Vor der Premiere zu Martha: „Die Zeit bleibt stehen“. Die BVZ sprach mit jOPERA-Intendant Dietmar Kerschbaum und Regisseurin Brigitte Fassbaender über „Martha“ von Friedrich von Flotow und über Kultur im Südburgenland.

Von BVZ Redaktion. Erstellt am 24. Juli 2019 (03:10)
Marousek
BVZ-Redakteurin Carina Fenz (l.) im Gespräch mit jOPERA-Intendant Dietmar Kerschbaum und Regisseurin Brigitte Fassbaender.

BVZ: Wir sitzen hier im idyllischen Schloss Tabor in Neuhaus am Klausenbach. Wie geht’s Ihnen jetzt kurz vor dem Start der intensiven Proben?
Brigitte Fassbaender:
Wir sind bereits mitten in den intensiven Proben und es läuft gut. Martha ist das perfekte Stück hier in diesem traumhaften Ambiente.

Warum haben Sie sich für dieses Stück entschieden?
Dietmar Kerschbaum:
Man geht bei der Stückfindung natürlich auch auf die Wünsche der Persönlichkeiten ein. Wir haben uns gemeinsam mit unserem musikalischen Leiter Georg Fritzsch, der ein großer Freund der deutschen Spieloper ist, für dieses Stück entschieden. Man darf nicht vergessen, dass Martha eine Renaissance-Oper ist, die Biedermeiergeschichte schlechthin. Die Komödie, die auch musikalisch von einem unglaublichen Statement und Interesse ist.
Fassbaender:  Das ist ganz große Musik, dieser Friedrich von Flotow war ein ganz großer Könner und die „Martha“  ist eigentlich eine der berühmtesten Opern. Er hat aber noch ganz viele andere geschrieben, die kennt man aber alle nicht. „Alessandro da Stella“ zum Beispiel ist eine sehr schöne Oper. Und dann gibt es noch „Rübezahl“. Diese Oper hat man gerade wieder entdeckt, die wird gerade wieder neu erarbeitet.

Was bietet „Martha“ dem Publikum?
Kerschbaum:
In dieser Oper ist alles drin. Durch den englischen Stoff ist das britische drin, sie enthält auch französische Operakomik. Diese „Martha“ wurde ja ein Welterfolg durch den Italiener Enrico Caruso, der an der Met gesungen hat.  Mit der Tenorpartie des Lionel hat er neue Maßstäbe gesetzt.
Fassbaender: Die vier Hauptpartien sind wunderbar. Das Buffopaar sozusagen, Klampet und Nancy, und dann Martha und Lionel. Martha, die eigentlich Lady Harriet hieß, eine Hofdame der Königin, und dann gibt es noch einen Sir Tristan, das ist der Verehrer und Cousin, Verehrer der Martha. So ist das eine Handvoll bezaubernder Rollen, und besonders die Protagonisten Martha und Lionel singen eine tolle Arie nach der anderen. Es gibt da im ersten Akt dieses Quartett „Mitternacht“, das ist so märchenhaft schön, das ist ganz, ganz große Musik. Da bleibt für einen Moment die Zeit stehen. Schön ist das.
Kerschbaum: Ein schöner Satz, die Zeit bleibt stehen in  Schloss Tabor.
Fassbaender: Das ist einmal ein legitimes Happy End, das schwer erreicht wird, aber es ist da, und man kann es auch nicht und ich will es auch nicht ändern, das ist ja nicht mehr Mode.  Aber ich finde, das ist so schwer errungen, die großen Emotionen, die da vorausgehen.

Es gibt also ein Happy End?
Fassbaender:
Ja, es gibt ein Happy End. Die beiden, die zusammen kommen sollen, die tun es dann auch, aber vorher machen sie es sich furchtbar schwer. Also reich an Emotionen, reich an Witz, ein wirklich reiches Stück und ich finde, es ist eine der ganz großen deutschen Spieloper.

