32-Jähriger wegen Mordes verurteilt

Mordprozess in Eisenstadt: Geschworene sprachen Hilfsarbeiter des Mordes schuldig. Pensionistin (75) starb an lebensgefährlichen Messerstichen.

Aktualisiert am 21. Mai 2019 | 12:15
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Der 32-Jährige bekannte sich zu Prozessbeginn schuldig
Der 32-Jährige bekannte sich zu Prozessbeginn schuldig
Foto: APA

Sein merkwürdiges Verhältnis zu Pölstern soll Auslöser für die Gewalttat des aus derselben Ortschaft stammenden Hilfsarbeiters am 10. November 2018 im Keller eines Hauses in Rohrbach gewesen sein. Mit einem Messer stach der Hilfsarbeiter auf die Pensionistin ein, die Frau starb kurze Zeit danach im Spital an den lebensgefährlichen Verletzungen.

Vor Gericht bekannte sich der Angeklagte schuldig. Seine Verteidigerin Maria Münzenrieder plädierte auf Totschlag.

Staatsanwältin Verena Strnad berichtete, dass der Angeklagte am 10. November 2018 mit Handschuhen an den Händen und dem Messer in der Jackentasche den Keller des Pensionisten-Ehepaares aufgesucht hatte. Zuvor hatte er am selben Tag wie schon einige Male davor mit einem Freund für das spätere Opfer Gartenarbeiten ausgeführt. Dabei hatte er auch einen Blick in den Keller geworfen.

Später kehrte er zurück und betrat über die Außenstiege den Keller, um nach Pölstern zu suchen, wie er sagte. Pölster lösen bei dem Angeklagten, wie er berichtete, eigenartige Gefühle aus.

Schaumstoffpölster machen ihn angeblich nervös, Pölster mit Daunen beruhigen ihn.

Die Handschuhe habe er angelegt, um beim Betreten des Hauses keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, gab der Angeklagte bei seiner Einvernahme vor Gericht an.

Die Pensionistin kam zufällig über den Stiegenabgang vom Erdgeschoß in den Keller. „Du schon wieder“, soll die Pensionistin gesagt haben.

„Ich bin zuwe, habe den ersten Stich gesetzt. Sie ist zurückgefallen in einen Plastiktrog, dann habe ich weiter auf sie eingestochen. Vier-, fünfmal“, sagte der Angeklagte.

Neun Stiche und Schnitte erlitt das Opfer, in den Brustkorb, in den Bauch. Herz, Lunge und Darm wurden getroffen.

Fünf Stiche führten, so die Staatsanwältin, zu lebensgefährlichen Verletzungen.

„Was fühlten Sie dabei?“, fragte die vorsitzende Richterin Karin Lückl.

„Als ob ich in einen Sandsack einstechen würde“, antwortete der Angeklagte.

Der Pensionistin gelang es trotz der massiven Verletzungen, dem Angeklagten das Messer zu entreißen, er flüchtete.

Das Opfer schaffte es noch bis ins Erdgeschoß und konnte die Polizei alarmieren. Später verstarb sie im Spital. Der pflegebedürftige Ehemann gab bei seiner Einvernahme vor der Polizei an, dass seine blutende Gattin noch den Namen des Täters genannt habe.

Ein psychiatrischer Sachverständiger diagnostizierte bei dem Angeklagten eine schwerwiegende schizoide Persönlichkeitsstörung.

Die Staatsanwältin beantragte eine Einweisung des Angeklagten in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Die Verteidigerin verwies auf die „erheblichen Schwierigkeiten“ ihres Mandanten, auf andere Menschen gefühlsmäßig einzugehen.

Der Angeklagte habe eine „libidinöse Beziehung zu Kopfpölstern“. Dieses triebhafte Verhalten habe ihn bewogen, in den Keller der Pensionistin zu gehen.

An die Geschworenen gerichtet erklärte sie, dass diese darüber entscheiden müssten, ob es sich bei der Bluttat um vorsätzlichen Mord oder um Totschlag gehandelt habe.

Ein Kriminalbeamter, Mitglied der Tatortgruppe, schilderte den Tatort. Der Keller sei „hüfthoch bis schulterhoch zugemüllt“ gewesen, ein „Trampelpfad“ führte von einem Zimmer ins nächste.

Jener Polizist, der die Ermittlungen geführt hatte, beschrieb den Angeklagten bei seiner ersten Einvernahme als „emotionslos und ruhig“.

