Drei Generationen beim Männergesangsverein Neudörfl. Nicht alle Tage sieht man Angehörige dreier Generationen aus ein und derselben Familie in einem Verein zusammen am Werken. Beim Männergesangsverein Neudörfl ist das so. Von Christian Artner

Von Christian Artner. Erstellt am 19. März 2020 (03:56)
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Der männliche Teil der Familie Portius singt allesamt im Neudörfler Männergesangsverein. So sind mit Oliver, Peter und Roland gleich drei Generationen vertreten.
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Einmal Portius, zweimal Portius, dreimal Portius. Überfliegt man die fünfundzwanzig Namen im Mitgliederverzeichnis des Männergesangsvereins Neudörfl, so fällt unter anderem auf, dass der Name Portius gehäuft auftritt. Dahinter steckt kein bloßer Zufall, sondern hat Struktur, genauer gesagt eine ganz besondere Verwandtschaftsstruktur.

Aus Sicht von Roland Portius, 52, dem Obmann des MGV, singen im Verein sowohl sein Vater Peter, 75, als auch sein Sohn Oliver, 21, mithin drei Generationen der Neudörfler Familie. Einen weiteren männlichen Familienangehörigen, also etwa Bruder oder zweiten Sohn, der sich dieser zusätzlichen gemeinsamen Freizeitgestaltung – jeweils donnerstags gibt es Proben, insgesamt 25–30 Auftritte im Jahr – entziehen würde, gibt es darüber hinaus nicht, erzählt Roland. Dafür aber Tochter Johanna, die an der Neudörfler Musikschule fleißig Klavier übt, während Rolands Frau Sabine Portius im Gospelchor Spirit.us singt. Der einzige Ausreißer, wenn man es so nennen möchte, in der Familie, wäre Rolands Großvater gewesen, der den Weg in den mittlerweile bereits 139 Jahre alten Gesangsverein und somit dem ältesten Verein Neudörfls damals noch nicht gefunden hatte.

„Ich habe bestimmt am wenigsten Talent“

Bei so viel geballter Sangeskraft drängt sich unweigerlich die Frage auf, wer denn nun von den dreien, die alle in der zweiten Tenorstimme singen, mit dem größten Talent gesegnet ist. Hierauf gibt es vom Trio eine grundehrliche, eine abwägende sowie eine eindeutig-glasklare Antwort. Roland, der Ehrliche: „Ich habe auf alle Fälle das wenigste.“ Oliver differenziert und gibt sich diplomatisch: „Eine schwierige Frage. Ich glaube, dass es auf das Liedgut ankommt. Die englischen Songs singe wahrscheinlich ich am besten. Aber bei den älteren Liedern hat mein Großvater die Nase vorne.“ Und Peters Wahl fällt kurz und bündig auf seinen Enkelsohn: „Oliver“.

Der 21-Jährige hatte nicht nur früher bereits in zwei eigenen Bands musikalisch Erfahrung gesammelt, deren Stil jeweils in Richtung Punk-Rock ging, er studiert auch Musikproduktion an der Akademie Deutsche Pop in Wien, die in Kooperation mit der University of West London Bachelor-Studiengänge anbietet und beschäftigt sich somit mit Technik, Komposition und allen übrigen Produktionsschritten, die nötig sind, um professionell Audio-Aufnahmen zu erstellen.

„Ein Job als Tontechniker und/oder Musikproduzent ist für mich das langfristige Ziel“, sieht Oliver seine berufliche Zukunft im Musikgeschäft. Derzeit arbeitet er auch an neuer Musik, die diesmal mehr in die Richtung Indie & Alternative gehen wird. In die moderne Richtung geht auch sein persönlicher Musikgeschmack: The 1975, Kevin Abstract und Mac Miller, nennt er als seine Inspirationsquellen. Roland mag es dagegen eher klassisch. „Ich bin Klassikfan, höre aber auch gerne Rock aus den 80ern und 90ern.“ Peter Portius, der – beachtenswert – mittlerweile fast 60 Jahre Mitglied im Gesangsverein ist, kann dagegen der Musik von Udo Jürgens viel Gutes abgewinnen.

Bei den gesungenen Chorliedern, die bei den Dreien zu ihren je eigenen Favoriten zählen, gibt es teilweise Einigkeit: Oliver entschied sich für den Song Day & Night, Roland und Peter für das deutsche Volkslied „Die Alten Straßen noch“. „Das ist ein klassisches Lied über Freundschaft, die vergangen ist“, erklärt Roland. Freundschaft, zwar keine vergangene, wenngleich auch manchmal unter den Sängern gestritten wird, steht denn auch neben dem Singen im Zentrum der Männergemeinschaft. „Das Schöne am Chor“, sagt Roland begeistert, „ist, dass wann immer man sich mit jemanden streitet, man sich am nächsten Donnerstag wieder trifft, die Hand schüttelt und alles vergessen ist“. Sein Vater kann ich da nur beipflichten: „Der Gesangsverein bedeutet für mich ein Leben lang Freundschaft und füreinander da zu sein, auch außerhalb des Chors.“