Pflegerin reiste von Arad nach Andau. Sonderzüge von Rumänien nach Österreich stellen die 24-Stunden-Betreuung sicher. Diplompflegerin Jenny Corb erzählt von ihrer Reise aus dem Banat in den Seewinkel.

Von Norbert Aichhorn. Erstellt am 25. Mai 2020 (06:28)
Sofort sympathisch. Betreuerin Jenny Corb mit ihrer neuen Patientin Rosa Locsmandy. Die Chemie stimmte von Anfang an zwischen den beiden.
BVZ

In Andau im Seewinkel öffnet mit einem zufriedenen Lächeln Helmut Locsmandy die Haustür. „Vor zwei Stunden hat die Agentur unsere neue Betreuerin gebracht“, erzählt er erleichtert, „Jenny hat sich sofort mit meiner 93-jährigen Mutter verstanden. Für sie ist eine ständige Betreuung mittlerweile unumgänglich.“

Frühere Versuche, selbst eine Betreuung zu organisieren, hatten sich insbesondere seit Beginn der Corona-Krise als nicht tragfähig erwiesen. So blieb dem seit Jahrzehnten in Wien lebenden Ehepaar Helmut und Edith Locsmandy letzten Endes nichts anderes übrig, von April an selbst die Betreuung zu übernehmen. Ihre Urlaube haben sie dafür aufgebraucht. Über eine Agentur ist es nun aber endlichgelungen, eine 24-Stunden-Betreuerin zu organisieren.

Die Wirtschaftskammer Österreich hat zusammen mit den ÖBB im Mai sechs Sonderzüge organisiert. Damit wird eine Ablöse der zum Teil seit Februar in Österreich arbeitenden Betreuerinnen ermöglicht. Durch die Coranakrise ist seit Mitte März ein Transfer auf dem Straßenweg von und nach Rumänien nicht mehr möglich.

Fünf Monate ohne Gehalt

Pro Fahrt sind 360 Plätze für 24-Stunden-Betreuerinnen reserviert. Die Züge fahren von Timisoara in Rumänien im Korridorverkehr durch Ungarn direkt zum Flughafen-Bahnhof in Wien-Schwechat. Dort sind die Betreuerinnen zwei Tage in einem Hotel in Quarantäne. Währenddessen werden sie auf Covid-19 getestet. Am darauffolgenden Tag holen die Agenturen oder die Familien ihre Betreuerinnen ab und bringen sie direkt zu ihren Patienten.

Jenny Corb stammt aus Arad im Westen Rumäniens. Sie hat es sich mit ihrer Patientin Rosa Locsmandy auf der Couch im Wohnzimmer des schmucken Einfamilienhauses in Andau bequem gemacht. Frau Locsmandy legt behutsam den Arm auf ihre Schulter. Sie ist schon leicht vergesslich, aber für ihr Alter erstaunlich rüstig. Sofort hat sie Zuneigung zur ruhigen 58-jährigen Betreuerin gefunden. Auch Jenny Corb ist überglücklich, in Österreich wieder Arbeit in ihrem Beruf gefunden zu haben.

„Meine letzte Patientin verstarb leider Ende Dezember und ich musste gezwungenermaßen nach Hause fahren“, erzählt sie. Zuhause in Arad hat sich ihre frühere Vermittlungsagentur nicht mehr um sie gekümmert. Aus der ursprünglich geplanten Rückkehr nach Österreich im Februar wurde nichts.

„Es gab keine Anrufe mehr, denen war ich wohl trotz Pflegediplom schon zu alt, obwohl ich acht Jahre für sie gearbeitet habe“, denkt sie betrübt an diese für sie finanziell sehr schwere Zeit zurück. In Rumänien hatte sie keinerlei Ansprüche auf Sozialleistungen. Die Alleinstehende lebte in ihrer kleinen Wohnung fast fünf Monate ohne Gehalt.

Eine Freundin empfahl ihr schließlich, sich bei der burgenländischen Agentur zu bewerben. Der Rückruf aus Österreich kam prompt. „Mein Agenturchef aus Neusiedl am See kümmerte sich persönlich darum, dass mir alle notwendigen Unterlagen für den Sonderzug per Mail zugesandt wurden“, erzählt Corb, „dann ging’s wirklich ruckzuck. Fünf Tage später war ich schon im Hotel am Flughafen in Wien eingecheckt.“

Negativer Covid-19-Test ist Voraussetzung

Nach Erhalt des negativen Testergebnisses wurde sie vom Agenturchef abgeholt und direkt zur Patientin nach Andau gefahren, wo sie vom Ehepaar Locsmandy schon erwartet wurde.

Vorab wurde die 24-Stunden-Betreuerin bereits über den Gesundheitszustand und die Lebensumstände der 93-Jährigen informiert. So konnte sie sich darauf schon ein wenig einstellen. Auch der bürokratische Aufwand, wie etwa die Anmeldung der Betreuerin oder der Antrag auf Förderung, wurde von der Agentur bereits in die Wege geleitet, eine Erleichterung für die Familienangehörigen. Die Ankunft der Betreuerin gibt ihnen jedenfalls ein beruhigendes Gefühl.

„Das Schönste ist für mich, dass Jenny sofort einen Draht zu meiner Mutter gefunden hat und von ihr akzeptiert wird“, freut sich Locsmandy. Wenn alles so gut weitergeht, wird die Rumänin bis September durchgehend in Andau bleiben.

„Wir können nun in Wien wieder unserer Arbeit nachgehen und brauchen uns keine Sorgen mehr um Rosa machen, sie ist in guten Händen“, ist sich Helmut Locsmandy sicher. Nachsatz: „Wir freuen uns dann schon, wenn wir am Wochenende zu Besuch kommen können.“