Bezirk Neusiedl: Ein Drittel der Mediziner im Pensionsalter

Erstellt am 20. Januar 2022 | 05:30
Lesezeit: 4 Min
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Seltene Ausnahme. Seit 1. Jänner praktiziert Dr. Martin Asboth (3.v.l.) in Gols und übernimmt nahtlos den Kassenvertrag seines Vorgängers Dr. Habetler.
Foto: BVZ
Der Bezirk muss sich auf eine bevorstehende Pensionierungswelle vorbereiten. Gattendorf bietet sich nach langer Medizinersuche als Standort für eine „dislozierte Ambulanz“ an.
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Es gleicht einer unendlichen Geschichte: Gattendorf und die Suche nach einem Gemeindearzt. Seit bald drei Jahren ist man in der nordburgenländischen Ortschaft ohne Allgemeinmediziner. Vor einigen Tagen schrieb die Burgenländische Ärztekammer die Kassenplanstelle bereits zum 18. Mal aus. Der ehemalige Gemeindearzt Klaus Derks ist bereits seit 2019 pensioniert. Er war 33 Jahre lang für Gattendorf und Potzneusiedl zuständig. Seither ist er nur noch als Wahlarzt tätig, was er auch für 2022 plant fortzusetzen. Seine Ordination ist allerdings mittlerweile zu einem Heurigenlokal umfunktioniert worden.

Um medizinischen Versorgungsmangel in Gemeinden zumindest vorübergehend Einhalt zu gebieten, hatte das Land Burgenland gemeinsam mit der KRAGES die Idee, dislozierte Ambulanzen zu etablieren. Diese sollen die allgemeine medizinische Grundversorgung durch Ärzte nahegelegener Krankenhäuser gewährleisten. Als Pilotprojekt war dies in Weppersdorf geplant, jedoch steht die Gemeinde im Mittelburgenland kurz vor der Neubesetzung ihrer Kassenstelle.

„Wir stehen für das Pilotprojekt einer dislozierten Ambulanz in Gattendorf bereit.“ Bürgermeister Thomas Ranits

„Wir stehen für das Pilotprojekt einer dislozierten Ambulanz in Gattendorf bereit. Seitens der Gemeinde könnten wir sofort Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, um die Gesundheitsversorgung unserer Bürger abzusichern“, sagt Bürgermeister Thomas Ranits. Gattendorf plant bereits den Bau eines neuen Gesundheitszentrums inklusive einer komplett neuen Ordination für Allgemeinmedizin. Mit dieser erhofft man sich, mehr Anreiz für einen potenziellen, neuen Gemeindearzt, der Klaus Derks nachfolgt, zu schaffen.

Schon im Frühjahr zeigte sich Thomas Bauer, Kammeramtsdirektor der Burgenländischen Ärztekammer gegenüber einem Pilotprojekt „dislozierte Ambulanz“ skeptisch, denn auch in den Krankenhäusern herrsche ein Personalmangel: „Wenn man nun aus den Spitälern heraus die niedergelassenen Stellen besetzen soll, werden dort nur noch mehr Löcher aufgerissen“, sagte Bauer damals im BVZ-Gespräch. Nach neuerlicher Anfrage heißt es in der Ärztekammer, die Situation habe sich nicht geändert, sie sei durch die Coronapandemie sogar noch angespannter.

Lange Suche nach Nachfolgern

Bewerberinnen oder Bewerber für freie Kassenplanstellen gibt es wenige. Die nahtlose Fortführung einer Praxis nach einer Pensionierung, wie etwa in Gols, ist eine seltene Ausnahme. Dort verabschiedete sich Allgemeinmediziner Günther Habetler mit Jahresende in den Ruhestand. Seine Kassenplanstelle übernahm der Südburgenländer Martin Asboth, der nun seit 1. Jänner in der Weinbaugemeinde praktiziert.

Trotz verschiedener Anreize durch das Land Burgenland und die Gemeinden dauern Nachbesetzungen nach Pensionierungen in der Regel aber viel länger. Auch in Apetlon wartete man über ein Jahr. Seit Jahresbeginn praktiziert dort nun Dragica Markovic-Grubelic.

Keine Entspannung in Sicht

Die Situation im Bereich der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte wird sich in den kommenden Jahren nicht entspannen. Im Gegenteil. Laut Ärztekammer Burgenland haben 15 von insgesamt 47 Medizinerinnen und Medizinern mit einem Kassenvertrag im Neusiedler Bezirk bereits das Pensionsantrittsalter von 60 Jahren erreicht. Sie könnten sich – mit finanziellen Abstrichen zwar – jederzeit zur Ruhe setzen. Das sind schon jetzt fast 32 Prozent. Weitere neun Ärztinnen und Ärzte erreichen das Pensionsantrittsalter in den nächsten drei Jahren.

Die Suche nach niedergelassenen Fachärzten ist noch schwieriger als nach Allgemeinmedizinern. Vergleichsweise leicht tut man sich hier noch in der Bezirkshauptstadt. Am 1. Dezember des abgelaufenen Jahres eröffnete die Fachärztin für Chirurgie Marion Steiner eine Praxis in Neusiedl am See, ab 1. April wird Josef Simon die Kassenplanstelle für Radiologie von Friedrich Karner übernehmen. Aber selbst in Neusiedl am See gibt es Schwierigkeiten, offene Stellen nachzubesetzen.

Schon seit Mitte 2019 ist man auf der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger für Helga Perger-Markl. Seit damals ist die Kassenstelle für einen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Burgenländischen Ärztekammer bereits ausgeschrieben.

Das Burgenland dürfte für junge Medizinerinnen und Mediziner jedenfalls weniger attraktiv sein als andere Bundesländer. Erst im Oktober schlug der Vizepräsident der Burgenländischen Ärztekammer Michael Schriefl Alarm: „Wenn die Österreichische Gesundheitskasse sich nicht endlich dazu bekennt und Schritte unternimmt, dass auch im Burgenland den Kassenärzten wettbewerbsfähige Konditionen geboten werden, setzt sie die wohnortnahe Versorgung leichtfertig aufs Spiel“, teilte er in einer Aussendung mit.

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