Primar Martin Fabsits: „Zugesagt hatte ich für ein Jahr“

Erstellt am 27. Januar 2022 | 04:29
Lesezeit: 6 Min
Nach drei Jahrzehnten am Krankenhaus Oberpullendorf ist Primar Martin Fabsits in Ruhestand gegangen. Mit der BVZ sprach er über die Anfänge des Kinderwunschzentrums, Knopfloch- Chirurgie und seine Sicht zur Zukunft der Geburtenstation.
Werbung

Wie sind Sie vor drei Jahrzehnten am Krankenhaus Oberpullendorf gelandet? Warum haben Sie sich damals entschieden aus einem großen Krankenhaus wie dem St. Pöltener an ein im Vergleich dazu kleines Spital zu wechseln?

Fabsits: Ich wurde damals von Landesrat Stix, dem späteren Landeshauptmann, eingeladen. Es war damals an der Abteilung einiges aus dem Ruder gelaufen und meine Aufgabe war es, wieder Ruhe in den Betrieb zu bringen. Zugesagt hatte ich, für ein Jahr zu bleiben. Mein eigener Plan war es zunächst nicht, für immer ins Burgenland zurück zu kommen. Aber nach einigen Monaten habe ich so etwas wie Heimatgefühl empfunden und meine Familie hat der Übersiedelung zugestimmt.

Wann sind Sie Primar geworden und worin sehen Sie die wichtigsten Aufgaben eines Primararztes?

Fabsits: Primar war ich seit April 1991, als ich nach Oberpullendorf gekommen bin. Vorher war ich erster Oberarzt an der Gynäkologie im Krankenhaus St. Pölten. Die wichtigste Aufgabe der Führung ist es für eine offene und faire „Betriebskultur“ zu sorgen, den Mitarbeitern Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten und selbst als Erster unter Gleichen Vorbild zu sein. Alles andere kommt erst später.

Einige Zeit waren Sie als Primar auch für den Gynäkologieverbund-Süd zuständig – also Leiter für drei Abteilungen an den Spitälern Oberpullendorf, Oberwart und Güssing. Wie schafft man diesen Spagat zwischen mehreren Häusern, um allen Abteilungen gleichermaßen gerecht zu werden?

Fabsits: Ich war jeden Tag in einem anderen Krankenhaus und ich bin im Nachhinein noch über mich selbst überrascht, dass ich es so lange durchgehalten habe an drei Standorten zu arbeiten. Dadurch, dass die „komplizierten und schwierigen Fälle“ oft für den Chef aufgehoben werden, kriegt man irgendwie ein verzerrtes Bild von der Realität.

Sie waren auch einige Zeit Ärztlicher Direktor? Was war an dieser Aufgabe besonders spannend, was besonders herausfordernd?

Fabsits: Ich war eine Periode ärztlicher Leiter im Krankenhaus Oberpullendorf. Das ist eine Position, die einen ein ordentliches Stück von der Medizin entfernt. Da geht es viel um wirtschaftliche und juristische Fragen. Ich habe diese Aufgabe auch gewissenhaft erledigt – aber ich war froh, als ich mit der Übernahme des Abteilungsverbundes diese Verantwortung abgeben konnte. Traditionell waren früher Primarärzte „nebenher“ auch ärztliche Leiter. In der letzten Zeit gibt es vermehrt hauptberufliche ärztliche Leiter, weil die Aufgaben ständig mehr werden, auch unabhängig von der aktuellen Pandemie.

Wie ist es Ihnen gelungen, das Kinderwunschzentrum am Krankenhaus Oberpullendorf zu etablieren?

Fabsits: Bis vor gut 20 Jahren sind die burgenländischen Kinderwunschpaare nach Wien gefahren. Da viele Untersuchungen – oft jeden zweiten Tag - nötig sind, haben wir den privaten Instituten um „Gottes Lohn“ zugearbeitet, damit die Frauen nicht so oft nach Wien fahren mussten. Mit meiner Idee, diese High-Tech Medizin in unserem Krankenhaus zu etablieren, bin ich bei der damaligen KRAGES-Direktion glatt abgeblitzt. Man hat uns nicht zugetraut, dass wir diesen Bereich fachlich bewältigen können. Am Ende war es Landesrat Dr. Peter Rezar, der an uns geglaubt hat und grünes Licht gegeben hat.

Worauf sind Sie persönlich besonders stolz, wenn Sie Ihre Arbeit der vergangenen drei Jahrzehnte Revue passieren lassen?

