Karal: „Welt, die ich zeichne, gibt es nicht mehr“. Mitterpullendorf wurde nach 1921 eine kulturelle und Sprach-Insel. Viola Karal will das einstige Leben für Nachwelt „retten“.

Von Michaela Grabner. Erstellt am 07. Februar 2021 (03:00)
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Buchprojekt über Mitterpullendorf. Viola Karal will Menschen, ihre Häuser, ihre Tiere, ihre Geschichten festhalten– kurz, wie das Leben damals war.
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Die alte Mühle der Familie Koth, der ehemalige Meierhof vor seiner Restaurierung oder das bei einem Hochwasser überflutete Wohnhaus des Mitterpullendorfer Märchenerzählers János „Kilenc“ Ribarics – das alles hat Künstlerin Viola Karal mit Graphitzeichnungen festgehalten. Anlässlich 100 Jahre Burgenland blickt sie in die Vergangenheit und zeichnet das alte Mitterpullendorf und seine Leute immer unter dem Aspekt, wie den wohl die alten Ungarn in diesem Gebiet gelebt haben.

Nachdem das Burgenland 1921 zu Österreich gekommen ist, ist in Mitterpullendorf eine sprachliche und kulturelle Insel entstanden. „Die Leute, die hier gelebt haben, haben in Armut gelebt, abgeschnitten von der ehemaligen Heimat. Sie haben einen eigenen Dialekt entwickelt, eine ganz besondere ungarische Sprache, die heute nur noch einige wenige sprechen können – und eigene Kultur. Ich bin bemüht zu retten, was zu retten ist, von diesem ungarischen Leben, das hier war. Die Welt, die ich zeichne, gibt es nicht mehr“, will Karal diese für die kommenden Generationen bewahren. Minderheitensprachen und die ungarische Sprache im besonderen haben Karal schon immer interessiert und fasziniert. 1968 kam sie aus Preßburg (Slowakei) nach Österreich, wo sie bis 2000 an der Zentralmusikschule Oberpullendorf arbeitete.

Bemühen um finanzielle Mittel für Buch

Zusammen mit der Dichterin und Gesangspädagogin Erzsébet Lévay hat Viola Karal mehrere mehrsprachige Lieder- und Gesangsbücher herausgebracht. Schon bei ihrer Tätigkeit als freie Mitarbeiterin beim ORF-Landesstudio Burgenland für ungarische Sendungen hat sie begonnen, die Sprache der Burgenlandungarn aufzunehmen. So sind unzählige Originalaufnahmen mit alten Ungarn aus Ober- und Mitterpullendorf ihr Verdienst, die noch in ursprünglichem ganz seltenen Dialekt gesprochen haben. Auch an einer CD mit Märchen des Mitterpullendorfer Märchen des Mitterpullendorfer Märchenerzählers János „Kilenc“ Ribarics, die 2012 erschienen ist, hat sie mitgearbeitet. „Ich habe alles, was mir möglich war, gerettet. Als letztes will ich nun dieses Buch, das für die nächste Generation bleibt und kämpfe dafür, dass dieses erscheint“, erklärt Karal. So versucht sie seit einiger Zeit, die für die Veröffentlichung des Buches notwendigen finanziellen Mittel aufzustellen.

„Ein Viertel des Buchs ist schon fertig. Die Graphitzeichnungen sind nach Fotos, Erzählungen allem, was ich von früher gefunden habe und was ich noch selbst erlebt habe, entstanden“, schildert Karal. Die Texte, die in Ungarisch und Deutsch abgedruckt werden sollen, sollen das Leben in Mitterpullendorf nach der Entstehung des Burgenlands darstellen von der Feldarbeit und dem Melken der Kühe über die Entstehung des Meierhofs und die Familie Rohonczy bis zur Tatsache, dass die Leute, wenn sie die Brücke über den Bach nutzen wollten, zuerst für diese Nutzung arbeiten mussten. „Mein Mann wurde da geboren, er hat mir alles authentisch erzählt – und es wurde auch von anderen Mitterpullendorfern bestätigt. Obwohl ich seit 50 Jahren verheiratet bin, habe ich erst jetzt in Pension erfahren, wie er gelebt hat“, so Karal.