Weiden am See: Ein Physiker am Schilfdach. Koos van Hoorne übt gemeinsam mit seinem Vater Arie ein seltenes Gewerbe aus und hat dafür ein renommiertes Forschungsinstitut für Teilchenphysik verlassen.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 21. Juni 2020 (05:10)
Eingespieltes Duo. Arie und Koos van Hoorne sind von Schilf als Baumaterial überzeugt: „Es isoliert gut und ist komplett natürlich.“
Böhm-Ritter

Ein in Österreich nahezu ausgestorbenes Handwerk hat Arie van Hoorne in den 1980er Jahren ins Burgenland gebracht. Der Holländer ist Schilfdachdecker. Heute ist er in Weiden am See sesshaft und steht bereits mit Sohn Koos auf den Dächern.

„Beim Umgang mit dem Schilf braucht man viel Gefühl“, erklärt Arie van Hoorne im BVZ-Interview, „jeder Bund ist anders. Man muss wissen, wohin man ihn am besten legt. Das erfordert viel Erfahrung.“ Und diese hat der 63 Jährige allemal. Beim Bau des Seeparks in Weiden am See in den 1980er Jahren erhielt er seine ersten Aufträge außerhalb der Niederlande. Die Dächer der Ferienhäuser hier sind allesamt mit Schilf gedeckt. Die ersten Jahre hat van Hoorne immer nur in den Wintermonaten im Burgenland gearbeitet. Dass er hier bleiben will, hat er schnell gewusst: „Das Wetter hier ist viel besser, in Holland regnet es im Winter zu viel.“

Vom Holländer zum Burgenländer

1990 übersiedelte er mit Ehefrau Annemieke und drei Kindern im Kindergartenalter dann tatsächlich, erstmals nach Sankt Andrä am Zicksee. Dort hat sich die Familie schnell eingelebt. „Die Kinder haben nach ein paar Monaten Dialekt gesprochen. Wir haben unsere eigenen Kinder nicht mehr verstanden“, erinnert sich Arie van Hoorne mit einem Schmunzeln zurück. Einige Jahre später ist die Familie selbst in den Seepark Weiden am See gezogen. Dorthin, wo es die meiste Arbeit für einen Schilfdachdecker gibt. Hier ist immer etwas zu tun, vor allem Ausbesserungsarbeiten. „Und jedes Jahr gibt es ein größeres Projekt, so wie zum Beispiel beim Seerestaurant „das Fritz“, wo wir die Fassade mit Schilf verkleidet haben.“ Mit „wir“ meint Arie seinen Sohn Koos, denn mittlerweile sind Vater und Sohn ein eingespieltes Duo auf den Dächern. Der Junior will das Unternehmen schließlich auch übernehmen.

Klar war das nicht immer, denn Koos van Hoorne ist Physiker. Nach seinem Studium der technischen Physik hat er sieben Jahre in der Schweiz am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, gearbeitet, bekannt durch seinen Teilchenbeschleuniger.

„Das war ziemlich leiwand“, erzählt Koos van Hoorne. Er habe im Bereich der Teilchenphysik geforscht und einen Detektor gebaut, um Teilchen vermessen zu können. Je weiter es die Karriereleiter hinauf ging, desto uninteressanter sei der Job aber geworden: „Zuletzt habe ich nur mehr gemanagt und E-Mails geschrieben.“ Und das war nicht mehr das Wahre für van Hoorne Junior. „Irgendwie war es immer im Hinterkopf, dass ich einmal die Firma meines Vaters übernehmen will. Ich habe das Handwerk ja von klein auf kennengelernt. Schon als Kinder sind wir am Dach ‚eingeschult‘ worden.“

BVZ

Seine wissenschaftliche Ader hat der junge Handwerker aber nicht verloren. Koos van Hoorne ist gerade dabei sein eigenes Haus zu planen, das er in Weiden am See bauen möchte. Ein Schilfdach darf es aber laut Bebauungsrichtlinien nicht sein. Aus brandschutztechnischen Gründen. Damit will sich van Hoorne aber nicht abgeben: „Ich habe ein kleines Dach gebaut und bin damit zur Prüfanstalt für Brandverhalten nach Wien gefahren, um zu beweisen, dass es nicht in Vollbrand gerät und leicht zu löschen ist.“ Nun hofft Koos van Hoorne, dass es auch außerhalb des Seeparks möglich sein wird, Schilfdächer in dichter besiedelten Gebiet zu bauen, denn eines seiner längefristigen Ziele ist es, Schilfdächer auch wieder für moderne Architektur interessant zu machen. So wie es auch in Holland bereits ein Trend ist.

Verändert hat sich das Handwerk in den vergangenen Jahrzehnten kaum. „Maschinell ist hier nicht viel zu machen, weil jeder Schilfbund anders ist.“ Geschnitten wird das Schilf übrigens von den van Hoornes selbst rund um den Neusiedler See. Im Winter mit einer umgebauten Pistenraupe. „Dieses Schilf hat international einen sehr guten Ruf, weil es länger haltbar ist“, weiß Arie.