Spätes Mutterglück: Die Ü(40)berfliegermamis. Kinder großziehen ist kein Ponyhof, egal in welchem Alter. Doris Ulreich und Elisabeth Gamauf-Leitner wissen das. Und auch, dass Schwangerschaften mit 40plus definitiv „2020“ sind.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 29. November 2020 (15:28)

Das medizinisch gesehene Risiko ihrer späten Schwangerschaften sind beide Frauen vollkommen bewusst eingegangen. Elisabeth „Sissy“ Gamauf-Leitner war knapp 40 Jahre alt, als Tochter Leni zur Welt kam, bei der Geburt von Sohn Max war die bekannte Sportmoderatorin dann bereits 43. „Ich hatte zwei wunderschöne Schwangerschaften und Geburten. Wenn es danach ginge, würde ich noch zehn Kinder bekommen“, schmunzelt die Oberwarterin.

Ü-40 Mamakollegin Doris Ulreich hatte ebenfalls Glück, wobei: „Anders wär’s gar nicht möglich gewesen, da hat der liebe Gott meine Gebete erhört“, lacht die Frauenärztin, die ihre Töchter mit 38 und 40 Jahren zur Welt gebracht hat. „Ich habe bei beiden Kindern bis zum Geburtstermin gearbeitet, und dachte dabei nur stets ‚Das muss alles klappen, ich kann ja die Ordination nicht zusperren‘“.

 „Dass ich erst später Mutter geworden bin, war eine bewusste Entscheidung. Davor war ich einfach noch nicht bereit dazu.“ Elisabeth Gamauf-Leitner

 Dass eine werdende Mama in ihren 40ern zu den Risikoschwangeren zählt, weiß die Gynäkologin natürlich. Und trotzdem: „Der gesellschaftliche Blick auf sogenannte Spätgebärende hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, Gott sei Dank! Als Frauenärztin kann ich sagen, dass ältere Schwangere oft gelassener und sich der Risiken mehr bewusst sind, weil sie sich vorab bestens informieren und der Nachwuchs meistens geplant war. Sie haben im Vergleich oft weniger Ängste als junge werdende Mütter, die durch die Meinungen und gut gemeinten Ratschläge anderer Frauen, doch auch mal verunsichert werden.“

Ulreich: Bin als Ärztin gelassener geworden

Die Pinkafelderin, die ihre Praxis in Stegersbach betreibt, hatte ebenfalls Glück mit zwei unkomplizierten Schwangerschaften und Geburten. „Natürlich verstehst du als Ärztin deine Patientinnen dann auch viel besser, wenn du selbst zwei Schwangerschaften und Geburten durchlebt hast. Diese Erfahrung hat mich auch als Frauenärztin gelassener gemacht“, so Doris Ulreich, die durch ihre Ausbildung und Lebensumstände erst in späteren Jahren eine Familie gegründet hat. „Zuerst das Studium, dann die Ausbildung, dann war ich bereits mit 33 Jahren Oberärztin im Krankenhaus und dann kam die eigene Praxis. All das wäre schier unmöglich gewesen, mit Kindern. Wobei – es ist nach wie vor ein täglicher Drahtseilakt, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen“, gesteht sie lachend.

Sissy Gamauf-Leitner ist aktuell noch in Karenz zuhause. Die Sky-Moderatorin sagt heute ganz klar: „Dass ich erst später Mutter geworden bin, war eine bewusste Entscheidung. Davor war ich einfach noch nicht bereit dazu. Für mich war immer klar, dass, wenn ich einmal Kinder haben sollte, ich voll und ganz für sie da sein möchte und vor allem, dass ich dann nicht vom Gefühl geleitet sein will der Kinder wegen, etwas im Leben zu verpassen. Ich habe unzählige Nächte lang gefeiert, Karriere gemacht, bin viel gereist und hab wirklich nix ausgelassen, bevor Leni und Max geboren wurden. Aber klar hat man jetzt als Mama auch immer wieder mal Tage, an denen einem die Decke auf den Kopf fällt, wenn man zum hundertsten Mal Windeln wechselt und sich jeder Tag irgendwie gleich anfühlt. Alles andere wäre gelogen“, lacht Gamauf-Leitner.

