3.860 Kilometer zu Fuß unterwegs: Ein Pilger auf Reisen

Erstellt am 10. Juli 2022 | 05:49
Lesezeit: 5 Min
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Albert Kollar genießt den Ausblick in den Pyrenäen. Insgesamt legte er in 138 Tagen 3.860 zu Fuß zurück. Auf seinem Weg schoss er bis zu 6.000 Fotos und machte 4.000 Kurzvideos.
Foto: zVg
Der Sieggrabener Albert Kollar ist ein Freund der unmotorisierten Fortbewegung. Zwischen 2013 und 2017 ritt er mit seinem Pferd Te Quiero und ein paar Freunden ans Schwarze Meer, jetzt wanderte er bis ans „Ende der Welt“.
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Die alten Römer dachten, Fisterra (finis terrae) sei der westlichste Punkt der Erde und somit das Ende der Welt. „Es gibt dort einen Leuchtturm, der relativ hoch liegt. Früher, als die Welt in den Köpfen noch eine Scheibe war, hat das fast so ausgesehen, als könnte man vom Rand der Welt hinunterblicken“, erklärt Kollar.

Heute ist Fisterra auf einer runden Welt eine Verlängerung des Jakobsweges, 90 Kilometer vom berühmten Pilgerzielpunkt Santiago de Compostela entfernt. Reisende, die noch über zusätzliche Kraftreserven verfügen, bringen diese Strecke oftmals noch hinter sich, so auch Kollar: „Mein eigentliches Ziel war Santiago. Ich habe mir aber gesagt, wenn ich mich noch gut fühle, gehe ich bis ans Ende der Welt.“

„Eine Dusche und ein warmes, gutes Essen sind essentiell. Ebenso Wanderstöcke.“ Albert Kollar Musikalischer Glasbläser und Pilger

Begonnen hat Kollar seinen Fußmarsch, der insgesamt 3.860 Kilometer lang war und ihn von Wien aus über Italien, La Spezia, durch Südfrankreich, über die Pyrenäen bis nach Spanien führte bereits 2020, am 20. Februar. 18 Tage später brach Kollar wegen dem Ausbruch der Pandemie in Pontebba, 55 Kilometer von der österreichischen Grenze gelegen, ab.

Heuer, am 22. 2. 2022, setzte er seinen Weg von dort fort. Auf den offiziellen Jakobsweg bog er in der Nähe von Toulouse ein. „ Bis dahin bin ich meinen eigenen Weg gegangen. Ich habe mir meine Strecken so gesucht wie sie mir gefallen.“ Was bedeutet: querfeldein, über Hügel und durch Wälder. „Man kann natürlich auch die vorgegebenen Wanderwege gehen. Nur leider sind die etwas fad, weil alles für dich gerichtet ist. Meistens sind sie so gemacht, dass man nicht einmal gatschig wird.“

Für solche Wege ist der Sieggrabener innerlich zu sehr Abenteurer. Natürlich gehe man dabei oft auch durch Privatbesitz und riskiere Strafen, so Kollar. „Es ist aber immer gut ausgegangen. Es hat mich zwar manchmal jemand erwischt. Wenn sie aber den großen Rucksack gesehen haben und ich ihnen erklärte, was ich mache und dass ich Pilger bin, waren sie auch nicht unfreundlich zu mir, sondern haben mir den Weg auf die Straße erklärt.“

Zweihundert Meter weiter, erzählt Kollar lächelnd, sei er aber wieder von der Straße runter. Zur Nachahmung sei das natürlich nicht zu empfehlen. „Frechheit siegt manchmal, aber nicht immer.“

Bis nach Toulouse traf Kollar deshalb auch nur wenige andere Wanderer. „In Imperia, Italien, habe ich mein erstes Pilgerpaar getroffen. Die haben ihre Jobs gekündigt und sind von Paris nach Jerusalem gegangen. Wir sind uns um den Hals gefallen und haben gar nicht recht gewusst, warum. Wir haben nur gewusst: wir sind Pilger.“

Am Haupteinstiegspunkt, in Saint-Jean-Pied-de-Port, in der Nähe von Toulouse, dagegen ein komplett anderes Bild. „Man trifft hier wirklich Vertreter jeder denkbaren Nationalität. Es ist eine regelrechte Nationenbegegnung. Man muss sich nur einmal vorstellen: In der Nebensaison kommen zwischen 800 und 1.200 Menschen täglich in Santiago an, in der Hauptsaison sind es über 1.500.“ Auf den letzten 900 km wurde Albert Kollar schließlich von einem Freund, dem Karli „world champion of chocolate“ Harrer, der hier nicht unerwähnt bleiben soll, begleitet.

Täglich ist Kollar nicht weniger als siebeneinhalb und bis zu neun Stunden gegangen und hat dabei zwischen 30 und 40 Kilometer zurückgelegt. Er hat auch ein paar kleine Tipps, wie das zu schaffen ist: „Eine Dusche und ein warmes, gutes Essen sind essentiell. Ebenso Wanderstöcke: Das habe ich vorher nicht gewusst. Man geht damit viel leichter, vor allem bergab kann man unglaublich viel Gewicht, immerhin 15 Kilo, das man im Rucksack mit trägt, abfangen.“

Ein gutes Schuhwerk ist auch nicht zu gering zu schätzen. „Und immer wenn es möglich ist, die Füße für ein paar Minuten in kaltes Wasser halten, gegen die Blasen.“

Kollars nächstes Reiseziel: Zuhause ankommen.

Was Kollar auf seiner Reise gelernt hat? „Ich habe gelernt, wenn man sich etwas fest vornimmt, schafft man das auch. Wenn man stattdessen ständig zu zweifeln beginnt, wird man nicht weit kommen.“ Außerdem habe er viel Zeit gehabt, die Natur, Kultur und Kulinarik der Länder kennen zu lernen und über liegen gebliebene Sachen nachzudenken.“

Kollars nächstes Reiseziel steht schon fest: „Zuhause ankommen.“ Physisch ist er das zwar schon wieder in seiner Wahlheimat Katzelsdorf, mental dauere es aber noch eine Weile. „Es ist schwierig, weil ich vier Monate in kompletter Freiheit gelebt habe. Plötzlich kommst du zurück und bist wieder im Alltag.“ Weggehen, sagt Kollar, sei leichter gewesen. „Obwohl man da auch ein bisschen in Sorge ist und sich fragt, was kommt da auf einen zu. Aber das Zurückkommen ist extrem schwer.“

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