Vom Flugzeugtechniker zum Scherenschleifer

Erstellt am 27. Januar 2022 | 05:58
Lesezeit: 3 Min
440_0008_8274502_nsd04dg_schleifgeraet1.jpg
Ein eigenes Schleifgerät für das Schärfen im Freihandschliff - für Unerfahrene weniger genau, aber traditioneller und individueller.
Foto: Gottfried
Im Porträt: Warum der Mönchhofer Flugzeugtechniker Wolfgang Gross nun Scheren einen neuen Schliff gibt.
Werbung

Wolfgang Gross ist eigentlich Flugzeugtechniker. Seit Anfang der Pandemie befindet er sich aber, wie derzeit viele, in Kurzarbeit. Jedoch machte der Familienvater aus der Not eine Tugend, indem er eine neue Leidenschaft für sich entdeckte.

Da seine Frau im Veterinärbereich arbeitet, weiß er, wie schwer es für Betriebe sein kann, Scherwerkzeug professionell schleifen oder reparieren zu lassen. Hinzu kommen relativ lange Wartezeiten von mehreren Wochen, da die nächsten Werkstätten in Wien oder gar Deutschland sind. Kurzerhand nahm sich der Technikbegeisterte also der Aufgabe, die von Hundehaaren abgestumpften Klingen zu schärfen, an.

Von einem Interesse zu einem Nebenberuf

Er informierte sich über das Gewerbe, besuchte einen Kurs in Wien und kaufte sein erstes Schleifgerät. Schnell stellte sich heraus, wie komplex das Thema des Klingen- und vor allem Scherenschleifens ist. Er stieß bald auf weitere Informationen und Kurse in Englisch, was für ihn, der bisher am Flughafen Schwechat tätig war, aber kein Hindernis darstellte. Sogar ein professionelles Schleifgerät ließ er einfliegen.

440_0008_8274499_nsd04dg_schere.jpg
Der Scherenschleifer zerlegt die teure und präzise Friseurschere komplett, um sie zu warten.
Foto: Gottfried

Damit verbunden waren spezielle Online-Kurse, welche er inklusive einer Abschlussprüfung absolvierte. „Friseurscheren sind sozusagen die Königsklasse des Scherenschleifens“, erklärt der Mönchhofer. Diese kosten bis zu mehreren hundert Euro und benötigen geschulte Augen und geübte Hände. Und Übung bekam der Familienvater schnell. Mit jeder Klinge im ganzen Haushalt wurde geübt. Bald auch Verwandte und Bekannte gefragt und selbst eigens für Übungszwecke Scheren angeschafft. Die teuerste Schere, die er bisher geschliffen hat, war 1.700 Euro wert. Seit Mai 2021 hat er das Gewerbe angemeldet.

Ein Gewerbe für Geduldige und Tüftler

Dabei geht er sehr sorgfältig vor. Eine Friseurschere wird beispielsweise zerlegt, auf Schadstellen und Schärfe überprüft, die Klingen geschliffen und behandelt, alles geschmiert und nach bestem Wissen und Gewissen ausgerichtet. Biegungen, Verformungen und Kugellager werden inspiziert. In der Werkstatt des Familienvaters geht es also um mehr als nur ums Schärfen. Schneidwerkzeuge werden hier wie sensible Instrumente gepflegt, die sie auch sind.

Das bei professionellen Scheren so wichtige Einstellen des Anpressdrucks sowie Reparaturen und Reinigung werden innerhalb einiger Tage erledigt. Seit Kurzem versucht sich der Scherenschleifer auch an Verzierungen. Das geschieht durch das Ätzen von Mustern und Wörtern in das Metall der Klingen. Auf diese Weise kann man gut geschärfte Küchenmesser auf Wunsch auch zusätzlich noch individualisieren lassen.

Werbung