1. Tanzfilmfestival in Neusiedl: Kein Warten auf das Leben

Filmprojekt von Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderung.

Erstellt am 29. Oktober 2021 | 03:59
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Carmen Kraus lieferte Idee, Konzept und Choreografie.
Foto: Zsolt Pap

Worauf wartest du? Diese Frage stand am Beginn eines ganz speziellen Filmprojektes, das seinesgleichen im Burgenland sucht.

Im Rahmen eines inklusiven Tanzprojektes entstand in Kooperation mit dem Behindertenförderungsverein Neusiedl der Kurzfilm „Kein Warten auf das Leben“. In den Hauptrollen: sechs Tänzerinnen und Tänzer mit Behinderung und drei Tänzerinnen ohne Behinderung.

Für uns bietet das Tanzfilmprojekt eine Möglichkeit, einer breiten Öffentlichkeit die Ressourcen und Fähigkeit unserer Klienten und Klientinnen näherzubringen. Johannes Aichinger Pädagogischer Leiter, Behindertenförderungsverein Neusiedl

Idee, Konzept und Choreografie stammen von Carmen Kraus. Die gebürtige Ulmerin hat es vor sechs Jahren ins Burgenland verschlagen, als ihr Partner eine Stelle als Sommelier im Gourmetrestaurant Taubenkobel in Schützen annahm. Mittlerweile sind beide in Gols sesshaft, Partner Peter Müller hat sich als „heimlichwirt“ einen Namen gemacht, Carmen Kraus macht nun mit einer besonderen künstlerischen Arbeit von sich reden.

Für die an der ArtEZ Hochschule für Kunst in Arnheim (Niederlanden) ausgebildete Tänzerin ist es nicht das erste Projekt, das sich mit inklusiven Tanz beschäftigt. Erste Erfahrungen machte sie noch als Studentin im Rahmen eines einjährigen Berufspraktikums im zeitgenössischen Tanzensemble Skånes Dansteater in Malmö (Schweden). Dort begann sie ihre Arbeit in einem Förderprogramm für Inklusiven Tanz. Zurück in Deutschland absolvierte sie eine tanztherapeutische Ausbildung, die ihr schließlich auch das Fundament für ihre Arbeit im Burgenland mitgab. Seit 2016 arbeitet Carmen mit Gruppen des Behindertenförderungsvereins Neusiedl, mittlerweile auch mit Klienten der Sene Cura Tagesstätte in Frauenkirchen und der Pro Mente Tagesstätte in Zurndorf. Der künstlerische Ansatz trat dabei zuletzt etwas in den Hintergrund. Gerade deshalb war es für die leidenschaftliche Tänzerin nun an der Zeit, „eine Idee, die schon lange brodelte“ umzusetzen.

Kraus: „Es geht um die kleinen Momente“

„Kein Warten auf das Leben“ ist ein verfilmtes Tanzstück mit dem Anspruch einer professionellen künstlerischen Arbeit. Der Titel ist eine Anspielung auf Samuel Becketts „Warten auf Godot“.

Zwei Wochen lang wurde täglich vier Stunden im Weinwerk Stadl geprobt. Eine intensive Zeit, in der die Darstellerinnen und Darsteller eng zusammenwuchsen und die Carmen Kraus als „inklusive Bubble“ beschreibt, in der es sehr viel Austausch und Reflexion gegeben habe. Das sei wichtig und notwendig für die künstlerische Arbeit gewesen, in der viel improvisiert wurde. „Ich habe mit Bildern und Ideen gearbeitet, eine feste Schrittfolge habe ich nicht vorgegeben“, erklärt Kraus im BVZ-Gespräch. Es gehe um die kleinen Momente und viel Energie in der zwischenmenschlichen Interaktion.

Um diese einzufangen, hat sich die Videografie als ideales Medium erwiesen. „Darüber hinaus schafft ein Tanzfilm einem breiteren Publikum Zugang zum Medium Tanz und kann regional, überregional und international sowohl im Rahmen verschiedener Tanz- als auch Filmfestivals gezeigt werden“, erklärt Kraus. Für die Filmarbeiten stellte die Golser Winzerfamilie Heinrich ihre komplett freigeräumte Verarbeitungshalle zur Verfügung. Ganze 20 Stunden Filmmaterial wurden von Filmemacher Juan Muñoz aufgenommen, aus derm schließlich eine 18-minütige Endfassung entstand. Die Musik zum Film stammte aus einer Kooperation zwischen der Neusiedler Musikerin Katharina Kast und dem argentinischen Künstler Rodrigo Caro.

Der Film wird nun am Samstag und Sonntag gemeinsam mit vier weiteren Tanzfilmen im Rahmen des 1. Tanzfilmfestivals, ebenfalls initiiert von Kraus, im Weinwerk gezeigt. Sie selbst bekam die Endfassung erst vor ein paar Tagen zu Gesicht: „Ich bin super froh, dass er so geworden ist, wie gewünscht. Die Aufregung, den Film jetzt zu teilen, ist groß“, sagt sie und resümiert: „Im Kunstbereich geht viel verloren, wenn man nicht inklusiv denkt, wie generell im gesellschaftlichen Leben.“