Die zweifache Mama genießt trotzdem jeden Tag ihrer Karenzzeit, denn „Ich weiß, dass wir hier in Österreich sehr privilegiert leben und jeder Tag, an dem ich nicht arbeiten muss und noch bei meinen Kindern zuhause bleiben kann, ein Geschenk ist.“

Hamsterräder, die auch mal entschleunigen

Ein Privileg, das die heute 46-jährige Doris Ulreich nicht in Anspruch nahm. Die Frauenärztin war nur wenige Wochen nach den Geburten ihrer Töchter, die heute sechs und acht Jahre alt sind, bereits wieder in ihrer Ordination im Einsatz. „Ich hatte keine Karenzzeit, das war einfach nicht möglich. Wer hätte denn sonst meine Patientinnen versorgt? Das ist aber auch etwas, das ich heute doch auch mit Wehmut betrachte. Ich hätte die Babyzeit mit meinen Töchtern gerne mehr genossen.“ Das Hamsterrad des Lebens dreht sich auch für die beiden Überflieger-Mamis, trotz ihrer Lebenserfahrung und spätem Mutterglück, deshalb nicht weniger schnell.

„Aufstehen, die Kinder fertig machen, in die Ordi fahren und als ich meine Töchter noch gestillt habe, waren sie mit ihrem Kindermädchen im Nebenzimmer meiner Praxis. Da zwischen Patientinnen, vollen Warteräumen und Untersuchungen auch noch zu stillen, das war schon oft eine Herausforderung der Superlative“, erinnert sich Doris Ulreich heute an die erste Zeit als Mutter zurück.

Und trotzdem sind für beide Frauen ihre Kinder eine tägliche Erinnerung an mehr Entschleunigung und Besinnung auf das Wesentliche im Leben.

Sissy Gamauf-Leitner: „Die ersten Monate zuhause, bei meiner Tochter Leni, die waren wie eine Therapie für mich. Eine Auszeit aus der Arbeitswelt und dabei habe ich erkannt, dass sich das Werkl auch ohne mich weiterdreht und dass man sich selbst nicht immer so wichtig nehmen und als unabkömmlich sehen sollte.“

„Der Körper einer Frau ist ein Wunderwerk“

Dass ältere Mamas richtige Helikopter-Mütter sind, die stets wie Glucken um ihre Kinder herumfliegen, können Sissy Gamauf-Leitner und Doris Ulreich nicht nur absolut nicht bestätigen, sondern leben das Gegenteil vor.

Ulreich dazu: „Ich bin eine sehr gelassene Mama, habe ein Grundvertrauen in meine Umgebung und die Menschen darin. Mein Mann und die Großeltern der Mädchen haben von Anfang an sehr viel mitgeholfen. Ich hatte nie ein Problem damit, Rosa und Anna auch in die Obhut anderer zu geben, sonst hätte ich meinen Beruf an den Nagel hängen müssen. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Das sehe ich genauso.“ Die biologische Uhr tickt im Jahr 2020 weitaus langsamer, als noch vor 50 Jahren, denn heute sind Frauen, die erst in ihren 40ern ihr erstes Kind bekommen, längst keine Ausnahme mehr. „Was für ein Wunderwerk der weibliche Körper ist, war für mich während meinen Schwangerschaften und Geburten, die größte Erkenntnis überhaupt“, bringt es Elisabeth Gamauf-Leitner auf den Punkt. Und ob man das erste Kind mit 18, 28 oder 43 Jahren zur Welt bringt, ist am Ende dieser Zeitrechnung irrelevant, denn: Mama bleibt man von da weg ein ganzes Leben lang.