Fabsits: Stolz ist für mich ein fragwürdiger Begriff. Da spielt Eigenlob und Narzissmus hinein. Persönlich war mein größtes Glück, dass ich immer großartige Krankenschwestern sowie Ärztinnen und Ärzte um mich hatte. In dieser Zeit haben wir mehr als 30 Fachärztinnen und -ärzte ausgebildet, von denen viele eine beachtliche Karriere gemacht haben. Diese personelle Fluktuation hat auch bewirkt, dass immer neue Ideen eingebracht wurden.

Sie gelten als Pionier der Knopfloch-Chirurgie. Was ist das Besondere an dieser Operationstechnik? Welche Vorteile hat sie für die Patientinnen, welche Anforderungen stellt sie an den Operateur?

Fabsits: Die Entwicklung der sogenannten Knopflochchirurgie war Anfang der 90er-Jahre eine echte Sensation. Mit einigen kleinen Einstichen konnte ein großer Bauchschnitt vermieden werden. Schmerzen und Aufenthaltsdauer werden erheblich reduziert und auch das kosmetische Ergebnis ist ungleich besser. In dieser Zeit wurde die Endoskopische Fachgesellschaft gegründet und ich hatte die Ehre, zwei Perioden den Vorsitz zu führen. Im Herbst vorigen Jahres wurde von Frau Dr. Gutmann und Dr. Bognar die erste Gebärmutteroperation in Österreich mit einer noch besseren Methode an der Abteilung erfolgreich durchgeführt. Ohne Stiche in die Bauchdecke wurde die OP mittels Zugang durch die Scheide laparoskopisch getätigt.

Und wie hat sich die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe in Oberpullendorf seit Beginn Ihrer Tätigkeit verändert?

Fabsits: Die Abteilung in Oberpullendorf hat sich erheblich verändert. Die Kinderwunschbehandlung wurde immer erfolgreicher und auch die Krebstherapie wurde immer wichtiger. Aber solche Veränderungen sind ja ganz normal und betreffen wohl alle Bereiche unseres Lebens. Begonnen haben wir mit einem Fachassistenten und fünf Turnusärzten. Zuletzt waren 14 Ärztinnen und Ärzte im Team.

Die Abteilung für Geburtshilfe am Krankenhaus Oberpullendorf ist im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen gekommen wegen der möglichen Verlegung ans Schwerpunktkrankenhaus Oberwart. Wie sehen Sie mit Ihrer langjährige Erfahrung diese Frage? Hat die Geburtshilfe am Krankenhaus Oberpullendorf eine Zukunft?

Fabsits: Die Diskussion um den Fortbestand der Geburtenabteilung hat unser Team zuletzt sehr belastet. Die Aussage, dass durch das Fehlen einer Kinderklinik unsere „Qualität“ mangelhaft sei, ist unangebracht. In der viel größeren Steiermark gibt es nur zwei solcher Kliniken – in Graz und in Leoben. Da gibt es Geburtenabteilungen mit über 1.000 Geburten ohne Kinderklinik. Es war für die Betroffenen schmerzlich, dass womöglich ökonomische Aspekte so dargestellt wurden, als wäre die klinische Tätigkeit von schlechter Qualität.

Es war eine weise Entscheidung auch die Geburtshilfe zunächst fortbestehen zu lassen. Die Gesamtperformance der Abteilung ist ohnehin auch ökonomisch sehenswert. Das Mittelburgenland ist ein attraktiver Lebensraum und ich glaube, dass junge Menschen vermehrt hier siedeln werden und auch zukünftig vermehrt im Home-Office arbeiten werden. Und beim Kinderwunsch kann die Abteilung, wo nötig, ja mithelfen.

Wenn Sie die Chance hätten, die Zeit zurückzudrehen, würden Sie nochmals Arzt werden?

Fabsits: Die Medizin wird technisch immer perfekter und formal juristisch immer mehr korrekt. Und da habe ich Sorge, dass die Medizin ergebnisorientiert zwar immer erfolgreicher wird, aber irgendwie auch lieblos. Die Medizin braucht Vertrauen. Vertrauen hat man in erster Linie zu anderen Menschen und nicht in eine abstrakte Wissenschaft – wie man leider grade jetzt sehen kann. Ein Arzt soll engagiert die Erkenntnisse seines Faches anwenden und er soll aber vor allem auch die Menschen lieben. Aber ja, könnte ich die Zeit zurückdrehen würde ich wieder Medizin studieren - falls ich die Aufnahmeprüfung überhaupt schaffen würde.

Werbung