Massive Auswirkungen der Trockenheit auf Landwirte und Winzer

Erstellt am 05. Juli 2022 | 08:07
Lesezeit: 7 Min
Neusiedler See, Purbach, Hafen Breitenbrunn - Trockenheit
Ausfahrt Purbach
Foto: BVZ
Der Neusiedler See ist seicht wie selten zuvor, der Seewinkel kämpft mit Trockenheit - unmittelbar davon betroffen sind vor allem die Landwirtschaft und Weinbaugebiete. Winzer Josef Umathum aus Frauenkirchen und Landwirt Gerald Kern zeigen die Probleme auf.
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Betroffen ist auch er Winzer Josef Umathum, dessen Weingärten in Frauenkirchen stehen . Es sind die Fehler vergangener Jahrzehnte, die sich jetzt auswirken, sagt er. Um ihnen entgegenzutreten, plädiert der Winzer für eine Aufforstung und eine Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur, denn: "Der Boden ist das Wichtigste. Das ist unser größtes Kapital", betonte er im APA-Interview.

Was im Seewinkel fehlt, ist der Regen, sagte Umathum: "Die meisten Menschen nehmen das nicht so wahr, weil es regnet zwei, drei Liter. Aber richtig tiefgreifender Regen, der für die Landwirtschaft und die Pflanzen wirkt, das sind um die 25 bis 30 Liter." In den vergangenen acht Jahren fehle in Summe ein ganzer Jahresniederschlag im Vergleich zu früher, das seien 500 Liter pro Quadratmeter.

"Boden ist unser größtes Kapital" Winzer Josef Umathum

Der Klimawandel mache sich damit ebenso bemerkbar wie "die Fehler der letzten 50, 60 Jahre". Damals habe man in der Region möglichst viel anbauen wollen: "Da hat man jedes Eck irgendwie urbar gemacht, also die Sümpfe trockengelegt." Sträucher, Bäume, Hecken und Windschutzgürtel mussten - auch für Bauplätze - weichen. Was bleibe, sei mehr Wind, der nicht mehr von Hecken gebremst werde, über den Boden fege und diesen austrockne. Umathum ist deshalb für eine Aufforstung.

Er verfolgt das Ziel, im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Wichtig sei, dass der Boden viel CO2 und Wasser speichern kann. Wird er zu oft bearbeitet, wird er leicht verblasen, verschlammt bei Regen und kann "das Wasser nicht mehr aufnehmen und keine Energie speichern, die so wichtig wäre für die nächste Hitze- und Trockenperiode", so der Winzer. Mit Humus und Kompost fördert er die Biodiversität. Zwischen den Weinreben lässt er andere Pflanzen wachsen. Sie beschatten und kühlen den Boden, verhindern Verdunstung und sorgen dafür, dass Regenwasser aufgesaugt wird.

Umathum sucht für seine Weingärten mit einer Rebselektion jene Sorten aus, die sich am besten an die klimatischen Bedingungen angepasst haben. Reben aus alten Weingärten hätten zahlreiche Informationen gespeichert und ihre Genetik verändert. Von diesen sucht sich der Winzer 100 aus, die für fünf bis sieben Jahre beobachtet und anschließend auf 30 reduziert werden, die dann im Labor untersucht werden. Übrig bleiben laut Umathum etwa zehn gesunde Pflanzen, mit denen man weiterarbeiten kann.

Auf diese Weise ist der Winzer auch auf die Rebsorte Lindenblättriger gestoßen, die eigentlich längst in Vergessenheit geraten, für die derzeitige Witterung aber gut geeignet ist. Sie wurde laut Umathum vor über 100 Jahren in der Region angebaut - bis es ihr zu kalt und sie nicht mehr reif wurde. Heute ist es wärmer, und seit 2008 wächst sie wieder bei Umathum im Seewinkel. Ebenfalls im Weingut zu finden sind neue Sorten, die aus der Kreuzung bekannter mit besonders resistenten Sorten entstehen.

Einer Anhebung des Wasserstands im Seewinkel durch eine Zuleitung, wie sie auch zum Neusiedler See geplant ist, kann Umathum nicht viel abgewinnen. Auf Flächen, die früher Sumpf waren, würden heute Häuser stehen. Diese würde man damit unter Wasser setzen. Sollte der See tatsächlich austrocknen, wäre das aus Sicht des Winzers "fatal". Salzstürme wären die Folge - "ich glaube, dass das Leben dann hier nicht mehr angenehm wäre und Weinbau auch kaum möglich wäre", sagte er. Bis dahin werde es aber wohl noch länger dauern.

