Tourismus ringt um Personal: 275 offene Stellen im Bezirk Neusiedl

Erstellt am 02. Juni 2022 | 05:41
Lesezeit: 4 Min
Fachkräftemangel ist kein neues Problem. Die Pandemie hat es aber verstärkt, vor allem in der Gastronomie- und Tourismusbranche. Touristiker sehen den Bund gefordert.
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Die Tourismussaison in der Region um den Neusiedler See ist gut angelaufen. Vor allem am vergangenen verlängerten Wochenende waren die Betriebe gut gebucht. Die Buchungslage verheißt auch für die kommenden Wochen Gutes. Trotzdem bleibt die Jubelstimmung in der Branche gedämpft.

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Foto: BVZ

Neben der Teuerung hat man mit weiteren Sorgen zu kämpfen: Gastronomie und Tourismusbetriebe suchen händeringend nach Personal. Ein Problem, das auch andere Branchen betrifft: Im April verzeichnete das Arbeitsmarktservice (AMS) in Neusiedl am See 659 offene Stellen.

Blickt man auf Aprilzahlen bis ins Jahr 2017 zurück, liegt man damit auf Rekordkurs. Im Vergleich zum Vorjahr bemerkt man bei den offenen Stellen ein Plus von knapp 129 Prozent.

Diese Entwicklung sieht man laut Petra Beidl, AMS Geschäftsstellenleiterin in Neusiedl am See, auch im Bereich Fremdenverkehr: Die Pandemie habe den Arbeitskräftemangel deutlich verschärft. Im Neusiedler Bezirk standen im April 275 offene Stellen 116 Arbeitssuchenden gegenüber.

„Mitarbeiter müssen mehr Netto vom Brutto bekommen – sonst geht es sich für die Betriebe nicht aus.“  klaus hofmann Geschäftsführer St. Martins Therme & Lodge

„Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben die Branche in der Zwischenzeit verlassen“, sagt Beidl. Außerdem würden auch weniger Menschen als früher überhaupt in die Branche einsteigen, denn auch in vielen anderen Bereichen stehe ein höheres Jobangebot als in den letzten Jahren zur Verfügung. „Die Knappheit an Arbeitskräften wird die Branche noch längere Zeit begleiten,“ so die Einschätzung der Arbeitsmarkt-Expertin.

Von „guter Buchungslage, jedoch teilweise herausfordernden Mitarbeitersituationen“ hört auch Klaus Hofmann, Vizepräsident der Österreichischen Hoteliervereinigung, im Kollegenkreis. Und auch er selbst berichtet als Geschäftsführer der St. Martins Therme & Lodge in Frauenkirchen, dass die Dienstplangestaltung eine immer größere Herausforderung darstelle.

Schlechtes Image der Lehre

Den – europaweiten – Fachkräftemangel sieht er vor allem als gesellschaftliches Problem. Die Lehre im Allgemeinen und speziell in der Tourismusbranche brauche einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft.

„Für mich ist nicht nachvollziehbar, warum man jedem Kind ein Studium wünscht und keine Ausbildung im Tourismus. Diese Branche ermöglicht es jungen Menschen, sich ‚berufsbegleitend‘ die ganze Welt ansehen zu können. Sie prägt von Beginn an junge Menschen im Sozialverhalten und bringt Empathie, Sozialkompetenz, Flexibilität, Fremdsprachen wie auch Belastbarkeit mit sich. Dies aber in einem höchst positiven Umfeld – nämlich dort, wo andere Urlaub machen. Auch müssen Gäste viel mehr wertschätzen, was Mitarbeiter im Tourismus leisten“, betont Hofmann.

300 Mitarbeiter sind in der St. Martins Therme & Lodge beschäftigt. Der Branche entsprechend war eine Fluktuation auch vor der Pandemie gegeben. Aktuell sind laut Hofmann aber auch hier überdurchschnittlich viele Positionen zu besetzen (siehe www.stmartins.at).

Ob nicht auch die Tourismusbetriebe in die Pflicht zu nehmen sind, wollte die BVZ wissen. Betrieben, die sich seit Jahren proaktiv um Mitarbeiterbindung, Ausbildung, Infrastruktur, flexible Dienstplangestaltung und leistungsgerechte Entlohnung gekümmert haben, gehe es heute besser, stimmt Hofmann zu.

Patrik Hierner, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Nordburgenland, betont, dass die Betriebe schon viele Anreize für ihr Personal bieten würden, aber gefordert sei auch die österreichische Bundespolitik. Diese müsse die Rahmenbedingungen für Mitarbeiter und Betriebe verbessern.

Bundespolitik ist gefordert

„Fachkräftemangel ist kein Problem, das die Betriebe oder ein Bundesland alleine lösen kann“, erklärt Hierner. Klaus Hofmann bringt es auf den Punkt: „Mitarbeiter müssen mehr Netto vom Brutto bekommen - sonst geht es sich für die Betriebe nicht aus.“

Dennoch setzen auch Tourismusverbände und Land immer wieder kleinere Initiativen und Aktionen, um den Fachkräftemangel in der Tourismusbranche einzudämmen. So werden etwa Tourismusschulen besucht, auch um grundlegenden Problemen auf den Grund zu gehen, denn nur etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler wollen laut Hierner in der Tourismusbranche arbeiten.

Ein immer wieder genanntes Argument gegen einen Einstieg in die Branche seien „familienunfreundliche Arbeitszeiten, vor allem am Wochenende“. „Dabei ist vielen nicht klar, dass sie dafür unter der Woche Dinge machen können, für die andere dann keine Zeit haben“, so Hierner.

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