenige Minuten nach der Ergebnisverkündung am Sonntag sein Glück kaum in Worte fassen.

Auch Tage nach dem fulminanten Triumph seiner Bürgerliste, mit der er 2017 angetreten ist, um die Absolute der ÖVP zu brechen, ist Deutsch noch überwältigt, „aber trotzdem ist die Arbeit gleich weitergegangen“, erzählt er. Was er 2017 für nicht gut befunden hat und da ist die Rede von der absoluten Mehrheit im Gemeinderat, ist für ihn jetzt zur Verantwortung geworden.

„Der große Unterschied ist aber, dass wir gute Arbeit in den letzten fünf Jahren gemacht haben und diese vor allem transparent. Mit unserer Verantwortung wissen wir vertrauensvoll umzugehen“, so Deutsch. Trotz der absoluten Stärke im neuen Gemeinderat streckt Deutsch die Hand noch am Wahlabend allen vertretenen Fraktionen im Gemeinderat aus, aber „nur denen, die auch Handschlagqualität haben“, erklärt der Ortschef.

Mit der SPÖ, die mit neuem Team und Milo Nemling und Oli Deutsch an der Spitze den Mandatsstand von 2 auf vier verdoppeln konnte, hat man bereits einen Partner seitens der Liste JES gefunden. Am Wahlabend wurde nämlich gemeinsam auf das tolle Ergebnis angestoßen, erklärt Deutsch.

Für Milo Nemling ist der Wahlausgang persönlich eine große Freude. „Ich freue mich über das Vertrauen, dass uns geschenkt wurde und über die vielen Stimmen, mit denen ich ehrlich gesagt nie gerechnet hätte“, erklärt der SPÖ-Spitzenkandidat. In Zukunft wolle man, so Nemling, eine gute Gesprächsbasis im Gemeinderat finden und gute Ideen für die Stadt einbringen. „Für uns steht die konstruktive Arbeit im Vordergrund und darauf freuen wir uns schon“, so Nemling.

Auf Fehlersuche muss sich hingegen die ÖVP und Spitzenkandidatin Gabi Lechner nach der Wahlschlappe begeben. „Das Ergebnis ist zu akzeptieren, auch wenn niemand damit gerechnet hat“, so Lechner.

Man wisse zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht, was man falsch gemacht habe, „aber genau das müssen wir analysieren“, meint Lechner, die sich trotz der deutlichen Niederlage nicht aus ihrem Amt zurückziehen möchte. „Alles hinzuschmeißen, wenn es einmal nicht gut läuft, ist nicht meine Art. Es geht darum, weiterzumachen und auch darum, es zukünftig besser zu machen“, so ihr Credo.

Für Kopfschütteln ist auch bei der FPÖ gesorgt. Minus drei Mandate schreiben Michael Kristan die Enttäuschung ins Gesicht. „Die MFG und die niedrige Wahlbeteiligung haben uns schlecht in die Karten gespielt, aber das soll keine Ausrede sein. Das Wahlziel, den Stadtrat zu halten, haben wir klar verfehlt“, so Kristan, der trotz Stimmendezimierung auf die Finanzen der Stadt ein großes Auge haben will. „Wir nehmen unsere Kontrollfunktion sehr ernst und werden sicher auch mit viel Kompromissfreude unsere Arbeit für die Stadt gut machen“, meint er.

Die MFG, die zwar kein Mandat holte, ist es auch, die für Grünen-Kandidatin Johanna Freudelsberger-Sagl das Aus ihrer Fraktion im Gemeinderat besiegelte. „Ich habe schon gemerkt, dass viele Grün-Wähler im Vorfeld aufgrund der impfkritischen Ausrichtung der MFG eher dort hin tendieren, wohl auch wegen der Unzufriedenheit mit der Bundespartei“, so Freudelsberger-Sagl.

Für sie schade, „denn unter Bürgermeister Deutsch und der starken JES wäre ein konstruktives Arbeiten im Gemeinderat jetzt endlich möglich gewesen.“ Was die Chefs der SPÖ, Grünen und FPÖ noch deponieren: die Hochachtung vor dem Wahlergebnis der JES und Glückwünsche für den Ortschef.

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