Neudörfl/Baumgarten: Erste Geflüchtete sind bereits angekommen

Erstellt am 20. März 2022 | 05:59
Lesezeit: 6 Min
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Organisator Wolfgang Werderits (Mitte) mit Fahrer Hans-Peter Wolfauer (r.) und einem Dolmetscher, Davith Gotsiridse, vor dem Burgenland-Bus an der slowakisch-ukrainischen Grenze.
Foto: Landesmedienservice
Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen sind inzwischen aus dem Kriegsgebiet der Ukraine geflüchtet. Ein Teil der Geflüchteten, etwa 117.000, sind in Österreich angekommen. Auch Neudörfl hat inzwischen Kriegsflüchtlinge aufgenommen. In Baumgarten sucht die Gemeinde Flüchtlingsquartiere.
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Vergangene Woche meldete das Land Burgenland, dass sofort 500 Vertriebene aus der Ukraine aufgenommen werden. Diese wurden mit Bussen von der slowakisch-ukrainischen Grenze abgeholt und verschiedenen Quartieren im Burgenland zugewiesen. Auch in Neudörfl sind über das Wochenende und in den vergangenen Tagen Menschen aus der Ukraine angekommen, die in Privatwohnungen und Unterkünften der Gemeinde untergebracht wurden, berichtet Bürgermeister Dieter Posch. „Zum Beispiel hat die Gemeinde schon vor längerer Zeit das Haus des ehemaligen Trafikanten Gusti Nussdorfer gekauft, das bis vor Kurzem noch leer stand. Dort wohnen jetzt zwölf Menschen – Mütter, Großmütter und Kinder.“ Auch in einer Gemeindewohnung, wo eben erst eine Frau ausgezogen war, wurden vier Frauen und deren Kinder aufgenommen. Gleiches gilt für private Häuser, in denen Menschen aus der Ukraine vorübergehend leben können.

Dem Land Burgenland hat die Gemeinde Neudörfl für den Fall, dass es in Erstaufnahmezentren zu Kapazitätsengpässen kommen sollte, außerdem auch Notunterkünfte für kurzfristige Unterbringung in Aussicht gestellt. „Ich habe mit den Neudörfler Kinderfreunden und der Pfarre vereinbart, dass im Akutfall Kinderfreundeheim und Don-Bosco-Halle als provisorisches Dach über dem Kopf aktiviert werden können.“ Diese würden derzeit allerdings noch nicht gebraucht werden. Schon vor dem Wochenende hat eine Frau aus Neudörfl, die international gute Kontakte pflegt, sechs junge Flüchtlinge in einem Privathaus aufgenommen. Unter einer Hotline (02682 65933 1380) können burgenlandweit weitere freie Quartiere gemeldet werden.

„Übersetzer“ empfingen die Geflüchteten

Die Gemeinde Neudörfl hat zugleich dafür gesorgt, dass die Menschen in ihrer Muttersprache empfangen wurden. „Dafür haben wir drei Übersetzer aktiviert, insgesamt könnten rund zehn heimische Bürgerinnen und Bürger diese Aufgabe erfüllen. Das sind Neudörfler mit zum Teil Fluchthintergrund, zum Beispiel aus Armenien, aber auch Einwanderer aus Polen, die mit den Menschen russisch reden können.“

In den einzelnen Quartieren der Gemeinde wurde kurzfristig gewährleistet, dass Betten in genügender Anzahl vorhanden waren und dass Nahrungsmittel, Medikamente oder Salben bereit lagen. „Das ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen, auch die Zusammenarbeit mit unseren Übersetzern. Ich denke, es ist ganz wesentlich, dass die Leute Ansprechpartner haben, die sie auch verstehen.“

Auch im slowakisch-ukrainischen Grenzgebiet engagieren sich Neudörfler, um zu übersetzen. „Davith Gotsiridse, ein Neudörfler, der ursprünglich aus Georgien kommt und Fouad El Abbasi haben mich gefragt, ob sie irgendwie helfen können. Die beiden sind dann ohne zu Zögern mit dem Burgenlandbus an die Grenze gefahren und begleiten seither Tag und Nacht Menschen auf ihrem Weg zu Zufluchtsorten im ganzen Bundesland.“

