Christa Prets : „Frauenseilschaften fehlen noch immer“

Christa Prets war Bürgermeisterin, Landesrätin und EU-Abgeordnete. Anlässlich des Weltfrauentages zieht sie Bilanz.

Judith Jandrinitsch
Judith Jandrinitsch Erstellt am 08. März 2018 | 01:55
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Foto: BVZ

Am Donnerstag, 8. März, wird der Weltfrauentag gefeiert. Was liegt näher, als mit Christa Prets zu sprechen, einer Frau, die jede politische Herausforderung angenommen hat und auf vielen Gebieten Pionierarbeit für die Frauen leistete?

BVZ: Frau Prets, sie wurden 1991 die erste direkt gewählte Bürgermeisterin des Burgenlandes. Wie kam es dazu?
Prets: Ich bin mit meinem Mann von Draßburg nach Pöttsching gezogen, als eine Tierarztstelle dort frei wurde. Damals war es noch üblich, vor der Heirat ein Aufgebot zu bestellen. Das war eine Art öffentlicher Aushang, wo auch mein Beruf, Sportlehrerin, angeführt war. Einige Frauen fragten mich daraufhin, ob ich nicht mit ihnen turnen wolle. Das war mein Einstieg in das Pöttschinger Vereinsleben und mein Engagement für Pöttsching. Die SPÖ-Fraktion ist damals an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, Bürgermeisterin zu werden. Nach dem Ausscheiden meines Vorgängers bin ich erst einmal Vizebürgermeisterin geworden. Ich habe die Wahl 1991 mit knapp 64 Prozent der Stimmen vor dem ÖVP-Gegenkandidaten gewonnen. Es war die erste Gemeinderatswahl im Burgenland, wo der Bürgermeister direkt von den Bürgerinnen und Bürgern zu wählen war.

Warum haben Sie dieses Amt dann nur drei Jahre ausgeübt?
Ich bin von heute auf morgen in die Landesregierung berufen worden. Ich erinnere mich noch heute, wie mich der damalige Landeshauptmann Karl Stix am Morgen angerufen hat und mich fragte, ob ich nicht Landesrätin werden wolle, weil meine Vorgängerin Christa Krammer in die Bundesregierung als Gesundheitsministerin berufen wurde. Irgendwo habe ich mich überrumpelt gefühlt, ich habe mich sehr wohl gefühlt als Bürgermeisterin. Schließlich habe ich aber doch zugesagt, obwohl alles Neuland für mich war, der ganze Beamtenapparat, die ganzen politischen Verflechtungen, das ist in einer Gemeinde doch viel übersichtlicher.

"Irgendwann traf ich für mich die Entscheidung: Jetzt bin ich da, und mache das Beste daraus."

Kam der Wechsel nach Brüssel als EU-Abgeordnete ebenfalls plötzlich?
Ja, ich habe mich anfangs dagegen gewehrt, dachte, ich bin im Burgenland verwurzelt. Ich musste mich dann aber damit arrangieren. Am Anfang kam ich mir in Brüssel sehr verloren vor, immerhin war ich als Landesrätin gut eingearbeitet. Irgendwann traf ich für mich die Entscheidung: Jetzt bin ich da, und mache das Beste daraus. Im Endeffekt habe ich mich in meine Themen hineingetigert und bald gesehen, wie du als EU-Abgeordnete auch für dein Bundesland arbeiten und für die regionale Entwicklung etwas erreichen kannst. Außerdem bekam ich Zugang zu Persönlichkeiten, den ich so als Regionalpolitikerin nie gehabt hätte.

Ihre Themen, mit denen sie sich in Brüssel beschäftigt haben, klingen zehn Jahre nach 2008 immer noch seltsam vertraut: Gleichstellung von Mann und Frau in der Berufswelt, warum geht da so wenig weiter?
Frauen tragen immer noch die Hauptverantwortung für die Familie. Und es ist diskriminierend, wenn Frauen für den gleichen Job in der Privatwirtschaft nicht so viel bezahlt bekommen wie Männer. Im Öffentlichen Dienst ist das anders. Aber das ist ein Thema, das wir bereits seit 100 Jahren diskutieren.

BVZ: Was sagen sie zur aktuellen metoo-Debatte?
Vielleicht habe ich Glück gehabt, ich habe mit sexuellen Übergriffen keine Erfahrung gemacht. Was mich an der Debatte freut, ist, dass jetzt verstärkt das Augenmerk auf sexuelle Übergriffe im Sport gelegt wird. Ich engagiere mich ja für das Projekt 100 % Sport (Anm.: Christa Prets ist Vorsitzende des Vereines), und die Vorbeugung von Missbrauch und die Sensibilisierung bezüglich dieses Themas sind ja wesentliche Bausteine des Projekts. Früher sind wir aber nie durchgekommen, wenn es um sexuellen Missbrauch im Sport ging. Traten einzelne Fälle auf, war zwar Betroffenheit da, aber der große Aufschrei blieb aus. Das änderte sich erst, als der Skiverband plötzlich mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert war. Jetzt können wir uns kaum erwehren von Anfragen von Vereinen, die wollen, dass unsere Mitarbeiter kommen, um Eltern und Trainer diesbezüglich zu sensibilisieren.

Auf was konzentriert sich das 100%Sport sonst noch?
Es geht um die Gleichstellung der Geschlechter in allen sportlichen Belangen, sei es bei der Besetzung von Sport-Gremien, bei der Medienpräsentation, bei der Ressourcenverteilung. Gerade bei der Besetzung der Gremien ist noch alles fest in Männerhand. Da ändert sich nur ganz langsam etwas. Ein Argument, das ich dabei oft höre, ist, na ja, wir haben ja keine Frauen. Das man aber Frauen fördern und wahrnehmen muss, und das nicht nur als Schriftführerin, bedenkt kaum jemand.

Was machen Männer karrieretechnisch betrachtet viel besser als Frauen?
Männer sind sehr viel besser darin, Seilschaften zu bilden. Scheidet ein Mann aus einem Amt aus, stehen meist zwei Nachfolger parat, die den Job übernehmen wollen. Bei Frauen funktioniert das längst nicht so gut, da haben wir selbst noch bei politischen Seilschaften etwas zu lernen.