Sozialstation Neudörfl: Aus nach 35 Jahren

Erstellt am 10. Juni 2022 | 05:16
Lesezeit: 6 Min
Nach 35 Jahren stellt die Sozialstation Neudörfl ihre Tätigkeit ein. Durch die Neuordnung der Hauskrankenpflege durch die Landesregierung sieht der gemeinnützige Verein im neuen System keinen Platz mehr für sich.
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1987 wurde die Sozialstation Neudörfl als gemeinnütziger Verein im Bereich der Hauskrankenpflege gegründet. Zweck der Vereinsgründung war es laut den Gründungsstatuten, „auf allen Gebieten der Wohlfahrtspflege und der sozialen Hilfe für die Bevölkerung wirksam zu werden, sei es durch Förderung und Unterstützung der Familien oder durch den Ausbau der nachbarschaftlichen Hilfe.“ Zuletzt waren elf Mitarbeiterinnen bei der Sozialstation tätig.

„Unsere Arbeit war nicht immer leicht, aber unsere Mitarbeiterinnen haben Hervorragendes und Unvorstellbares geleistet. Ihre Empathie und die Liebe zu den Menschen zeichnet sie aus.“ Edith Kern-riegler langjährige Obfrau der Sozialstation

„Unser diplomiertes Gesundheitspflegepersonal, unsere Pflegeassistentinnen und unsere Heimhilfen sorgten dafür, dass viele pflegebedürftige Menschen in ihrem Zuhause bleiben konnten und manche davon auch dort für immer Abschied nehmen konnten“, berichtet Edith Kern-Riegler.

Seit 2013 ist sie Obfrau im Verein. „Unsere Arbeit war nicht immer leicht, aber unsere Mitarbeiterinnen haben Hervorragendes und Unvorstellbares geleistet. Ihre Empathie und die Liebe zu den Menschen zeichnet sie aus.“

In den letzten 20 Jahren wurden rund 205.000 Einsatzstunden für die Menschen in den beiden Gemeinden, Neudörfl und Bad Sauerbrunn, geleistet. Über 758 verschiedene Personen wurden betreut.

Anfang des Jahres gab die Landesregierung bekannt, dass die nicht-stationäre Pflege im Land neu geregelt werden soll. Zum damaligen Zeitpunkt boten 14 Träger an 34 Stützpunkten Leistungen für rund 6.600 Menschen im Burgenland an. Künftig soll das Land in 28 Regionen eingeteilt werden, jede dieser Regionen wird nochmals unterteilt, sodass am Ende 70 Subregionen mit je 4.000 Einwohnern entstehen.

„Es wird alles zentralisiert“

„Die Burgenländische Landesregierung stimmte für ein neues Modell der Hauskrankenpflege, in dem kleine, erfolgreiche und sehr wirtschaftlich geführte Vereine wie die Sozialstation Neudörfl keinen Platz mehr haben“, kritisiert Kern-Riegler. „Es wird alles zentralisiert. Das neue Verrechnungssystem, das keine direkte Stundenabrechnung mit der Sozialabteilung des Landes mehr vorsieht, macht es uns unmöglich, die Versorgung der Bevölkerung und die Anstellungsverhältnisse unsere Mitarbeiterinnen aufrecht zu erhalten.“

Stattdessen soll nach vollzeit-äquivalenten Angestellten abgerechnet werden, so Kern-Riegler. „Dies ist in zwei Gemeinden nicht möglich. Wir hatten zwar 11 Mitarbeiterinnen, die meisten davon aber als Teilzeitangestellte.“

„Im Vorfeld nicht mit einbezogen“

Die Informationen zum neuen Modell erhielt Kern-Riegler per Videokonferenz. Im Vorfeld gab es mit der Sozialstation keine Gespräche, sagt sie. Auch eine schriftliche Anfrage an Landesrat Leonhard Schneemann sei bis heute unbeantwortet geblieben. Der Kurier berichtet bereits im Jänner, dass auch Hilfswerk, Diakonie und Rotes-Kreuz in die Neustrukturierung nicht eingebunden waren. „Ein System, das quasi zu einem Gebietsschutz führt, sei nicht der richtige Weg“, wurde Hilfswerk-Chef Thomas Steiner zitiert, „zumal wir ein gut funktionierendes System in der Hauskrankenpflege haben“.

