Ex-Mitarbeiter berichten: „Zorn und Verzweiflung“. Die Enttäuschung bei den ehemaligen Commerzialbank-Angestellten ist noch immer groß: „Jene Werte, die er immer vorgab, hat er selbst nicht gelebt.“

Von Richard Vogler. Erstellt am 27. August 2020 (05:55)
Der „Tatort“. In der Zentrale der Commerzialbank in der Mattersburger Judengasse sollen über die Jahre hinweg Bilanzfälschungen durchgeführt worden sein.
Richard Vogler

Immer mehr Details zu den Malversationen von Martin Pucher und seiner Vorstandskollegin Franziska Klikovits werden bekannt, in der BVZ melden sich nun erstmals ehemalige Mitarbeiter zu Wort. „Für uns war der 14. Juli (Anm.: Die FMA stellte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli den Betrieb der Bank ein) ein normaler Arbeitstag. Wir haben zwar mitbekommen, dass eine Prüfung durch die Österreichische Nationalbank durchgeführt wurde. Für uns war dies jedoch nichts Ungewöhnliches. Es hat immer geheißen, dass kleinere Banken öfters als die ‚großen‘ geprüft werden.“

„Ich bin aus allen Wolken gefallen“

Die Nachricht ereilte sie dann in der Früh am nächsten Tag. „Ich zum Beispiel“, sagt eine Ex- Mitarbeiterin, „habe eine Nachricht von einem Freund erhalten, dass die FMA die Bank quasi zugesperrt hat. Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe mir zuerst gedacht, dass das nicht wahr sein kann. Ich habe nicht gewusst, ob ich zur Bank fahren soll und habe auf Infos gewartet.“ Schlussendlich setzte sie sich ins Auto, fuhr in die Zentrale, immer mehr Mitarbeiter trafen ein. „,Was ist hier los? Was ist passiert?‘, waren die Fragen, die wir uns gestellt haben, keiner von uns wusste etwas Genaues. Zu diesem Zeitpukt nur soviel, dass die Vorstände Pucher und Klikovits eine Selbstanzeige getätigt haben und zurückgetreten sind. Es herrschte Ratlosigkeit, Unsicherheit und Verzweiflung.“

„Wie kann es sein, dass Pucher und Klikovits uns alle über die vielen Jahre so belogen und betrogen haben?“ Die Ex-Mitarbeiterin der Commerzialbank

Einer, der noch am Vormittag die Initiative ergriff, war der letzte verbliebene Vorstand. „Er war selbst schwer erschüttert von den Ereignissen, fasste sich ein Herz und sprach zu uns. Er wusste auch nicht, wie es weitergehen würde. Er versuchte zu beruhigen und stellte sich unseren Fragen – wozu die beiden Ex-Vorstände, die mutmaßlich diesen Schaden verursacht hatten, nicht den Mut hatten. Zu diesem Zeitpunkt lebte noch die Hoffnung, dass wir vielleicht wieder öffnen dürfen.“ In den nächsten Tagen kamen immer mehr Informationen ans Tageslicht, die Hoffnung auf einen Fortbestand der Bank löste sich in Luft auf.

Rund eineinhalb Monate später sitzt der Stachel noch tief. „Es ist so schrecklich und unfassbar, was diese zwei Menschen gemacht haben sollen. Wie kann es sein, dass Pucher und Klikovits uns alle über die vielen Jahre so belogen und betrogen haben. Traurigkeit, Zorn und Verzweiflung wechselten sich ab. Die Nächte waren schlaflos, zu schlimm die Enttäuschung und die Traurigkeit.“

Was besonders schwer wiegt: „Die Werte, die uns Martin Pucher immer gepredigt hat – Loyalität, Ehrlichkeit, Hausverstand und die Kunden freundlich und in guter Qualität zu beraten – hat er sichtlich nur von sich gegeben und nicht selbst gelebt.“ Was vielen Ex-Mitarbeitern sauer aufstößt, sind Meldungen von Puchers Anwalt Norbert Wess. „Laut Wess ist er geschockt und fassungslos, wo er sich jetzt das ganze Ausmaß eingestehen muss. Aber kann es wirklich sein, dass sich dieser Mensch, welcher für seinen Weitblick geschätzt wurde, wirklich über Jahre hinweg nicht bewusst war, welche Auswirkungen sein Handeln hat? Dies ist für uns nur sehr schwer vorstellbar.“ Martin Pucher soll sich persönlich nicht bereichert haben. „Jahrelanges Wahren des Scheins über das ‚Imperium Pucher‘ aus seinem Egotrip heraus stellen unserer Ansicht nach sehr wohl eine Art Bereicherung dar“, so der Tenor einiger Mitarbeiter.

Die rund 70 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hatten bis zur Schließung der Bank am 13. August ein aufrechtes Dientsverhältnis. Rund zehn davon sind als „Abwicklungsteam“ bei der Bank noch immer beschäftigt. Wie es für die Ex-Mitarbeiter nun weitergeht? „Einige haben bereits einen neuen Job. Der Insolvenzentgeltfonds deckt die gesetzlichen Ansprüche der Mitarbeiter. Wir hoffen auch auf eine von Landeshauptmann Doskozil angekündigte Stiftung, welche Umschulungsmaßnahmen ermöglichen könnte.“

Enorme psychische Belastung

Die letzten Wochen waren für die Mitarbeiter eine enorme psychische Belastung. „Niemand hat uns wirklich gefragt, wie es uns geht. Wir haben als Team stark zusammengehalten, das hat sehr geholfen.“

Die Betrügereien blieben die Jahre über von sämtlichen Kon-trollinstanzen unentdeckt. „Auch wir haben nichts mitbekommen. Frau Klikovits hat bis spät in die Nacht hinein gearbeitet. Das war normal, gang und gäbe.“

Dass Martin Pucher einen autoritären Führungsstil pflegte, können die Ex-Mitarbeiter bestätigen: „Dies stimmt und er war eigentlich immer präsent. Auch nach seinem Schlaganfall – entweder persönlich oder durch Anrufe.“