Streit seit 40 Jahren. Ein 77-jähriger Pensionist bedrohte seinen Sohn und trat einer Frau ins Hinterteil. Das Urteil: Diversion mit 80 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Von Elisabeth Kirchmeir. Erstellt am 23. Januar 2019 (05:22)
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„Wir sind ein Strafgericht, keine Familientherapie!“, erklärte Richterin Birgit Falb einem 77-jährigen Angeklagten, der nicht einsehen wollte, dass er seinen Familienmitgliedern nicht drohen darf.

Am 6. Mai 2018 hatte der Mann seinem Sohn gegenüber angekündigt, er werde mit dem „Vorschlaghammer durch die Werkstatt gehen“ und seine Arbeit und sein Leben zerstören. Rund zwei Wochen vorher war es zu einem Vorfall gekommen, als sich eine Bekannte seiner Schwester in ein Gespräch einmischen wollte. „Dreimal sagte ich ihr, sie soll die Papp’n halten und verschwinden, sonst leg‘ ich ihr eine auf“, gab der Pensionist vor Gericht zu. Obwohl die Frau gehbehindert ist, soll er ihr einen Tritt ins Hinterteil verpasst haben. „Schwer behindert soll sie sein?“, führte der Angeklagte vor Gericht aus. „Faulitis hat sie. Es gab einen Disput zwischen mir und meiner Schwester, da watschelt sie aus der Küche, baut sich vor mir auf und was tut sie? Mit der linken Faust hat sie mir in die Gosch’n gehaut.“

„Geplärrt“ hätten die Frauen und „tschadert“, so der Angeklagte. Was sie sagten, wisse er nicht mehr. „Sie dürfen niemanden bedrohen!“, stellte die Richterin klar. „Ich darf nix, die anderen dürfen alles!“, beschwerte sich der Pensionist. „Was mischt sie sich ein? Sie hätte in der Küche bleiben sollen!“, ärgerte er sich heftig gestikulierend. Seit 40 Jahren habe er Familienprobleme, berichtete er, und fragte, wie er sich schützen könne. Sein Sohn habe ihm die Tür eingetreten und den Briefkasten beschädigt. „Da müssen Sie die Polizei anrufen“, empfahl die Staatsanwältin. Ein erster Versuch eines außergerichtlichen Tatausgleiches bei Neustart war gescheitert, weil der Pensionist nicht bereit war, seinen Fehler zuzugeben.

„Es gibt gewisse Spielregeln im Zusammenleben, die man einhalten muss“, ermahnte die Richterin den betagten Mann. „Man kann nicht wie ein Rumpelstilzchen herumrennen und seinem Ärger Luft machen!“ Die Richterin bot dem Angeklagten eine Diversion an. Wenn er 80 Stunden lang gemeinnützige Arbeiten leistet, wird das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Damit erklärte sich der Pensionist einverstanden. Eine Einvernahme der Zeugen hatte sich somit erübrigt. Enttäuscht reagierte der Sohn des Angeklagten: Er hatte sich Unterstützung erhofft. Sein Vater brauche dringend psychologische Hilfe, meinte der Sohn. Dazu sei jedoch, das betonten Richterin und Staatsanwältin, das Gericht nicht da.