Der Vorstand der Sozialstation sah nun keinen anderen Weg mehr, als die Tätigkeit einzustellen und die Hauskrankenpflege in andere Hände zu geben. „Nach anfänglicher Sprachlosigkeit mussten wir handeln. Dieser Schritt ist uns sicherlich nicht leicht gefallen“, so Edith Kern-Riegler.

„Schweren Herzens“ machte man sich auf die Suche nach einer Organisation, die groß genug sei, „um diese Neuregelung zu überleben und die bereit ist, unsere Mitarbeiterinnen auch anzustellen und die sich vor allem auch der Bevölkerung annimmt, wenn sie Hilfe braucht.“ Einige der elf Mitarbeiterinnen haben bereits einen neuen Arbeitsplatz gefunden, in die Nachfolgeorganisation wollten nicht alle wechseln.

Seit 1. Juni ist die Nachfolgeorganisation die Volkshilfe Burgenland, sie wird für die Hauskrankenpflege in Neudörfl und Bad Sauerbrunn zuständig sein. „Aus meiner Sicht kann ich allerdings noch nicht sagen, ob alle Dienste, die unsere Menschen von der Sozialstation gewohnt waren, auch weiterhin angeboten werden. Ein Drittel der Klienten werden nicht mehr betreut, da das Angebot der Sozialstation Neudörfl deutlich umfassender war. Dies war am Anfang nicht so von den Verantwortlichen der Volkshilfe kommuniziert worden“, so Kern-Riegler.

Der Gemeinde kostete die Sozialstation nichts. Die Klienten erhielten eine Subvention für die geleisteten Stunden und die Sozialstation Neudörfl rundete diese – aus Spenden – auf vier Euro auf.

Von der Einstellung der Tätigkeit der Sozialstation nicht betroffen ist das Neudörfler SoziMobil. Fahrtendienste werden auch weiterhin unter der der Nummer 0676/555 20 40 angeboten.

Bürgermeister Dieter Posch hat die Entwicklung rund um die Sozialstation „zur Kenntnis genommen.“ Als Bürgermeister ist er nicht im Vorstand, sondern nur einfaches Mitglied. „Die genauen Beweggründe, warum man im neuen System nicht mehr reüssieren kann, weiß ich nicht und werde sie deshalb auch nicht kommentieren. Ich wurde von der Sozialstation nicht eingeladen, um die weitere Vorgehensweise zu diskutieren. Froh bin ich, dass die Versorgung aus meiner Sicht, was die Hauskrankenpflege in Neudörfl betrifft, mit der Übergabe an die Volkshilfe weiter lückenlos geschieht.“ Alles, was an zusätzlichen Leistungen von der Sozialstation über die Hauskrankenpflege hinaus angeboten wurde, sei auch nicht Aufgabe der Volkshilfe, meint Posch.

Soziallandesrat Leonhard Schneemann lässt auf Anfrage wissen, dass er es selbstverständlich schade findet, dass die Sozialstation den Geschäftsbetrieb aufgibt. Man müsse aber das große Ganze im Blick behalten. „Mit dem Zukunftsplan Pflege haben wir die optimale Pflege und Betreuung aller Burgenländerinnen und Burgenländer zum Ziel. Alle drei Säulen der Pflege werden auf neue Beine gestellt – sei es die Pflege daheim, die mittlere Pflegeebene aber auch die stationäre Pflege. Bisher gab es immer wieder Schwierigkeiten in gewissen Ortschaften überhaupt irgendeine Form von Betreuung zu gewährleisten.“

Bei der Neustrukturierung wolle man keinen der jetzigen Betreiber ausschließen. „Ganz im Gegenteil. Wir werden auf bestehende Strukturen zurückgreifen. Im Zuge der Ausschreibung hat jeder Träger die Möglichkeit sich zu bewerben, sollte er die Anforderungskriterien erfüllen“, so der Landesrat.

Gemeinsam mit Neudörfl werden die Gemeinde Bad Sauerbrunn, Pöttsching, Antau, Sigleß und Wiesen in Zukunft eine Region bilden, die von einem Träger betreut wird.

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