Geschichte in Buchform: Dorf an der Grenze

Die Präsentation der neuen Ortschronik fand vergangenen Freitag im Rahmen einer Ausstellung statt.

Judith Jandrinitsch
Judith Jandrinitsch Erstellt am 05. Mai 2017 | 03:54
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Foto: BVZ

Der Autodidakt Herbert Radel hat die Gemeindechronik von 1994 aktualisiert und mit neuen Fakten angereichert. Die BVZ befragte ihn zu seinen neuen Erkenntnissen.

BVZ: Wenn man sich so sehr mit der Vergangenheit beschäftigt wie Sie, stößt man dann auf Parallelen zwischen damals und heute?
Herbert Radel: Parallelen fand ich beim Aufarbeiten der Geschichte immer wieder. Am meisten schockte mich meine intensivere Recherche über den Gründungsparteitag der SPÖ in Neudörfl 1874. Um diese Zeit triftete, ähnlich wie heute, die Gesellschaft stärker denn je zuvor auseinander. Die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Es entstanden der Kapitalismus, der Sozialismus und der Nationalismus, alles Strömungen, deren Vertreter glaubten, die alleinige Lösung für die immer größer werdenden Probleme zu haben.

Neudörfl war bis 1921 ungarisch. Was blieb von diesem ungarischen Erbe?
Neudörfl war immer eine deutsche Enklave im Ungarischen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Männergesangsverein, der 1881 als Gegenpol zum ungarischen Nationalismus gegründet wurde. Man pflegte mit diesem Verein das Deutsche Lied und die Deutsche Sprache. Seitens der ungarischen Behörde sah man das nur sehr ungern und ordnete an, dass bei jeder öffentlichen Aufführung zuerst ein ungarisches Lied gesungen werden musste. Dem begegnete der Verein wiederum, indem er das erste Lied so falsch sang, dass man mit dieser Verordnung nicht sehr glücklich wurde.

Gab es während ihrer Forschungsarbeit Aha-Erlebnisse, weil sie lang geglaubte Mythen widerlegen konnten?
Ich bin kein Historiker, sondern nur ein an Geschichte sehr interessierter Mensch, daher verlasse ich mich nur auf gesicherte Grundlagen. Da war zunächst der Wr. Neustädter Kanal, der ab 1812 als Wasserstraße eine direkte Verbindung von Neudörfl bis nach Wien war, man konnte mit einem Boot von Neudörfl nach Wien fahren. Das zweite Phänomen war der oben erwähnte Gründungsparteitag der SPÖ. Dieser wurde im ungarischen Neudörfl abgehalten, weil die Behörden in Österreich eine solche Versammlung verboten hätten. Und als dritte Besonderheit möchte ich die Gründung einer Freimaurerloge in Neudörfl 1871 erwähnen. Ähnlich wie die Arbeiterbewegung war auch die Freimaurerei in Österreich verboten, und so trafen sich die Mitglieder der Loge, meist aus Wien kommend, in Neudörfl. Der Ort war mit der Bahn leicht zu erreichen, man sprach hier Deutsch und fühlte sich nicht wie im Ausland.

Sind Sie froh, dass die Chronik jetzt fertig ist?
Kurz und bündig: Ja! Andere interessanten Aufgaben warten schon, die ich angehen möchte.