Die Weltmeister-Taube, deren Opa Porsche hieß. Christian Horvath aus Wallern im Burgenland gelang etwas, wovon alle Brieftaubenzüchter träumen: Seine Brieftaube wurde Weltmeister.

Von Norbert Aichhorn. Update am 27. Oktober 2020 (13:34)
Als einer der ersten Gratulanten besuchte Bürgermeister Huber (l.) die Weltmeistertaube und ihren Trainer Christian Horvath.
Gemeinde Wallern

Am Ortsrand der nordburgenländischen Gemeinde Wallern steht das Wohnhaus der Familie Horvath. Im großen Garten hinter dem Haus verraten drei perfekt eingerichtete, gut bevölkerte Taubenschläge das jahrzehntelange Hobby von Christian Horvath.

„Als ich 17 Jahre alt war, bekam ich von einem Freund meines Bruders vier Brieftauben geschenkt“, erzählt der lebhafte 61-Jährige. Rasch wurde er Mitglied beim Brieftaubenverein „Reisevereinigung Neusiedlersee“. Seit damals sind er und seine Tauben unzertrennlich.

Das Hobby war ein idealer Ausgleich zu seinem anstrengenden Beruf als Baupolier. „Aber nach 43 Jahren war’s dann genug, jetzt kann ich mich ganz meiner Leidenschaft widmen“, beschreibt er seinen neuen, arbeitsintensiven Lebensabschnitt. Denn neben der täglichen Fütterung muss auch jeden Tag mit den Tauben trainiert werden.

„Brieftauben transportieren schon lange keine Briefe mehr“, räumt Christian Horvath mit einem Klischee auf, „heutzutage werden sie bereits acht Tage nach dem Schlüpfen beringt.“ Am Ring ist eine mehrstellige Ziffern- und Buchstabenkombination eingechipt, mit der sie dem Züchter eindeutig zugeordnet werden können. Sie haben keinen Namen, sondern eine Nummer.

Im Alter von zehn Tagen beginnt auch schon das Training für künftige Wettflüge. Werden sie zunächst nur einige hundert Meter vom Taubenkobel ausgelassen, steigert sich die Entfernung von Flug zu Flug. Intelligente Tauben finden dann schnell wieder zum heimatlichen Kobel zurück, wo als Belohnung Wasser und Futter auf sie warten. „Wie der Erdmagnetismus ihr Ortungssystem beeinflusst, ist noch immer nicht in letzter Konsequenz erforscht“, beschreibt Christian Horvath den Wissensstand, „über lange Strecken orientieren sie sich am Einfallswinkel der Sonne und zusätzlich auch an Flussläufen und Autobahnen.“

Mit 120 km/h von Sopron nach Arad

Wissenschaftler wiesen nach, dass Tauben einen ausgeprägten Geruchssinn und ein sehr gutes Erinnerungsvermögen haben. Dadurch können sie sogenannte Duftlandkarten erstellen, an denen sie sich orientieren.

Die Brieftaube, die den schnellsten Weg zurückfindet, gilt bei den Züchtern als die intelligenteste. Die Kunst ist es, aus einer Jungtaube eine Weltmeistertaube zu machen.

Dieses Kunststück hat Christian Horvath mit seiner Taube Nr. 3049 zustande gebracht.

Der Start findet in mehreren dafür umgebauten Spezialfahrzeugen statt, die Züchter nennen sie Kabinenexpress. Heuer fand die vom internationalen Taubenverband FCI veranstaltete Weltmeisterschaft in Ungarn und Rumänien statt. 475 Züchter aus ganz Europa hatten 1.111 Tauben zu diesem Wettbewerb angemeldet.

Der alles entscheidende Weltmeister-Flug fand am 30. September statt. Start war im ungarischen Sopron. Das Ziel war Arad, eine Stadt im Nordwesten Rumäniens. Die Taube, welche die Distanz von 405 Kilometer Luftlinie am schnellsten bewältigte, wurde neuer Weltmeister 2020. Gestartet wurde um 8 Uhr 35. Christians Taube erreichte nach 3 Stunden und 59 Minuten das Ziel in Arad. Die zweitplatzierte Taube eines ungarischen Züchters flog 27 Sekunden später in den Kobel des Kabinenexpresses. „Meine Taube war intelligenter als diejenige vom ungarischen Züchterkollegen. Beide kamen fast zeitgleich zum Kabinenexpress, meine flog aber sofort in den Kobel“, berichtet er stolz vom Wettkampf. Durch den Chip ist eine sekundengenaue Erfassung der Flugzeit möglich.

Die erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit betrug etwa 101 Kilometer pro Stunde, auch das ist rekordverdächtig. Man kann bei diesem Flug von einer zeitweiligen Tauben-Spitzengeschwindigkeit von etwa 120 Kilometer pro Stunde ausgehen.

Die 500 Gramm schwere Siegertaube ist sechs Monate alt, grau gefiedert und in Wallern geschlüpft. Ihre Rasse nennt sich „Jansen van Lonn“ und stammt ursprünglich aus Holland. Sie hat noch keinen Namen. Durch die coronabedingten Reisebeschränkungen kann die Weltmeistertaube derzeit auch nicht von Arad zurückgeholt werden. Sie wird dort bis auf Weiteres von den Züchterkollegen versorgt. Auch die Siegerehrung kann vorerst nicht stattfinden.

Im Stammbaum der Taube haben schon beide Großväter Wettbewerbe gewonnen. Einer der beiden heißt „911 Porsche“ und stammt aus Deutschland. Sein Name verspricht zu Recht hohe Geschwindigkeiten, dem Enkel konnte er offensichtlich seine Gene weitervererben.

Der zweite Großvater stammt von Züchter Johann Kaintz aus Neusiedl am See, der damit schon einige österreichische Wettbewerbe gewonnen hat.

„Mein ganzes Wissen und Können verdanke ich aber Josef Königshofer aus Neusiedl am See“, erzählt Christian Horvath von seinem Lehrmeister, „für die jahrelange Wissensvermittlung bin ich ihm äußerst dankbar. Viele meiner guten Tauben stammen aus seiner Zucht.“

Im Burgenland gibt es aktuell 14 professionelle Brieftaubenzüchtervereine, vier davon sind im Neusiedler Bezirk organisiert.