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Passt die „Martha“ zu Schloss Tabor?
Fassbaender:
Sie passt hier sehr gut her. Diese Bühne hat ja gewisse Regeln. Man arbeitet hier ja nicht unter normalen Umständen. Man muss hier doch dauernd abbrechen. In der ersten Woche haben wir geprobt, dann kamen die schwarzen Wolken, es fing an zu regnen, wir mussten alle schnell rein, das gesamte Bühnenbild musste abgehängt, zugedeckt werden, damit es nicht leidet. Dann mussten wir das abwarten, dann wurde die Bühne erst wieder trocken gewischt, so weit wie möglich, dann konnten wir weiter probieren. Das sind hier schon ganz besondere Bedingungen, unter denen man arbeitet. Aber das muss auch überschaubar sein, das darf man nicht vergessen, „Martha“ ist auch eine große Choroper, ganz viele Szenen sind erfüllt mit Chorgeschehen, und das wird spannend, denn der Chor kommt. Bis dahin müssen die Solisten genau wissen, was sie zu tun und zu lassen haben, damit ich mich dann ganz auf den Chor konzentrieren kann.
Kerschbaum:  Wenn du siehst, mit welcher Hingabe und Liebe dieses Stück hier am Schloss Tabor zu einem Opernhaus Open Air geworden ist, mit einem Original Orchester-Graben, das gibt es doch sonst nirgends.
Fassbaender: Es ist ein authentisches Klangerlebnis. Natürlich ist diese Kulisse hier in diesem Schlosshof und diesem Schloss dahinter natürlich akustisch ideal, und die Sänger fühlen das auch.
Kerschbaum: Absolut. Du brauchst hier nicht diese Verstärkung, die man sonst benötigt und eine Entfremdung des Personencharakters darstellt. Du kannst über Mikrofone nie so die Emotionalität zum Ausdruck bringen, das bringt nichts. Und hier schaffen wir es, hier bringt man das rüber zum Publikum, das ist schön.
Fassbaender: Du kannst das gesamte Publikum einbeziehen. Man kann die gesamte Bühne wunderbar ausnützen.

Wie viele Vorstellungen wird es geben?
Fassbaender:
Wir werden von 1. bis 11. August sieben Vorstellungen spielen.

Wie haben sich die Besucherzahlen in den letzten Jahren entwickelt?
Kerschbaum:
Das ist immer vom Stück abhängig. Wir pendeln uns immer zwischen 80 und 90 Prozent ein, das ist in Ordnung. Wir haben keine wirkliche Verkehrsanbindung, du hast 200 Kilometer, die Leute kommen von außerhalb. Das Schöne ist, es sind Opernliebhaber, die aus Salzburg oder Grafenegg, Wien kommen. Sie schätzen das, lieben das.
Fassbaender: Das ist eine der schönsten Gegenden, die ich kenne, dieses Südburgenland. Die Natur ist ein Traum. Es wirkt alles so gesund und herrlich, so schön ist diese Ecke am Schloss Tabor, angenehm. Ich bin zum zweiten Mal da und kann nur schwärmen.

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Wird es ein in drittes Mal geben?
Fassbaender/Kerschbaum:
Das wird noch nicht verraten.
Fassbaender: Ich bin froh, dass ich wieder da sein darf, es ist sehr schön. Wir haben eine wunderbare Besetzung, die mit großem Enthusiasmus und Freude dabei ist. Es sind eben herrliche Partien, die Sänger merken das und singen das wahnsinnig gut.
Kerschbaum: Ich bin wirklich stolz, dass wir so eine Qualität gefunden haben. Die ist für dieses Fach einzigartig. Da musst du alles drinnen haben. Du musst Witz haben, Charme haben, die Spielfreudigkeit haben, auf jeden Fall eine durchkomponierte Geschichte, Rezitativ ist ganz wichtig, das alles rundherum muss passen. Du musst die Pointen richtig rüber bringen. Und das ist, glaube ich, schon eine seltene Sache.  

Können Sie uns ein bisschen etwas über die Künstler erzählen?
Fassbaender:
Renate Pitscheider spielt Lady Harriet Durham. Sie ist so froh, dass sie diese Partie bekommen hat, da sie sehr schön zu singen ist. Dann haben wir einen jungen Tenor, einen jungen Türken, der die Rolle des Lyonel spielt und sich in dem Fach ausprobiert, mit ganz junger, frischer Stimme. Mit Andreas Mattersberger haben wir einen sehr guten Bass, der den Plumkett singt. Er ist  sehr spielbegabt. Die Französin Sarah Laulan singt die Nancy. Für die Nancy braucht man gute Mittellagen und Tiefe vor allem, die hat einige wichtige tiefe Töne zu präsentieren, da muss man eben ein Mezzo finden, das über diese Tiefe verfügt. Lord Tristan Mickleford wird von Andreas Jankovits aus Wien verköerpert. Auch er zeigt große Spielfreude und viel Fantasie. Der Chor ist ja öfter hier, der ist erstklassig und singt auch bei den Salzburger Festspiele und in Baden-Baden. Zu erwähnen ist natürlich unser spielfreudiges Jugendorchester.
Fassbaender: Georg Fritsch, der mit dem Orchester wunderbar arbeiten wird, hat einiges zu tun. Da gibt es etwa ein großes Solo zu spielen, da muss ein junger Hornist schon richtig ran.
Kerschbaum: Musikalisch sind wir natürlich bestens aufgestellt, vor allem mit Georg Fritsch, der ja als Generalmusikdirektor von Kiel nach Karlsruhe geht. Wir haben auch seine Assistentin hier, die Generalmusik-Assistentin in Mannheim ist. Dann haben wir wie jedes Jahr Stefan Müller, der am  Klavier sitzt. Er ist auch Chordirektor am Landestheater in Salzburg und ist in Jennersdorf immer wieder gerne dabei.

