Schilf schützt Weinreben vor Frost. Pionier-Projekt: Schilfrohr könnte zukünftig eine echte Alternative zu Stroh werden. Der hohe Siliziumanteil macht Pflanzen widerstandsfähiger und frostbeständiger.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 14. Juni 2017 (05:33)
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Präsentation eines Pionier-Projektes. Unter den Interessierten waren Landtagsabgeordneter Kilian Brandstätter, Bürgermeister Hans Schrammel, Christian Temer, Helmut Rojacz, Alois Herzig, Nationalparkdirektor Johannes Ehrenfeldner, Dominik Hainzl und Hans Lehner.
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Der Schilfgürtel um den Neusiedler See ist die zweitgrößte zusammenhängende Schilffläche Europas und gehört auch weltweit zu den größten Schilfgebieten. Für den See, den Nationalpark und dessen Vogelwelt ist das Rohr von essenzieller Bedeutung. Dass es auch in der Landwirtschaft von großem Nutzen sein kann, will ein Pionierprojekt in Gols zeigen, das Nationalpark-Betreuer Hans Lehner ins Leben gerufen hat.

Neue Möglichkeiten der Verarbeitung

Er ist überzeugt, dass das nährstoffreiche Schilf für die Landwirtschaft bestens geeignet ist. „Zum Beispiel für die Lockerung des Bodens. Wird das Schilf in den Boden eingearbeitet, werden Bakterien zur Humusanreicherung belebt. Trägt man eine drei bis fünf Zentimeter dicke Decke auf, hilft das Schilf wiederum, Feuchtigkeit im Boden zu erhalten“, erklärt Lehner. Noch größere Bedeutung könnte das Schilf aber als Dünger in der Landwirtschaft einnehmen. Durch seinen hohen Anteil an Silizium mache es die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Frost, so der Experte. Das macht das Schilfrohr vor allem für Winzer interessant, die 2016 und 2017 mit ungewöhnlich späten Frosttagen im April zu kämpfen hatten. „Frostschäden können dadurch zwar kaum verhindert werden, die Kulturen werden aber resistenter“, betont Lehner.

Dass Schilf ein nährstoffreiches Naturprodukt ist, das wichtige Inhalte für landwirtschaftlich genutzten Boden besitzt, ist nichts Neues. Allerdings gab es bis dato keine kostengünstige Möglichkeit zur Verarbeitung des Schilfes, um es klein geschnitten auf die Felder aufbringen zu können. „Durch die zu teuren Vorarbeiten war Schilf bis dato kein interessantes Produkt für die Bauern. Das Problem war die Ausbringung des langstieligen Schilfes“, weiß Lehner, der durch Zufall eine Möglichkeit entdeckt hat, dem Problem Herr zu werden.

Schilfrohr: Regional und biologisch

„Als ich die neue Hochdruckvierkantpresse des Podersdorfers Dominic Hainzl gesehen habe, wollte ich sofort einen Test mit Schilf starten.“ Das Besondere an der Maschine: Sie presst nicht nur, sondern kann gleichzeitig auch schneiden. Das Resultat wurde vor Kurzem vor Winzern und Interessierten aus verschiedenen Bereichen, wie Wasserwirtschaft und Nationalparkmanagement präsentiert. Das klein geschnittene Schilf wurde im Weingarten des Golser Winzers Harald Lehner ausgebracht.

Das Feedback ist durchaus positiv. „Ich habe schon vor fünf Jahren Schilf im Weingarten ausgebracht. Damals hat mich das Häckseln ein Vermögen gekostet. Durch die neuen Möglichkeiten werde ich aber nun wieder auf Schilf setzen“, ist der Podersdorfer Winzer Paul Ettl begeistert. Er weiß die günstigen Eigenschaften des Schilfrohrs zu schätzen: „Es ist die Bodenlockerung, je mehr Humus, desto besser wird Wasser gespeichert. Außerdem beinhaltet das Schilf kaum Stickstoff. Das ist positiv, den können wir im Weingarten nicht gut gebrauchen.“

Die Vorteile von Schilf zählt auch Hans Lehner auf: „Es ist genug vorhanden, ist regional, biologisch, jeder Bio-Bauer kann es verwenden.“ Darüber hinaus, wäre es auch ein Gewinn für den Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel: „Es gibt Vogelarten, die nur in frisch geschnittenen Schilfgebieten niesten“, meint der Experte.