Kurzarbeit trifft 9.000 Personen. Die BVZ sprach mit Petra Beidl, Leiterin des Arbeitsmarktservices Neusiedl am See, über die aktuelle Situation. Im Schnitt gab es heuer um über ein Drittel mehr Arbeitslose.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 01. Januar 2021 (04:55)
Appell. Petra Beidl, AMS Leiterin in Neusiedl am See, ruft dazu auf, die Chancen der Weiterbildung durch die Coronastiftung zu nutzen. In Neusiedl findet im Frühjahr eine Ausbildung für den Pflegebereich statt.
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Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus haben sich auch massiv auf die Arbeitswelt ausgewirkt. Die BVZ sprach mit der Leiterin des Arbeitsmarktservices Neusiedl am See Petra Beidl über die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, Kurzarbeit und die Aussichten für den Arbeitsmarkt.

BVZ: Wie ist die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt im Bezirk Neusiedl am See?

Petra Beidl: Die „Erholungsphase“ des Arbeitsmarktes in den Sommermonaten wurde durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus jäh unterbrochen. Die weiteren Lockdowns schlagen sich in den Arbeitslosenzahlen und in den neuen Kurzarbeitsanträgen nieder. Im Jahresdurchschnitt von Jänner bis November 2020 waren 1967 Menschen arbeitslos, das sind um über ein Drittel (+ 36,9 Prozent) mehr gegenüber dem Vorjahr.

Mit dem Plus von angehend 37 Prozent liegt man über dem Burgenlandschnitt (+31,6 Prozent) und dem Österreichschnitt (36,4 Prozent). Die Betroffenheit zieht sich durch alle Altersgruppen, stärker in der Altersgruppe der 15- bis 24-jährigen Personen (+51 Prozent) und der Ausländerinnen und Ausländer (+64,5 Prozent). Der durchschnittliche Bestand an offenen Stellen hat sich um 27,3 Prozent verringert, bei den offenen Lehrstellen verzeichnet man ein Minus von 7,4 Prozent.

BVZ: Welche Branchen sind im Bezirk Neusiedl am See besonders betroffen von der derzeitigen Corona-Krise?

Petra Beidl: Besonders stark betroffene Branchen sind Tourismus, Gastgewerbe, Dienstleistungsbereich, Handel (ausgenommen der Lebensmittelbereich) und teilweise auch der Produktionsbereich.

BVZ: Gibt es auch Branchen, in denen jetzt offene Stellen angeboten werden?

Petra Beidl: Gemeldet werden und wurden Stellen in allen Branchen jedoch in deutlich verringerter Form als zum Vorjahr. Ein „Ausreißer“ nach oben war nur der Zugang an offenen Stellen für Aushilfskräfte im Handel in der Sparte Lebensmittel.

BVZ: Stichwort Kurzarbeit: Wie viele Anträge sind heuer eingelangt und gibt es nun wieder vermehrt Anträge?

Petra Beidl: Von März bis Mitte Dezember stellten 742 Betriebe Anträge auf Kurzarbeit. Insgesamt wurden bisher 1433 Projekte bearbeitet. Betroffen waren beziehungsweise sind 8890 Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer. An die 43 Millionen Euro wurden im Bezirk für die Kurzarbeit reserviert – bisher wurden 50 Prozent davon bereits ausgezahlt. Aufgrund der Lockdowns seit Herbst entfallen bereits 28 Prozent aller bearbeiteten Projekte auf die Kurzarbeitsphase 3. Die Betroffenheit im Bezirk ist jedoch deutlich höher, da sehr viele Betriebe im Designer Outlet, Fashion Outlet und Pado Galerien ihren Hauptsitz nicht in Parndorf haben und daher die Anträge auf Kurzarbeit auch nicht beim AMS Neusiedl gestellt werden. Betroffen sind natürlich auch die vielen Pendlerinnen und Pendler, die sich in den Zahlen im Bezirk nicht niederschlagen – Stichwort Flughafen usw.

BVZ: Wie funktioniert Arbeitsmarktservice in Zeiten der Krise?

Petra Beidl: Das Arbeitsmarktservice hat klare Vorgaben und legt hohe Prioritäten in den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Kundinnen und Kunden. Es gibt zahlreiche Vorschriften und Vorgaben, die streng eingehalten werden, damit das AMS auch zu Coronazeiten das Dienstleistungsangebot uneingeschränkt anbieten kann. Das AMS Neusiedl setzt Security ein, diese sind verantwortlich zu kontrollieren, wie viele Personen sich im Haus befinden, da aufgrund der Größe sich nur eine bestimmte Personenanzahl im Haus aufhalten darf. In Zeiten der Pandemie haben sich nicht nur die Öffnungszeiten (aktuell 8 bis 12 Uhr) verändert, sondern auch die Form der Arbeitslosmeldung. Man kann sich per eams-Konto, per Mail oder auch telefonisch arbeitslos melden. Online Betreuung und telefonische Betreuung und Beratung stehen derzeit im Vordergrund. Persönliche Kontakte finden nur in Ausnahmefällen statt. Ausnahme bilden hier Beratungstermine für Jugendliche, wo es etwa um Berufswahlberatungen geht.

BVZ: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten im Bezirk?

Petra Beidl: Ich hoffe, dass sich der Arbeitsmarkt, sofern sich die Coronazahlen verringern, langsam erholt. Abhängig wird dies natürlich auch davon sein, was sich im Bereich Tourismus und Gastgewerbe bewegt. Die Entwicklung des Handels (außer Lebensmittel) im Hinblick auf Reisefreiheit (Potenzial für Parndorf) wird natürlich auch spannend zu beobachten sein. Da der Bezirk Neusiedl ein starker Pendlerbezirk ist, liegt der Fokus des Interesses auf der Zeit nach Beendigung der Kurzarbeit. Was passiert etwa am Flughafen? Um ein Beispiel zu nennen.

Im Rahmen der Coronastiftung setzt man auf Höherqualifizierung – vor allem in Fachausbildungen. Im Bezirk Neusiedl wird der Pflegebereich forciert – es wird im Frühjahr, sofern es genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt, eine Ausbildung zur Heimhilfe und Pflegeassistenz stattfinden.

Es ist wichtig, Arbeitslosigkeit sinnvoll zu nutzen und Weiterbildungsangebote anzunehmen. Die Krise sollte als Chance gesehen werden - speziell von Personen, die keine oder keine verwertbare Berufsausbildung haben - dieses Angebot aufzugreifen.