Region Neusiedler See: „Nachzipf“ für EU-Projekt

Der Pegel des Neusiedler Sees ist auf einem problematischen Niveau, aber auch der Grundwasserspiegel im Seewinkel macht Sorgen. Ein LIFE-Projekt wurde abgelehnt.

Birgit Böhm-Ritter
Birgit Böhm-Ritter Aktualisiert am 15. August 2021 | 16:50

Der Pegel des Neusiedler Sees kratzt seit Wochen an seinen historischen Tiefstwerten (gemessen seit 1965) und fiel im Juli auch schon darunter. Die vielen Hitzetage und der geringe Niederschlag machen dem Steppensee gehörig zu schaffen.

Momentan wird der Wasserstand auf 115,22 Meter über Adria (mÜA, Stand 9. August) gemessen, das sind gerade einmal fünf Zentimeter mehr als der Tiefstwert an diesem Tag im Jahr 2005. Zum Vergleich: Der Mittelwert zu dieser Jahreszeit liegt bei 115,45 müA, also 23 Zentimer über dem Ist-Stand (siehe Grafik Seite 34).

Die Regenfälle der vergangenen Tage haben dem See, dessen Wasserhaushalt großteils aus Niederschlag und Verdunstung geregelt wird, geholfen, mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein waren sie aber nicht. Die Verdunstung bei Temperaturen um 30 Grad geht einfach zu schnell vonstatten. Pro Tag sinkt der Pegel um 8 bis 10 Millimeter. „Regenfälle treiben den Wasserstand nur dann nachhaltig in die Höhe, wenn die Temperaturen niedriger sind und sich auch die Vegetation in einer Ruhepause befindet“, erklärt Christian Sailer, Leiter der Taskforce Neusiedler See im Amt der Burgenländischen Landesregierung. Also im Winter und im Frühjahr.

Neue Förderperiode, nächster Versuch

Sehr wohl profitiert hat allerdings der Grundwasserspiegel rund um den See. Regnet es hier, müssen die Landwirte ihre Felder weniger bewässern. Längerfristig gesehen bleibt allerdings das trockene Seewinkel- und Hanság-Gebiet ein Sorgenkind. Letzteres war ursprünglich ein Sumpfgebiet, das durch Entwässerungskanäle für die Landwirtschaft nutzbar gemacht wurde. Nun hat man allerdings mit zunehmender Trockenheit zu kämpfen, die auch die einzigartigen Salzlacken der Region gefährdet.

Abhilfe sollte ein groß angelegtes LIFE-Projekt unter Federführung des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel schaffen, für das man sich von der EU die Finanzierung von zehn Millionen Euro erhoffte. Einzig der Zuschlag kam nicht. „Das Projekt wurde im April eingereicht. Wir waren sehr zuversichtlich, doch Mitte Mai kam die Absage“, berichtet Sailer gegenüber der BVZ. Das Projekt wurde im Rahmen der eingehenden EU-Prüfung mit 70 Punkten bewertet, erforderlich wären 75 gewesen.

„Wir haben nun den eindeutigen Auftrag von den politischen Entscheidungsträgern, Kritikpunkte auszumerzen und das Projekt für die neue Förderperiode bis Ende November noch einmal einzureichen“, erklärt Sailer. Klappt es dann mit der Förderzusage, soll im August 2022 der Startschuss fallen: Im Großen und Ganzen geht es darum, Wasser länger in der Region zu halten. Der Seewinkelhauptkanal soll dabei mit Staustufen ausgestattet werden, sodass Niederschlag nicht gleich abtransportiert wird, sondern tatsächlich die Grundwasserneubildung fördert. „Die Steuerung muss es dabei möglich machen, die Stauklappen auch zu öffnen, damit Siedlungsgebiete bei Starkregen nicht überschwemmt werden“, präzisiert der Taskforce-Leiter und spricht auch Pumpwerke und Drainagen an, die vor allem Apetlon schützen sollen.

Neben den Rückhaltemaßnahmen beinhaltet das Projekt noch weitere Punkte, die unter anderem die Landwirtschaft in diesem Gebiet betreffen: So sollen trockenresistente Fruchtsorten beziehungsweise nicht so bewässerungsintensive Kulturarten angebaut werden und etwa wassersparende Verteilungssysteme (Tröpfchenbewässerung) zur Anwendung kommen.

Im Projektvolumen enthalten sind auch Entschädigungszahlungen, falls landwirtschaftliche Bewirtschaftung auf einzelnen Feldern nicht mehr möglich sein sollte.

Die Rückhaltemaßnahmen im Seewinkel wurden von der Taskforce Neusiedler See-Seewinkel wiederholt als erster Schritt bezeichnet, bevor es in weiterer Folge zu einer Dotierung des Grundwassers beziehungsweise des Neusiedler Sees mit ungarischem Donauwasser kommen kann.