Junger Soldat hörte eine Stimme: „Nicht Schießen“

Willi Plesser war als junger Soldat in der Normandie eingerückt, als ihn eine Stimme in der Weihnachtsnacht rief – bis heute.

Judith Jandrinitsch
Judith Jandrinitsch Erstellt am 24. Dezember 2016 | 04:25
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Die Leiterin des Seniorenheimes Waldheim in Neudörfl, Edith Kern-Riegler, kennt Willi Plesser schon lange.
Foto: BVZ, JJ

Die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier im Seniorenheim Waldheim laufen auf Hochtouren. Mittendrin bleibt Willibald Plesser die Ruhe selbst. „Chefin“ Edith Kern-Riegler führt Plesser in ihr Büro, damit er seine Geschichte selbst erzählen kann. Denn Geschichten hat der Wahl-Neudörfler viele erlebt, besonders jene, die Edith Kern-Riegler schon am Heiligen Abend vorgelesen hat. „Ich kann den Text selbst nicht lesen, da muss ich sonst zu weinen anfangen. Denn ich höre die Stimme jener Frau heute noch, überhaupt jetzt, zu Weihnachten“, erzählt der 91-Jährige.

Nur Rollator dient als Hilfe zur Fortbewegung

Plesser stammt aus Weißenkirchen in der Wachau. Nach dem Krieg begann er als Mechaniker bei Singer Nähmaschinen in Wien zu arbeiten. Er war ein begnadeter Techniker und Konstrukteur, und das ohne Schulabschluss und ohne Hochschulstudium. „Mit ihnen spare ich mir einen Diplomingenieur“, hat mein Chef bei der Firma Triumph in Wiener Neustadt immer zu mir gesagt“, schmunzelt Plesser. Denn die technischen Fähigkeiten von Will Plesser, der von der Firma Singer Nähmaschinen zu Triumph geschickt wurde, um die Maschinen des Damenunterwäscheerzeugers zu warten und zu reparieren, blieben der Triumph-Geschäftsleitung nicht lange verborgen. Das Übernahmeangebot ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten. „Ich war in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dort habe ich einen Lastwagen repariert, von dem Farmer, wo ich gearbeitet habe, Mr. Dickerson. Der war so begeistert, dass er mich zum Chef der Werkstätte ernannt hat.

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Dabei war ich damals erst 22 Jahre alt und darüber hinaus nur ein Kriegsgefangener“, erzählt Plesser. Die Erinnerungen an seine ersten Versuche als Mechaniker führen in wieder zurück zu jenem 24. Dezember 1943, als er in der Normandie als Vormitternachtswache abkommandiert ängstlich und frierend endlose Runden um den Fuhrpark abschritt. Dann bemerkte er mitten im eiskalten Sturm eine huschende Bewegung. Plesser versuchte, nicht in Panik zu geraten, er raffte sich sogar auf, „Halt, wer da?“, zu rufen. Es kam keine Antwort, er hörte nur schlurfende Schritte. Er entsicherte sein Gewehr und versteckte sich hinter einem Stapel gelagerter Benzinfässer. Näher und näher kamen die schlurfenden Schritte, vor Angst brachte Plesser keinen Ton mehr heraus.

Plötzlich tauchte vor Plesser eine winzige, gebückte Gestalt auf und eine alte Frauenstimme sagte: „Soldat, Soldat, nicht schießen, ich alte Mutter. Heute Heilige Nacht, unser Herr Jesus geboren, kleines Kind in Wiege im Stall. Du hier keine Mutter, kein Weihnacht. Mein Bub so alt wie du, er irgendwo in Deutschland in Gefangenschaft, ich nicht wissen wo. Vielleicht auch für ihn alte Mutter machen was Gutes. Da bissi Kuchen und Apfel, da du auch bissi Weihnacht.“ Plötzlich stellte sich die Frau auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen kalten Kuss auf die Wange. „Du Soldat und Sohn, Gott beschützen, dass Mutter nicht muss weinen, gute Nacht und komm bald Friede für uns alle.“ Mit diesen Worten verschwand die wundersame Gestalt in der regnerischen, stürmischen Nacht. Gemeldet hat der Gefreite Willi Plesser diesen Vorfall nicht.

„Ich wollte nicht, dass die Frau verfolgt wird“ sagt Plesser, der sich während er bei Triumph in Wr. Neustadt arbeitete in Neudörfl ein Haus baute. Seit einigen Jahren wohnt Willi Plesser im Waldheim.