Pfarrer Unger: „Unser Elan wurde ausgebremst“. Franz Unger, bis 2007 Stadtpfarrer, spricht über die 68er, Otto Mühl, das Zölibat und Frauen als Pfarrerinnen.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 20. September 2019 (05:19)
BVZ
Franz Unger, bis 2007 Stadtpfarrer in Neusiedl am See

Franz Unger: Ich war von klein auf kirchenaffin. Ich war Ministrant, in der Jungschar, später Jungschar-Leiter. Die Familie war da auch sehr dahinter. Und in Illmitz gab es einen jungen ungarischen Kaplan - eine Persönlichkeit, die mir sehr imponiert hat. Die endgültige Entscheidung habe ich aber ganz knapp vor meiner Weihe getroffen.

BVZ: Wie hat Ihr Ausbildungsweg ausgesehen?

Unger: Acht Jahre lang besuchte ich das Gymnasium am bischöflichen Seminar in Mattersburg. Dann hab ich Theologie studiert und nebenbei Psychologie und Pädagogik. Genau im Umbruchsjahr 1968 hab ich mein Theologie-Studium abgeschlossen. Ich bin ein 68er-Jünger (lacht). Ich hab da ein ganz normales Studentenleben geführt, hab bei Demos und Sitzungen mitgemacht und war auch bei den „Uni-Ferkelein“ von Otto Mühl im Hörsaal. Das waren auch die Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil, in denen man geglaubt hat, es wird alles neu in der Kirche.

BVZ: Wann und wo sind Sie schließlich geweiht worden?

Unger: Ich hab mir mit meiner Entscheidung nach dem Studium Zeit gelassen bis der damalige Bischof Stefan Laszlo ungeduldig geworden ist und gesagt hat: „Du musst dich jetzt entscheiden“. Am 29. Juni 1969 bin ich schließlich – als einziger Burgenländer in dem Jahr – in Frauenkirchen geweiht worden.

BVZ: Wie ist es für Sie zu sehen, dass es immer weniger Kirchgänger und immer weniger Priester gibt?

Unger: Zu Beginn meiner Priesterzeit waren die Kirchen an Sonntagen und Feiertagen noch voll. Eigentlich ist es mir ein Rätsel, dass immer weniger Leute in die Kirche gehen, weil die Kirche offener geworden ist - nicht mehr so streng. Die Pfarrer sind anders geworden, sind nicht mehr die unantastbaren Hochwürdigen. Vielleicht kommt der Rückgang aus unserem Lebenswandel: Den Leuten geht es gut, sie brauchen die Kirche nicht mehr. Viele sagen auch, sie haben keine Zeit, in die Kirche zu gehen.

BVZ: Gibt es mehr Gläubige als Kirchgänger?

Unger: Sicher. Viele sind im Grunde genommen Christen. Halten es aber nicht so streng und praktizieren ihren Glauben nicht. Ein Gottesdienst gibt ihnen nicht mehr so viel.

BVZ: Stichwort Priestermangel in Österreich: Sind Frauen als Priesterinnen für Sie vorstellbar?

Unger: Für uns „68er“ war das damals selbstverständlich und das wäre es für mich auch heute noch. Für mich wäre es logisch, dass Frauen, wenn schon nicht als Pfarrerinnen, zumindest als Diakon arbeiten dürften. Wahrscheinlich ist es die Jahrtausende lange Tradition, warum sich da bis heute nichts bewegt.

BVZ: Und wie halten Sie es mit dem Zölibat?

Unger: Um 1968 herum war ich bei Versammlungen dabei, wo wir uns dafür ausgesprochen haben, dass Priester heiraten dürfen. Wir waren sehr aufmüpfig damals, das hat Bischof Laszlo, der noch vom alten Schlag war, gar nicht gefallen. Wir waren damals überzeugt davon, dass das Zölibat in ein paar Jahren abgeschafft werden würde. Als wir gemerkt haben, dass Rom stur bleibt und dass nichts zu machen ist, haben viele resigniert. Es gab damals unter den Priestern eine große Austrittswelle, viele haben aufgehört und geheiratet.

