Mutter erstochen: 17 Jahre für Mord. Mutter erstochen – 56-Jähriger wegen Mordes verurteilt – nicht rechtskräftig. Geschworenenprozess am Landesgericht Eisenstadt.

Von APA / BVZ.at und Elisabeth Kirchmeir. Update am 28. Januar 2021 (15:26)

Die Geschworenen sprachen den Angeklagten einstimmig des Mordes schuldig und verwarfen die Option des Totschlags. Der 56-jährige Angeklagte wurde am 28. Jänner 2021 zu 17 Jahren Haft verurteilt. Zusätzlich muss der Angeklagte vier Monate verbüßen – eine Strafe wegen sexueller Belästigung und Nötigung, die im Jänner 2020 am Landesgericht Graz bedingt ausgesprochen worden war.

Beim Schwurgerichtsprozess, der zuvor stattgefunden hatte, bekannte sich der Mann schuldig. Er gab zu, seine 80-jährige Mutter am 14. Juli 2020 umgebracht zu haben.

„Ich dachte, jetzt ist Ruhe“, schilderte der 56-jährige Angeklagte seine Gefühle nach der Tat. Im Haus seines Bruders in Mühlgraben (Bezirk Jennersdorf) hatte er zuvor seiner 80-jährigen Mutter Schnitte und Stiche mit einem Küchenmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge zugefügt.

Er sei bei der Sterbenden geblieben, „bis es vorbei ist“. Dann ging er in den Oberstock, zündete sich eine Zigarette an, trank ein Bier.

„Ich dachte mir, ich genieße die Ruhe, bis der Wirbel anfängt“, erinnerte sich der Angeklagte bei seiner Befragung vor dem Schwurgericht am Donnerstag, 28. Jänner 2021 am Landesgericht Eisenstadt.

Vor der Bluttat habe ihm die Mutter Vorwürfe gemacht. „Sie hatte einen speziellen Gesichtsausdruck, wenn sie sehr zornig war, den ich seit Jahrzehnten kannte“, sagte der Angeklagte. „Ich dachte, schon wieder das Gesicht! Ich halte es nicht mehr aus!“

Misshandlungen in der Kindheit

Astrid Hofer, die Strafverteidigerin des 56-Jährigen, sprach von einer „tyrannischen Mutter“, Demütigungen und Schläge hätten die Kindheit ihres Mandanten geprägt. „Er war nicht der gute Schüler, hat nicht funktioniert“, sagte die Anwältin.

Die Mutter habe nicht nur den älteren Sohn geschlagen, sondern auch ihren Mann. „Das hat ihn in den Selbstmord getrieben“, sagte die Verteidigerin.

33 Jahre sei er alt gewesen, als sich sein damals 73-jähriger Vater 1997 umbrachte, sagte der Angeklagte später während des Prozesses.

Der Angeklagte sei, so die Verteidigerin, ein „Beschöniger“, „Herunterschlucker“. Der Mann flüchtete sich in den Alkohol, war zweimal auf Entzug, wurde rückfällig. 2011 erfolgte die Scheidung von seiner Frau. Die Ehe war kinderlos geblieben.

Ende 2019 verlor der Angeklagte seinen Job als Busfahrer wegen eines Führerscheinentzugs. Er war alkoholisiert am Steuer eines Reisebusses gesessen.

Renovierungsarbeiten im Haus des Bruders

Im ersten Halbjahr 2020 lebten Sohn und Mutter im Haus des Bruders des Angeklagten im Südburgenland. Der beschäftigungslose 56-Jährige führte dort Renovierungsarbeiten durch.

So auch am 14. Juli 2020. „Um die Mittagszeit stellte ich fest, dass mir der passende Bohrer fehlt“, erinnerte sich der Angeklagte. Er bat seine Mutter, ihm das fehlende Werkzeug zu besorgen. Er habe Bier getrunken, insgesamt seien es zehn, zwölf an diesem Tag gewesen, sei eingeschlafen.

