Mit dem Nachtwächter auf Rundgang. Christian Seywerth hat einen ausgestorbenen Beruf wiederbelebt. In den Ortschaften rund um den Neusiedler See führt er seine Gäste durch die Nacht.

Von Norbert Aichhorn. Erstellt am 30. Oktober 2020 (04:55)
Christian Seywerth, hier bei einer Führung durch die Gemeinde Purbach, ist als Nachtwächter sichtlich in seinem Element.
zVg/Seywerth

Nachtwächterrundgänge werden mittlerweile in vielen Gemeinden rund um den See angeboten. Im Nachtwächtermantel steckt Christian Seywerth, er weiß, mit historischen Geschichten aus den Ortschaften zu begeistern.

„Angefangen hat alles damit, dass ich mich nach dem Tod meines Großvaters 1996 für die Familiengeschichte zu interessieren begann“, erzählt Christian Seywerth vom Beginn seiner Leidenschaft. Mit der Beschäftigung seiner Vorfahren, die als Müller die Wassermühlen zur Getreideverarbeitung betrieben, war sein Interesse an Geschichte geweckt.

Der Joiser begann, ab 2001 das örtliche Dorfmuseum neu zu adaptieren. Dabei stellte er fest, dass niemand die Geschichte des Ortes vermitteln konnte. Schnell war klar, dass diese Wissenslücke geschlossen werden sollte. Christian Seywerth, im Brotberuf Elektroingenieur in einem Industriebetrieb in Siegendorf, vertiefte sich intensiv in die Archive von Jois.

2003 führte er schließlich zum ersten Mal Gäste durch den Ort. Das große Interesse an seinen Rundgängen bewog Christian Seywerth, sie auf Orte rund um den Neusiedler See auszuweiten und eine dazugehörige professionelle Ausbildung zu absolvieren: Seit 2006 ist er staatlich geprüfter Fremdenführer. „Ich wollte nicht nach Wien gehen und einer von hunderten Fremdenführer sein, sondern im Bezirk Neusiedl am See bleiben und dort mein erworbenes Fachwissen anwenden“, beschreibt er seinen weiteren Berufsweg.

Im gesamten Burgenland gibt es nur 15 Fremdenführer. „Da ist eine Spezialisierung einfacher. Auf der Suche nach ausgestorbenen Berufen ist mir der Beruf des Nachtwächters besonders ins Auge gestochen“, berichtet der 48-Jährige von seinem nächsten Schritt, „ich wollte etwas Spezielles anbieten, was niemand im Programm hatte.“ Und so führt Seywerth seine Besucher in der traditionellen Kleidung eines Nachtwächters durch die burgenländischen Gemeinden.

Einst verantwortlich für die Brandwache

Nachtwächter lassen sich vom 12. Jahrhundert an bis etwa 1920 in den Dörfern rund um den Neusiedler See nachweisen. Sie hatten die Aufgabe, bei Feuer sofort Brandalarm zu geben und bei Nacht für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Haus und Hof waren damals mit Schilf gedeckt und ein Funke genügte, um einen Dorfbrand zu entfachen. Schilfdächer waren extrem feuergefährdet. Blitzableiter gab es nicht. Der wirtschaftliche Totalschaden war dann enorm und ein Wiederaufbau dauerte Jahre. In manchen Orten, wie etwa in der Freistadt Rust, begann man erst um 1850 die Dächer mit Schindeln zu decken. Da es bis ins 19. Jahrhundert keine Feuerversicherungen und auch keine Feuerwehren gab, war die Früherkennung von Bränden für die Dörfer und Städte wirtschaftlich überlebensnotwendig.

Seinen ersten historischen Nachtwächterrundgang führte Christian Seywerth 2007 durch Purbach. Die Stadtgemeinde bot sich deshalb an, weil hier aufgrund der noch vorhandenen Wehranlage, der historischen Bausubstanz und wegen des berühmten „Purbacher Türken“ auf engstem Raum sehr viele Sehenswürdigkeiten zu finden sind. Die Organisation der Rundgänge wird gemeinsam mit dem örtlichen Tourismusverein durchgeführt. Sie finden immer am Abend statt. Die Besucher nehmen sich Zeit, um dann in Ruhe etwas von der Geschichte der Gemeinde zu erfahren. Der Zuspruch ist bis heute enorm, oft sind es mehr Einheimische als Touristen, die an den Führungen teilnehmen. Viele Ortsbewohner erfahren dadurch zum ersten Mal Details aus ihrer Dorfchronik.

„Nachtwächterrundgänge im klassischen Outfit sind ein absoluter Renner“, berichtet Christian Seywerth begeistert über den durchschlagenden Erfolg seiner Idee. Mittlerweile zählen auch Neusiedl am See, Rust, Eisenstadt, Winden am See, Weiden am See, Podersdorf, Apetlon, Halbturn und Gols zu den Orten, wo fallweise diese speziellen Führungen angeboten werden. Die Tourismusvereine nehmen diese Führungen gerne in ihr Programm auf, sind sie doch ein Alleinstellungsmerkmal.

Meistens gibt es vor Beginn der Tour bei den örtlichen Winzern eine Weinverkostung samt einigen Schmankerln.

2010 erweiterte der Joiser sein Angebot. Er ließ sich am Ländlichen Fortbildungsinstitut in Eisenstadt zum zertifizierten Natur- und Landschaftsvermittler ausbilden. In Wanderungen, die er an Wochenenden tagsüber anbietet, zeigt er den Teilnehmern die Hotter und Weingärten der Dörfer. Dabei beschreibt er die Entstehung der Landschaftsformen, wie wir sie heute kennen: etwa die Entstehung des Leithagebirges und des Neusiedler Sees.

Süße Führungen

Mittlerweile ist auch seine Frau Anna in seine vielfältigen Aktivitäten miteingebunden. „Die Backleidenschaft meiner Gattin ist die ideale Ergänzung für ein weiteres Projekt“, beschreibt er seine optimistische Aussicht auf 2021. Bei den im kommenden Frühjahr geplanten kulinarischen Genusswanderungen soll es Labestationen mit traditionellen pannonischen Süßspeisen sowie Brot, Wurst, Speck und dazu passende Weinbegleitung geben.

Wer nun am Abend stilecht von einem Nachtwächter durch seine Gemeinde geführt werden will, findet unter www.seywerth.at alle weiteren Details.