Mittelalterliches Tanzen in Neudörfl. Gerhard Rehak tanzt voller Inbrunst Tänze aus dem „Dunklen“ Zeitalter. Gemeinsam mit seiner Frau bietet er nun einen Kurs für historisches Tanzen in Neudörfl an.

Von Christian Artner. Erstellt am 03. November 2019 (03:54)
Gerhard Rehak (hinten in Weiß) spielt gelegentlich am Wochenende Mittelalter. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Gruber möchte er mittelalterliches Tanzen in Neudörfl anbieten.
Herbert Orlich

Gelegentlich hört man Leute rufen: früher war doch alles besser. Was genau dieses allumfassende Alles umfasst und welches Früher überhaupt gemeint ist, bleibt danach nicht selten im Ungewissen. Vieles war sicherlich anders, einiges fremd. Für Gerhard Rehak steht jedenfalls fest: „Die Tänze früher waren sozialer. Es hat das ganze Dorf mitgetanzt, nicht nur einige Wenige. Alle wurden mitgenommen.“

Die Tänze von früher sind für Rehak aber nicht der Swing der 30er und 40er Jahre, der Rock’n’Roll der 50er und 60er und auch nicht der klassische Wiener Walzer mit seinen Ursprüngen Anfang des 19. Jahrhunderts, sondern Rehaks Tänze sind die mittelalterlich-historischen. „Wir tanzen wie es die Menschen im Mittelalter taten. Das heißt, wir versuchen alte Tänze nach Anleitungen zu finden – was nicht immer ganz einfach ist.“

Die Tanzanweisungen, wie getanzt wird ,welche Schrittfolgen einzuhalten sind und was genau mit den Händen gemacht wird, wurden, sofern sie nicht im Gedächtnis von Generation zu Generation weiter tradiert wurden, von Thoinot Arbeau, der im 16. Jahrhundert lebte, übernommen. Arbeau war bekannt dafür, die Tänze seiner Zeit aufzuzeichnen. Oftmals haben sie einen sehr anschaulichen Namen, so nennt sich einer zum Beispiel Pferdebranle, ein anderer Erbsenbranle, und es gibt auch die Rattenbranle, die sich sehr gut als Mitternachtseinlage macht. „Jeder dieser Tänze hat ein ganz spezielles Thema. Die Pferdebrandle soll die Pferde im Frühling symbolisieren. In der Erbsenbranle wird das Springen der Erbsen simuliert. Es sind sehr ausdrucksstarke Tänze und oftmals eine Riesenhetz“, wovon sich jeder in diversen Internetvideos überzeugen kann.

„Wir leben auch nicht in Holzhütten.“

Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth Gruber tanzt Rehak seit 2003 im Wiener Kulturverein Eulenspiel. Da aber das ständige Pendeln auch Kraft für das Wesentliche, nämlich den Tanz, raubt, wollen die beiden nun auch in Neudörfl Tanzkurse im Stil des Mittelalters anbieten. Zehn Tänze sollen in fünf Einheiten jeweils freitags zwischen 18:00 – 19:30 im Kinderfreundeheim in Neudörfl einstudiert werden; erstmals soll der Kurs am 15. November stattfinden. „Die Idee dahinter ist, das historische Tanzen ein wenig aus Wien herauszuholen. Wenn genügend Tänzer zusammen kommen und sie sich dafür interessieren, kann man sich auch überlegen, ob man dazu auch noch die passenden Gewänder gemeinsam in der Gruppe anfertigt.“

Beim Eulenspiel in Wien, der auch für Auftritte gebucht werden kann – „wir kommen dann wirklich, für relativ wenig Geld“ – gibt es auch einmal im Monat Livemusik, gespielt mit Flöte, Dudelsack und Drehleiher, um es so historisch akkurat wie möglich zu gestalten. „Bei uns muss man aber nicht in Mittelalter- oder Renaissancekleidung erscheinen. Bequeme Schuhe und lockere Kleidung reichen vollkommen.“ Vorkenntnisse sind ebenfalls nicht notwendig: „Die Tänze sind so angelegt, dass man sie leicht erlernen kann.“ Auch über tanzbegeisterte Kinder würden sich Gerhard Rehak und Elisabeth Gruber, die gemeinsam selbst zwei Kinder haben, freuen. „Wenn sich daraus eine eigene Kindertanzgruppe entwickeln würde, wäre das sogar das Highlight schlechthin.“

Wer Lust und Laune bekommen hat, in der Gruppe zu tanzen – „das mittelalterliche Tanzen ist nicht auf Paare fixiert“ – kann sich bei Elisabeth Gruber unter der Nummer 0680 55 85 473 anmelden. Sollte noch jemand zweifeln und sich denken, das ist nichts für mich, dafür bin ich zu modern, den kann Rehak beruhigen: „Auch wir leben nicht in Holzhütten, sondern sind in der Moderne verhaftet. Obwohl wir einige Dinge, die wir aus dem mittelalterlichen Erfahrungsschatz kennen gelernt haben, durchaus versuchen umzusetzen. Wir haben uns auf die mittelalterlichen Kochbücher gestürzt und auch Handwerke wie Töpfern und Korbflechten ausprobiert. Und so nebenbei: Das mittelalterliche Gewand ist extremst bequem. Mir würde es gefallen, wenn es wieder in Mode käme.“