Um 18 Uhr sei er wieder aufgewacht und ins Wohnzimmer gegangen. „Da begann der Streit“, so der Angeklagte. „Warum ich sie schicke, einen Bohrer zu holen, obwohl ich ihn nicht brauche.“

„Du bist ein arbeitsscheues Gesindel!“

Seine Mutter sei „sehr untergriffig“ geworden. „Sie sagte, du bist ein arbeitsscheues Gesindel und lebst vom Staat.“ Dabei habe sie „so ein böses Gesicht“ gehabt. Das habe er gesehen und sich gedacht: „Ich muss die Welt davon befreien.“

„Wie fühlten Sie sich?“, fragte Richterin Birgit Falb.

„Ich hatte das Gefühl, es reicht. Es sind genug der Vorwürfe, der nicht begründeten“, sagte der Angeklagte.

Er sei in die Küche gegangen, habe die Schublade geöffnet, und ein Messer mit 20 Zentimeter langer Klinge entnommen. Nicht eines der „Micky-Maus-Messer“, die sich auch in der Schublade befanden, wie er bei der Tatrekonstruktion am Tatort angemerkt hatte.

Die Mutter habe weitergeschimpft.

Messerklinge brach ab

Er trat hinter die auf einem Sessel sitzende Frau und fügte ihr mehrfach Schnitte am Hals zu. Dabei verfing sich die Klinge an der Halswirbelsäule und brach ab. Mit dem verbliebenen Messerstumpf mit einem fünf Zentimeter langen Klingenrest versetzte der Sohn seiner Mutter weitere Stiche und Schnitte.

Die Schwerverletzte sackte vom Stuhl, und rief ihrem Sohn zu: „Lass mich leben!“

Der Tod soll innerhalb weniger Minuten durch Verbluten nach außen eingetreten sein, sagte die gerichtsmedizinische Sachverständige.

Selbstmordversuch mit Schraubenzieher

In der Nacht nach der Tat dachte der Angeklagte an Selbstmord: „Ich spitzte einen Schraubenzieher mit der Flex zu und versuchte mir den ins Herz zu stoßen.“

Der Stich verfehlte sein Ziel, der Angeklagte wachte am nächsten Morgen wieder auf. Er spielte Computer, löste Kreuzworträtsel und Sudoku.

Gegen Abend kam eine Nachbarin, um, vom Bruder des Angeklagten alarmiert, der die Mutter nicht erreichen konnte, Nachschau zu halten.

„Ich habe meine Mutter erstochen“

Der Angeklagte öffnete ihr die Tür und gestand: „Ich habe gestern Abend meine Mutter erstochen. Es kommt jede Hilfe zu spät.“

An Flucht habe er nie gedacht. Auch nicht daran, die Spuren seiner Tat zu verwischen.

„Er wirkte ganz ruhig, gelassen“, berichtete die als Zeugin befragte Nachbarin vor Gericht. „Ich konnte es zuerst nicht fassen.“

Die Tat sei im Lichte der jahrzehntelangen Vorgeschichte zu sehen, sagte die Verteidigerin. „Es ist ein Damm gebrochen, das war wie ein Tsunami, das kann ein Mensch nicht mehr beherrschen.“

Ganz eindeutig habe es sich um eine Affekttat gehandelt, nicht eiskalt geplant, sondern unter dem Eindruck einer „allgemein begreiflichen, heftigen Gemütserregung“.

Dem widersprach der Staatsanwalt in seinen Schlussworten: „Diese Tat ist ganz klar als Mord zu qualifizieren.“

Die Geschworenen fällten schließlich einen einstimmigen Wahrspruch: Die von dem Angeklagten begangene Tat sei ein Mord gewesen und nicht ein mit einer geringeren Strafe bedrohter Totschlag.

Verurteilt wurde der 56-Jährige zu einer 17-jährigen Haftstrafe. Erschwerend sei, so Richterin Birgit Falb, die „heimtückische und qualvolle Begehungsweise“ gewesen.

Verteidigerin und Staatsanwalt gaben keine Erklärung ab – das Urteil ist nicht rechtskräftig.