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Landeshauptmann Doskozil sagt, dass es eine starke Rolle braucht, um Kulturstandorte nachhaltig abzusichern. Wie geht es da weiter, hinter jOPERA steht ja eine Stiftung?
Kerschbaum:
Wir haben einen Landeshauptmann, der in der Kultur wirklich Positives setzt und als Kulturschaffender bin ich stolz darauf, dass man von ihm verstanden wird. Wir sind gerade mitten in der Ausarbeitung eines Konzepts, mehr möchte ich dazu noch nicht sagen.
Fassbaender: Wunderbar, dass es jemanden gibt, der sich nicht nur für Fußball, sondern auch für Kultur interessiert.
Kerschbaum: Und der sich vor allem für die Menschen interessiert. Menschen in der südlichen Region Kultur nahe zu bringen, ist wichtig. Wir können stolz sein, mit wenigen Mitteln hier ein Kulturevent geschaffen haben, das seit 20 Jahren eine Erfolgsgeschichte ist.
Fassbaender:  Natürlich glaube ich, das wird immer mehr spürbar, dass die wenigen Mittel sehr zielstrebig eingesetzt werden. Es geht hier wirklich um die Kunst. Leider ist es nicht immer so. Es kommt viel von privater Seite. Was lukriert wird, fließt in die künstlerische Arbeit ein, das finde ich sehr wichtig.

Schwenken wir wieder zurück, Herr Kerschbaum, wann werden Sie wieder auf der Bühne stehen?
Kerschbaum:
Nächstes Jahr. Wenn ich etwas mache, dann gescheit. Mein Beruf ist mein Hobby. Wenn Du zu einem Skifahrer, der auf der Piste steht, sagst, er soll nicht mehr Ski fahren, das geht nicht. Ich habe mir zwar Urlaub genommen, mache aber trotzdem Engagements. Auf Schloss Tabor bin ich heuer nicht dabei, da die Rolle wohl zu jugendliche für mich gewesen wäre. Das hätte nicht so gepasst. Ich bin ein Sänger, der schon drauf kommt, dass es bei manchem eine Altersgrenze gibt.

Frau Fassbaender, Sie haben das ja so gemacht und die Seiten gewechselt. Fehlt Ihnen das Singen?
Fassbaender:
Nein, ich singe ja noch genug, wenn ich unterrichte. Und ich bin ja nicht als Ruine abgetreten.
Kerschbaum:  Ich möchte auch nicht als Ruine abtreten (lacht).
Fassbaender: Ich hatte mir das immer vorgenommen, dass ich abtrete, wenn ich es für richtig empfinde, und so ist es auch gekommen.
Kerschbaum: Ich bin mitten drinnen, wo man mit einer Persönlichkeit das 50-jährige Bühnenjubiläum feiert, da gibt es schon Stimmen in der Ruine (lacht).
Fassbaender: Das ist halt auch schwer für einen Sänger, wenn man nichts anderes im Leben hat, als Singen. Vor allem will man ja immer wieder die Erfolgserlebnisse.
Kerschbaum: Du bist ein Vorbild für mich. Du bist ja dabei geblieben.
Fassbaender: Ich bin dankbar, dass ich dabei geblieben bin.
Kerschbaum: Für mich ist es eine unglaubliche Stärke, egal, ob ich in Jennersdorf sitze oder in Linz.  Im Zuschauerraum  ist jede Vorstellung für mich,  als würde ich mitsingen. Es stärkt mich.
Fassbaender: Es verzaubert mich immer, die Faszination des Theaters ergreift mich immer wieder. Es ist ein Abenteuer.