Da vor allem auch viele Frauen mit Kindern flüchten, wurden burgenlandweit unkompliziert vereinbart, dass diese Kinder auch die Möglichkeit haben, einen Kindergarten oder eine Schule zu besuchen, berichtet Posch, der in seiner SPÖ-Fraktion im Landtag Sprecher für Integration ist. „Es gibt im Normalfall eine geregelte Klassenschülerhöchstzahl von 25 und eine Höchstzahl an Kindern in einer Kindergartengruppe von ebenfalls 25 Kindern. Diese Höchstzahl darf überschritten werden, falls das notwendig sein sollte.“

Heute, Donnerstag, wird es in Neudörfl ein gemeinsames Treffen mit allen Neu-Ankömmlingen geben. „Dort werden wir noch einmal versuchen, alle offenen Fragen zu beantworten. Außerdem bietet sich dabei die Möglichkeit, dass die Geflüchteten sich untereinander ein wenig kennenlernen. Auf Wunsch werden wir diese Treffen regelmäßig anbieten“

Viele Einzelschicksale werden womöglich bekannt

Was war der erste Eindruck, den Bürgermeister Dieter Posch von den angekommen Menschen hatte? „Mein Gefühl sagt mir, dass alle zunächst einmal sehr erleichtert waren nach zweittägiger Busreise gelandet und auch willkommen zu sein. Nach und nach werden jetzt aber die Einzelschicksale und die Ungewissheit an die Oberfläche kommen. So berichtete zum Beispiel eine junge Frau, die mit ihren Kindern und den Kindern ihrer Schwester hierhergekommen ist, davon, dass ihre Schwester es nicht geschafft hat, in der Ukraine in den Zug zu steigen. Bei vielen stellt sich deshalb ständig die Frage, wie geht es den Verwandten oder den Männern, die in der Ukraine zurückbleiben mussten.“

Auch die Gemeinde Baumgarten hat eine Initiative gestartet und sich auf die Suche nach Quartieren für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine begeben.

In einer Facebook-Aussendung ist zu lesen: „Wir ersuchen um Meldung und Kontaktaufnahme, falls Sie selbst ein Nachbarschaftsquartier oder eine Unterkunft für Schutzsuchende aus der Ukraine anbieten können.“

Jede Wohnung und jedes Zimmer zählt

Bürgermeister Kurt Fischer sagt: „Die Baumgartnerinnen und Baumgartner sind sehr hilfsbereit, wir haben schon seit Jahren bei uns wechselnde Flüchtlingsfamilien einquartiert, die gut in der Gemeinde integriert werden. Jetzt unterstützen wir die Initiative des Landes Burgenland und haben in unserer Gemeinde einen Aufruf nach Privatquartieren gestartet. Gemeldet können uns nicht nur leerstehende Häuser mit intakter Infrastruktur werden, es können auch Wohnungen oder auch einzelne Zimmer sein, in die Flüchtlinge einziehen können. Bis jetzt haben schon drei private Personen Quartiere in der Gemeinde angeboten, in denen sie Flüchtlinge aufnehmen wollen. Ich bin sehr stolz auf unsere Baumgartnerinnen und Baumgartner!“

„Solidarität in schönen Worten ist die eine, solidarisch zu handeln die andere Seite der Medaille.“

Die Gemeinde wird dann die weitere Abwicklung und Abstimmung mit den zuständigen Behörden und Organisationen übernehmen, damit der Bürokratieaufwand für die Quartiergeber so gering wie möglich gehalten wird. Kontakt: Gemeinde Baumgarten: 02686/2216 oder post@baumgarten.bgld.gv.at

Die Anteilnahme und die Hilfe im Bezirk Mattersburg, exemplarisch gezeigt an den Gemeinden Neudörfl und Baumgarten, ist also sehr groß. Auch der GVV, der sozialdemokratische Gemeindevertreterverband, begrüßt die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge dezidiert. Martin Giefing, Gemeindevorstand aus Neudörfl, ist dort Bundesgeschäftsführer. „Gemeinden haben in der Vergangenheit immer bewiesen, dass sie schutzsuchenden Menschen Hilfe und Heimat bieten. Das werden sie auch dieses Mal tun, wie man jetzt schon sieht.“ Als Vertreter der sozialdemokratisch geführten Gemeinden verweist Giefing aber auch darauf, dass der Bund die Gemeinden dabei unterstützen muss. „Was es braucht, ist ein Aufteilungsschlüssel und eine bundesweite koordinierte Aufnahme und keine Massenquartiere. Solidarität in schönen Worten ist die eine, solidarisch zu handeln die andere Seite der Medaille.“

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