Neudörfler halfen an Grenze: Übersetzungsarbeiten für Menschen in Not

Erstellt am 21. Mai 2022 | 05:19
Lesezeit: 5 Min
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Bürgermeister Dieter Posch mit Gemeindemitarbeiter Davith Gotsiridse, der an der slowakisch-ukrainischen Grenze half.
Foto: BVZ
Davith Gotsiridse und Faoud El Abbasi aus Neudörfl waren Anfang März dreimal an der slowakisch-ukrainischen Grenze, um in der Hochphase der Fluchtbewegungen aus der Ukraine beim Übersetzen zu helfen. Die BVZ sprach mit Davith darüber.
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Die Hilfe für die Menschen aus der Ukraine von Seiten der österreichischen Bevölkerung kannte in den letzten Wochen viele Gesichter:

Einige zeigten ihre Unterstützung mit Lebensmittel- und Medikamentenspenden, andere halfen dabei diese Spenden einzusammeln, zu verpacken und auf den Weg in der Ukraine zu bringen. Wieder andere stellten Privatunterkünfte für geflüchtete Frauen und Kinder zur Verfügung oder spendeten ganz traditionell ein wenig ihrer Ersparnisse.

Die Neudörfler Davith Gotsiridse und Faoud El Abbasi halfen auf eine noch etwas andere Weise, indem beide Anfang März mit dem Burgenlandbus an die slowakisch-ukrainische Grenze fuhren, um dort wichtige Übersetzungsaufgaben zu übernehmen. Damals gab das Land Burgenland bekannt, 500 Geflüchtete unkompliziert im Land aufzunehmen.

Zurück nach Georgien war für mich nicht möglich.“

Davith (53), Vater zweier Kinder, verheiratet, lebt seit 2003 in Neudörfl. Ursprünglich stammt er aus Georgien, aus einer Stadt namens Telavi, zirka hundert Kilometer entfernt von der Hauptstadt Tiflis.

Dort arbeitete er als Journalist und schrieb unter anderem über Themen wie Kriminalität und die Drogenszene vor Ort, was er beinahe mit seinem Leben bezahlte, als ihn 2002 ein Schuss aus einer Kalaschnikow in den Bauch traf, wie er erzählt. „Gott sei Dank, hat mich ein Bauer gefunden, sonst hätte ich das nicht überlebt. Sechs Monate lang bin ich im Krankenhaus nur gelegen, ohne Bewegung.“

Danach war er für kurze Zeit in der Ukraine in ärztlicher Behandlung, wo er auch seine heutige Ehefrau kennenlernte, mit der er gemeinsam nach Österreich kam, um hier um Asyl anzusuchen. „Zurück nach Georgien war für mich nicht möglich“, sagt Davith.

Österreich wurde deshalb als sein Wunschziel ausgewählt, „weil ich in einem echten demokratischen Land leben wollte. Hier gibt es in der Regel keine Schießereien“, blickt er mit einem Lachen auf die Ereignisse von vor zwanzig Jahren zurück.

„Ich glaube nicht, dass ich jemanden getroffen habe. Wir haben uns verteidigt. Was kann man sonst machen? Gar nichts.“ Davith Gotsiridse Gemeindemitarbeiter

Als der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine am 24. Februar begann, rief das bei ihm auch ganz persönliche Erinnerungen aus den 1990er-Jahren wach. 1992 und 1993 fand in seinem Geburtsland Georgien der sogenannte Georgisch-Abchasische Krieg statt. Abchasische Separatisten wurden damals von Russland unterstützt.

Auch Davith selbst war im Krieg im Einsatz und musste den Abzug auf seinem Gewehr drücken. Er wisse deshalb, wie sich Krieg anfühlt und was er für die Menschen bedeutet, sagt er. „Ich glaube nicht, dass ich jemanden getroffen habe. Wir haben uns verteidigt. Was kann man sonst machen? Gar nichts.“

Davith Gotsiridse musste deshalb auch keine Sekunde lang überlegen, ob er seine Hilfe für die geflüchteten Menschen, auch Hunderte Kilometer von seinem Wohnort Neudörfl entfernt, anbieten soll. „Unser Bürgermeister hat mich angerufen und ich habe ihm gesagt: ‚Herr Dieter, wenn ich gebraucht werde, bin ich sofort bereit‘.“

Insgesamt dreimal war er Anfang März an der slowakisch-ukrainischen Grenze. Er berichtet, dass stündlich ungefähr hundert Leute dort ankamen, die meisten davon Frauen und Kinder, manche der Kinder auch ohne Begleitung eines Elternteils. „Einige hatten nur ein Plastiksackerl mit dem Notwendigsten dabei.“

An der Grenze wusste niemand genau, wie es weiter geht. „Ich habe mich vorgestellt und gesagt, meine Nationalität ist ursprünglich georgisch, ich wohne aber in Österreich. In Österreich bekommt ihr eine Wohnung, ihr bekommt Essen und es ist ruhig. Wer wollte, konnte auch meine Frau anrufen.“

„Bis heute bekomme ich Anrufe, dass alles in Ordnung ist.“

Auf diese Weise konnte Davith sehr schnell eine Vertrauensbasis aufbauen. Über zweihundert neue Telefonnummern hat er in diesen Tagen gesammelt. „Bis heute rufen mich noch welche an und sagen mir, alles ist in Ordnung. Solche Anrufe berühren mich sehr. „In Neudörfl leben derzeit rund 35 Menschen aus der Ukraine. Zweien von ihnen konnte Davith auch eine Arbeit bei einer Reinigungsfirma vermitteln.

Am Sonntag wurde Davith Gotsiridse 53 Jahre alt. Zum Feiern war ihm aber nicht wirklich zumute. „Normalerweise wird beim Bauhof, wo ich arbeite, immer gegrillt. Ich habe gesagt, Entschuldigung, aber heuer nicht, ich habe keine Lust.“ Und das, obwohl er, der auch bei der Feuerwehr Neudörfl ist, eigentlich gern feiert.

Oft denkt er über den Krieg nach. Für ihn steht außer Zweifel, dass die Ukraine gewinnen muss. „Es ist nicht nur ein Krieg der Ukraine gegen Russland, es ist einer zwischen einem Land, das für Demokratie steht und diese verteidigt und einer Diktatur. Deshalb darf Russland nicht gewinnen. “

Was ihm noch wichtig ist und unbedingt erwähnt werden soll: „Ein großer Dank an unseren Herrn Landeshauptmann, dass er den Menschen schnell geholfen hat und auch ein großer Dank an unseren Bürgermeister – Herrn Dieter - für das Vertrauen in mich.“

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