Wohlstand versus Naturraum. Birgit Böhm-Ritter über eine gekappte Verwurzelung

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 18. April 2018 (09:45)

In Neusiedl am See ist es seit Jahren Brauch, dass den Neugeborenen Stadtbürgern ein Lebensbäumchen geschenkt wird. Eine besonders nette Geste, denn so ein junges Bäumchen drückt die Zuversicht in das Leben selbst und die Natur aus. Es soll den kleinen Menschen ein Leben lang begleiten sowie Verwurzelung und Bodenständigkeit symbolisieren. Bäume verbindet man fast immer mit positiven Werten. Ein Grund, warum der Aufschrei groß ist, wenn es daran geht, sie zu fällen (Seite 15).

So wie in Neusiedl, wo neun Platanen auf der Seestraße dran glauben müssen. Ein unvorstellbares Bild: die Zufahrt zur Touristen-Attraktion - dem See - kahl, ohne Bepflanzung. Kaum ein Neusiedler kennt die Seestraße ohne Bäume, denn etwa Mitte der 30-Jahre wurden sie gepflanzt. Jetzt müssen sie weichen, weil die Wasserleitung saniert und das Gas- und Stromnetz verstärkt wird für das nahegelegene wachsende Siedlungsgebiet rund um den Pappelweg. Dieses Mal hatte die Natur gegenüber der Wohlstandsgesellschaft das Nachsehen.