Auf die Frage, was er mit dem Messer wollte, habe der Verdächtige zunächst minutenlang geschwiegen. Sexuelle Gründe für seine Tat habe der Verdächtige, so der Polizist vor Gericht, sofort verneint.

Nach einer weiteren Pause habe der Verdächtige gesagt: „Mir hat sie nichts gegeben.“

Die Pensionistin soll seinem Freund für die Gartenarbeiten Schmuck und auch Geld gegeben haben. Er habe nur einmal eine Flasche Sekt bekommen, gab der Angeklagte vor Gericht an.

Gezeigt wurde ein Video von der Tatrekonstruktion im Keller in Rohrbach. Zu sehen waren mit zahlreichen Gegenständen vollgepferchte Räume, in denen kaum Platz zum Gehen blieb.

Er habe beim Betreten des Kellers auf die Uhr geschaut, da sei es 17.05 Uhr gewesen, sagte der Angeklagte bei der Tatrekonstruktion.

Er habe dann weiter hinten im Keller Schaumstoffpölster entdeckt und diese angegriffen, was bei ihm einen Anfall ausgelöst habe, der rund zehn bis fünfzehn Minuten gedauert habe. Während dieses Anfalls habe er stark gezittert, so der Angeklagte.

Das Messer habe er schon vorher aus der Tasche genommen. Er habe die Schaumstoffpölster zerstechen wollen, dann aber doch davon Abstand genommen, weil er dann „den Dreck“ hätte wegräumen müssen.

Die Pensionistin sei dann in den Keller gekommen und habe Wäsche in die Waschmaschine gestopft. Er habe sie nur erschrecken wollen. Das sei aus dem Ruder gelaufen, so der Angeklagte bei der Tatrekonstruktion.

Der Notruf, den die schwerverletzte Pensionistin nach der Messerattacke selbst absetzte, wurde den Anwesenden im Schwurgerichtssaal ebenfalls zur Kenntnis gebracht. „Mi hat wer umbringen wollen!“, informierte die Frau kurzatmig die Rettung. „Schicken Sie schnell den Notarzt.“

Im Spital versuchte man das Leben der Pensionistin durch eine Not-Operation am Herzen und Bluttransfusionen zu retten. Zwei Stunden nach der Tat erlag sie jedoch noch am Operationstisch den schweren Verletzungen.

Der Sachverständige für Psychiatrie, Peter Hoffmann, schilderte den psychischen Zustand des Angeklagten. Dieser leide unter dem sogenannten Klinefelter Syndrom, einer Abnormität in Bezug auf den Chromosomensatz. Der Angeklagte fühle emotionale Regungen nicht wie andere Menschen, könne seine Impulse nur mangelhaft kontrollieren und leide unter zwanghaften Störungen. Er lebe zurückgezogen, unbeteiligt und weitgehend bedürfnislos.

Die Tat sei aus einer Nichtigkeit heraus entstanden, der Angeklagte habe danach keine Vertuschungshandlungen gesetzt, so der Sachverständige. Eine Stunde nach den letztlich tödlichen Messerstichen wurde er zuhause festgenommen.

„Die Prognose ist schlecht“, erklärte der Gutachter. Es sei zu befürchten, dass der Angeklagte weitere Gewalttaten begeht.

Die „Polster-Störung“ bezeichnete Peter Hoffmann als „Obsession“, die der Trieb- und Frustrationsabfuhr diene.

Staatsanwältin Verena Strnad erklärte in ihrem Abschluss-Plädoyer: „Jeder, der so oft hinsticht, will töten. Er will nicht verletzen, sondern dass das Opfer stirbt.“

Verteidigerin Maria Münzenrieder führte abschließend für ihren Mandanten ins Treffen, dass er den Keller der Pensionistin „wegen seines Triebes“ aufgesucht habe und nicht, weil er jemanden habe töten wollen.

Dem Angeklagten fehle „die intellektuelle Voraussetzung, um einen gezielten Mord zu begehen“, so die Verteidigerin.

Die Geschworenen sprachen den Angeklagten mit acht zu null Stimmen des vorsätzlichen Mordes schuldig. Der 32-Jährige wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Seine Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher wurde angeordnet.

Weiters verurteilte das Schwurgericht den Angeklagten zur Zahlung von Trauerschmerzensgeldern an die Angehörigen des Mordopfers in der Höhe zwischen 1000 bis 6000 Euro.

Der Angeklagte gab zum Urteil keine Erklärung ab. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.