BVZ: Warum sind Sie Pfarrer geblieben? Gab es auch bei Ihnen Momente, in denen Sie überlegt haben, das Priesteramt aufzugeben?

Unger: Für mich war das nie ein Thema. Ich war viel zu beschäftigt mit meiner Arbeit – die Seelsorge hat mir gefallen. Ich hab mich viel mit der Jugend beschäftigt, ich war der geborene Jugend-Seelsorger. Die Arbeit hat mir immer Spaß gemacht.

BVZ: Gibt es für einen Priester auch mal Kritik nach einem Gottesdienst?

Unger: (lacht) Einer hat nach der Predigt einmal ganz laut in der Kirche applaudiert. Rückmeldung habe ich öfters bekommen, vor allem in der Zeit als ich im Fernsehen meine Auftritte hatte. Acht Jahre lang – bis in die frühen 90er – kommentierte ich das Sonntagsevangelium für die ORF-Sendung „Christ in der Zeit“. Da haben viele zugeschaut, weil die Sendung direkt vor der ZiB lief. Da gab es viele Reaktionen. Die negativen kamen meistens von den Bischöfen. Die haben uns – wir waren ein sechsköpfiges Priester-Team – immer wieder zurückgepfiffen. Vor allem der Salzburger Bischof war sehr konservativ. Wir wurden ermahnt, wir sollten doch Propaganda für die Kirche machen und diese nicht kritisieren.

BVZ: Was hat das Priesteramt in den vergangenen fünf Jahrzehnten aus Ihnen gemacht?

Unger: Ich bin bescheidener geworden. Die Neuerungswünsche, die wir jungen Priester damals gehabt haben, haben sich nicht erfüllt. Unser Elan ist zurückgestutzt worden, wir haben bemerkt, dass es schwer ist etwas in der Kirche zu ändern. Ich habe aber immer geschaut, das Beste aus der Situation zu machen: lebendige Messen zu gestalten, was G´scheites zu predigen, die Jugend zu animieren. Für mich war es immer wichtig, egal wo ich war, gute Seelsorge zu machen. Ich habe immer gesagt, egal was Rom hervorbringt, an Ort und Stelle bin ich für die Menschen da – hier bin ich sozusagen der „Papst“ (Augenzwinkern) und mache, was das Beste für die Menschen ist – und zwar immer in Absprache mit den Mitarbeitern.

BVZ: Was wäre die Alternative zum Priesterberuf gewesen?

Unger: Auf jeden Fall ein Beruf, in dem man mit Menschen zu tun hat. Wahrscheinlich Psychiater, Psychologe oder Sozialarbeiter – auf jedem Fall ein Beruf, in dem man Menschen helfen kann.

BVZ: Was waren die schönsten Momente in Ihrer 50 jährigen Priesterzeit?

Unger: Da gibt es sehr viele. Ich denke immer noch gerne an unsere Jugend- und Kindergottesdienste in Andau – da waren noch die Massen. Da gab es große Treffen, Jugendgottesdienste für das gesamte Dekanat. Das hat mir und den Kindern und Jugendlichen sehr getaugt. Da waren kurze Theaterstücke dabei und natürlich rhythmische Musik, bei der alle mitgegangen sind. Außerdem sind viele freundschaftliche Beziehungen entstanden, zum Beispiel aus dem Pfarrgemeinderat Neusiedl/Weiden. Hochzeiten und Taufen sind natürlich auch immer was Schönes. Da geht einem das Herz auf. Dagegen haben Begräbnisse manchmal psychisch schon sehr an mir genagt.

BVZ: Bekommt ein Pfarrer in solchen Situationen dann auch eine Seelsorge?

Unger: Man spricht darüber schon mit Kollegen. Ich habe vor allem aber mit meinen Freunden geredet.

Interview: Birgit Böhm-Ritter