Mit der Klimakrise werde auf Weinbau und Landwirtschaft wohl noch einiges zukommen, meinte Umathum. Derzeit gebe es wenig Anlass, optimistisch zu sein. Er ist es aber trotzdem: "Es gibt Wassermangel, es gibt Hagel, es gibt Frost, es gibt Schädlinge, du müsstest auf der Stelle den Betrieb aufgeben, verkaufen und das Weite suchen. Als Landwirt muss man zwangsläufig Optimist sein."

Auch den Landwirten fehlt das Wasser im Seewinkel. Gerald Kern, in dessen Betrieb in St. Andrä am Zicksee neben "heimischem" Gemüse auch Ingwer wächst, ist als Sprecher der Interessensgemeinschaft "IG Bewässerung Bezirk Neusiedl am See" auf der Suche nach Lösungen beteiligt: "Wir müssen das Wasser in der Region halten", betonte er im APA-Interview. Die geplante Zuleitung aus der Moson-Donau sei eine Chance dazu.

Mit der Trockenheit mache sich der Klimawandel bemerkbar, sagte Kern. Die Hitzetage würden mehr, die Winter milder und die Niederschläge extremer. Auf lange Trockenperioden würden oft Starkregenereignisse folgen. Der Bewässerungsaufwand steige mit Hitze und Trockenheit, um die Ernte absichern zu können. Dafür werde auf das Grundwasser zurückgegriffen, erläuterte der Sprecher der IG Bewässerung, der die Landwirte des Bezirks bei Verhandlungen zur vom Land Burgenland geplanten Wasserzuleitung in den Seewinkel und den Neusiedler See aus der ungarischen Moson-Donau vertritt.

"Müssen Wasser in Region halten" Landwirt Gerald Kern

Kern steht diesem Projekt grundsätzlich positiv gegenüber und plädiert dafür, dass Entwässerungsgräben künftig auch zur Bewässerung genutzt werden dürfen. Diese könnten dann das Wasser zurückstauen und in der Region halten bzw. über die Zuleitung aus Ungarn gefüllt werden, wenn sie gerade trocken sind. Das Wasser würde reguliert so lange wie möglich im Seewinkel bleiben, langsam ins Grundwasser sickern und den Pegel stabil halten: "Das Wasser bleibt da, der Grundwasserkörper kann sich leichter erholen und es ist natürlich auch ein Biotop", betonte der Landwirt. Gleichzeitig könne das Wasser abfließen, wenn es zu viel werde.

Ursprünglich seien die Gräben entstanden, um Wasser aus der Region zu bringen. In den 50er und 60er-Jahren sei nämlich "alles Wasser gewesen. Da hat jeder versucht, es wegzubringen", meinte Kern. Heute sei das Gegenteil der Fall. Auf ehemaligem Sumpfgebiet würden mittlerweile Häuser stehen. Der Grundwasserspiegel müsse deshalb - durch die Gräben - reguliert werden, denn steigt das Wasser, "schwimmt in Apetlon oder Illmitz die halbe Ortschaft".

Maßnahmen, die die Landwirte selbst treffen können, sind laut Kern Wassersparen und der Anbau von Kulturen, die an die Bedingungen angepasst sind. Derzeit gebe es im Seewinkel etwa viele Kürbisse, weil diese keine Beregnung brauchen. Kern selbst baut auch Frühkartoffeln an, die schon zu Beginn des Sommers geerntet werden - "weil wir genau wissen, wir können die über den Sommer nicht gescheit beregnen", sagte er. Beregnet werde nur, wenn es notwendig sei. Ganz ohne komme man in der Landwirtschaft aber nicht aus. "Ohne Beregnung hast du keinen Ertrag und ohne Ertrag kannst du zusperren", betonte Kern.

Von der Politik fühlt sich der Landwirt im Stich gelassen, in der Coronakrise und bei den Schwierigkeiten aufgrund des Ukraine-Kriegs. Auch gegen eine mögliche Mitschuld der Landwirtschaft am Austrocknen des Neusiedler Sees durch die Entnahme von Grundwasser wehrt sich Kern. 1864 sei der See für mehrere Jahre trocken gewesen. "Was war da schuld? Die Landwirtschaft sicher nicht, weil beregnet ist nicht geworden, und der Klimawandel wird es auch nicht gewesen sein. Also was war es dann? Geregnet hat es nicht, ganz einfach", so Kern.

Problematisch seien vor allem die durch den Klimawandel verstärkten Schwankungen bei der Witterung, die zu längeren Trockenperioden und Starkregenereignissen führen. Das gefährde die Planungssicherheit, sagte der Landwirt. Im September bestelle er Saatgut für das nächste Jahr: "Jetzt muss ich um 40.000 Euro Kartoffelsaatgut bestellen und dann kann ich vielleicht nächstes Jahr nicht beregnen. Das ist ein Wahnsinn."

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