Sigleßer Infektiologe an Impfstoff-Forschung beteiligt

Der aus Sigleß stammende Professor für Tropenmedizin, Peter Kremsner, ist an der Erforschung eines Covid-19-Impfstoffs an vorderster Front beteiligt.

Erstellt am 11. Februar 2021 | 04:45
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Für das Tübinger Unternehmen CureVac leitete Peter Kremsner die klinischen Studien zu deren mRNA-Impfstoff. Er ist zuversichtlich, dass der Impfstoff im Frühling eine bedingte Zulassung erhält.
Foto: ZVg

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Infektiologe Peter Kremsner in der deutschen Medienlandschaft ein viel gefragter Mann. Fernsehauftritte sind mittlerweile fast zur Routine des 59-Jährigen geworden. So war er zum Beispiel zu Jahresbeginn in der Talkshow von Markus Lanz zu Gast. Zeitungen und Fachjournale drucken Interviews mit ihm oder zitieren seine Studien. Auch die hohe Politik sucht seinen Rat: Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn etwa rufe gelegentlich in seinem Tübinger Büro an, erzählt der Professor der BVZ.

Ehe es Kremsner in die weite Welt verschlug, um Infektionskrankheiten wie Malaria oder Ebola zu erforschen – kam er zunächst nach Wien, wo er sein Medizinstudium absolvierte, später nach Brasilien, Kamerun sowie viele Jahre in das zentralafrikanische Land Gabun, wo er das größte Forschungszentrum des Landes aufbaute. Er lebte bis zu seinem 18. Lebensjahr in Sigleß, besuchte dort die Volksschule und anschließend das Gymnasium in Mattersburg. Vor 25 Jahren kam der Ruf in die Universitätsstadt Tübingen, wo er am 1. Feber 1996 seinen Dienst als Professor Ordinarius antrat. Am Universitätsklinikum Tübingen leitet Kremsner derzeit das Institut für Tropenmedizin.

„Die Leute, die das behaupten, sind dann schlauer als ich. Ich kann nicht sehen, wie das unter normalen Umständen funktionieren soll.“ Der Virologe Peter Kremsner zum Argument, dass mRNA-Impfstoffe die DNA verändern könnten.

Für das Biotech-Unternehmen CureVac, das ebenfalls in Tübingen sesshaft ist und demnächst erste Dosen seines mRNA-Impfstoffes (messenger ribonucleic acid) auf den Markt bringen möchte, ist Kremnser für die klinischen Studien der Phase eins und drei zuständig. „Unsere Verträglichkeits- und Sicherheitsdaten sehen bisher sehr gut aus. Bis März, spätestens April hoffen wir auch die Wirksamkeit mit der Phase-3-Studie, der sogenannten Zulassungsstudie nachweisen zu können.“

36.500 Probanden sollen in diese letzte Phase der klinischen Studien aufgenommen werden. Die „placebokontrollierte, doppelt blinde, multizentrische und randomisierte Studie“, erklärt Kremsner, ist weltweit angelegt, findet aber vor allem in etwa 40 Zentren in Lateinamerika und Europa statt. Dabei wird den Probanden entweder ein Placebo injiziert oder zwölf Mikrogramm der mRNA des S-Antigens des Sars-Corona-Virus-2 (des Stachel-Antigens, welches das Virus verwendet, um in die menschlichen Zellen einzudringen und diese zu infizieren). „Man impft also die Struktur, die das Virus selbst hat, ein und setzt damit eine Abwehrreaktion in Gang, die dann hoffentlich schützend gegen das eigentliche Virus wirkt.“

Alles, von der Forschung bis hin zur Zulassung, passiere momentan in Rekordzeit. Die Entwicklung eines Impfstoffes dauert in der Regel mindestens zehn Jahre. Übersprungen wurde im Entwicklungsprozess trotzdem nichts, versichert Kremsner. „Es wurde sehr intensiv gearbeitet, von allen Seiten. Die Genehmigungen, die man bekommen muss, um eine Studie überhaupt durchführen zu können, dauern im Schnitt bereits sechs Monate. Jetzt ist das innerhalb einer Woche passiert.“ Auch die Zulassungsverfahren der bisherigen Impfstoffe, etwa von Moderna oder BioNTech/Pfizer, ebenfalls mRNA-Impfstoffe, brauchten nicht wie üblich rund ein Jahr, sondern wurden in wenigen Wochen erledigt. Gelegentlich kursiert die Verschwörungstheorie, mRNA-Impfstoffe, die eine neue Form von Vakzinen darstellen, würden das menschliche Erbgut verändern. „Die Leute, die das behaupten, sind dann aber schlauer als ich. Ich kann nicht sehen, wie das unter normalen Umständen funktionieren soll. Im Labor kann man natürlich alles machen. Außerhalb ist das aber unmöglich.“

Zu unerwünschten Wirkungen kann es, wie bei jeder Impfung, aber auch bei der Coronavirus-Impfung kommen. Die Verträglichkeit sei zwar im Allgemeinen sehr gut. „Wir haben aber gesehen, dass Jüngere die Impfung schlechter vertragen als 60- bis 80-Jährige. Hier ist es genau umgekehrt wie bei der Infektion selbst, wo das junge Alter ein großer Vorteil ist. Es gibt aber weder bei den Jüngeren, noch bei den Älteren schwerwiegende Nebenwirkungen. Durchaus aber leichte Beeinträchtigungen, die ein bis zwei Tage andauern können.“ Müdigkeit, Muskelschmerzen, auch leichtes Fieber können unter anderem auftreten.

Wer geimpft ist, kann zwar bei den Impfstoffen, die bisher entwickelt wurden, das Virus trotzdem noch in sich haben und auch an andere weitergeben. An neuen Ansätzen, die das verhindern sollen, werde aber bereits geforscht, sagt Kremsner. „Zum Beispiel in Form einer Schluckimpfung, wo die Abwehrreaktion nicht nur im Blut oder in der Lunge stattfindet, sondern auch im Nasen-Rachen-Raum oder im Darmtrakt. Mit diesen Impfstoffen könnte es sein, dass dadurch bereits die Infektion verhindert wird. Bei Thyphus geht es. Man wird sehen, ob es auch bei Sars-Corona-Virus-2 klappen wird.“

Durch die Impfungen verschwindet das Virus zwar nicht gänzlich, „wenn vor allem die Über-65-Jährigen geimpft sind, wird es aber seinen Schrecken verlieren“, sagt Kremsner. „Von der Gefährlichkeit wird es sich nach der Pandemie wahrscheinlich in die Kategorie der Grippeviren einordnen.“ Der erfahrene Infektiologe rechnet, dass wir in Österreich und EU-weit ab Sommer in eine neue, alte Normalität zurückkehren werden. „Viel früher eher nicht, obwohl ich sehr gerne wieder in die Oper gehen würde oder als Rapid-Anhänger ins Stadion.“

Auch in Sigleß ist Kremsner, der mit einer Rechtsanwältin verheiratet ist und drei Kinder hat, hin und wieder zu Besuch, seine Eltern leben dort. „Ich freue mich immer, wenn ich sie besuchen kann. Üblicherweise sind wir alle zu Weihnachten zusammen und auch den Sommerurlaub verbringen wir mit der Großfamilie.“